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Joe Mungo Reed – Wir wollen nach oben

Es gibt da eine schöne Geschichte, die der Teammanager Rafael dem Radsportler Solomon bei einer Gelegenheit erzählt. Man stelle sich ein Dorf vor, in der es eine junge Dame gibt, hinter der die Dorfjungen allesamt her sind, man selbst inklusive. Da gibt es nur ein Problem – alle Jungs sind größer als man selbst. Und wenn es etwas gibt, dass auf Frauen attraktiv wirkt, dann ist es Größe. Doch man selbst hat dadurch einen Nachteil, denn man ist leider der Kleinste in dem Dorf. Doch dann stellt sich heraus, dass alle andere Jungs im Dorf Schuhe mit versteckten Absätzen tragen, um größer zu erscheinen. Was macht man selbst?

Das ist die Frage, auf die diese Metapher hinausläuft. Der Teammanager Rafael liefert Solomon die Antwort dann sofort mit: man besorgt sich natürlich ebensolche Schuhe, um den Nachteil zu den anderen wieder wettzumachen. Doch welche Konsequenzen sollte Solomon aus dieser Geschichte schließen, wenn es sich um kein Dorf handelt, sondern um das bekannteste Radrennen der Welt, die Tour de France?

Mit dieser Frage beschäftigt sich das Debüt des Engländers Joe Mungo Reed. Was tun wir, um den Anschluss an die Spitze nicht zu verpassen? Wenn alle anderen schneller Radfahren oder im Job mehr Erfolge vorweisen können? Wenn da oben so unendlich weit weg erscheint?

Wie bleibt man an der Spitze?

Der Weg nach oben, er ist ein anstrengender und ein steiniger. Doch wenn man es dann nach oben geschafft hat, dann kommt die größte Aufgabe. Seinen Platz an der Spitze zu behaupten. Denn wenn die Luft merklich dünner wird, dann wird es schwierig. Welche Mittel sind dann erlaubt, um weiterhin an der Spitze zu bleiben? Solomon und seine Frau Liz geben darauf eine Antwort, die man als Leser*in nicht unbedingt mögen muss. Faszinierend schaut man dabei aber allemal zu.

Denn während Solomon bei der Tour de France bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit und darüber hinaus geht, kämpft Liz an einer anderen Front um ihren Erfolg. Sie hat Forschungs- und Drittmittel eingeworben für eine biologische Studie. Doch diese liefert nicht den gewünschten Erfolg und zeigt, dass ihrer Studie höchstwahrscheinlich eine falsche Hypothese zugrundeliegt.

Diese zweite Erzählstrang tritt deutlich hinter den um Solomons Tour de France zurück. Immer wieder unterbricht Reed diese intensiv und sehr unmittelbar geschilderten Radelepisoden, um sich dann Solomons und Liz‘ Ehe zu widmen. Das erinnert in seiner Struktur damit auch an David Coventrys Die unsichtbare Meile.

In erster Linie ist Wir wollen nach oben natürlich ein Sportler- bzw. Radrennroman. Aber die zweite Ebene macht das Buch dann wirklich spannend (wenngleich sie noch etwas mehr Raum verdient hätte). Für welche Werte stehen wir ein und zu welchen Mitteln greifen wir? Und ist im Sport und in der Liebe wirklich alles erlaubt?

Wer Wir wollen nach oben gelesen hat, der wird da unweigerlich so seine Zweifel bekommen.

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