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Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung

Es gibt näherliegende Orte, um über die Bauernkriege zu forschen, als der Ort, an dem in Achim Stegmüllers Roman Der Prozess der Modernisierung alles seinen Ausgang nimmt. Ausgerechnet in Japan wird der Erzähler von einem Professor mit der Aufgabe betraut, Forschungsansätze für eine Konferenz über das Thema zu entwickeln.
Das Ergebnis des Ganzen ist eine Art Flaneurroman, mit dem sich der Erzähler durch Zeit und Raum bewegt.


„Die juristische Fakultät plant ein Symposium: Europa auf dem Weg zu den Menschenrechten. 500 Jahre Bauernkriege. Es gibt verschiedene Titel- und Konzeptvorschläge. Wir anderen Fakultäten sind eingeladen, uns zu beteiligen, je größer und bedeutender das Symposium, desto besser für die Universität, desto besser die Aussichten auf Förderungen.
Im jetzigen Stadium geht es um die konzeptuellen Grundlagen. Ich erwäge, dass auch wir uns beteiligen. Ich möchte, dass du für die eventuelle Organisation und Durchführung einer solchen Konferenz vorbereitet sein wirst.“
Dann ging er durch den langen Gang davon. Alles wird dunkel.

Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung, S. 8

Er, der den Erzähler in Achim Stegmüllers Roman auf den ersten Seiten so überfällt, ist Professor Kobayashi. Dieser lehrt an der Universität von Kyoto und hat den Erzähler seiner befreundeten deutschen Kollegin abgenommen, damit dieser vielleicht in der Ferne zur Vollendung seiner akademischen Arbeit fände.

Tatsächlich verbringt der Erzähler, der mit seinem Auto Achim Stegmüller die Tätigkeit an der Universität in Kyoto teilt, seine Tage mit Deutschunterricht für semiinteressierte Student*innen, die in seinen Kursen Creditpunkte sammeln sollen. Der Forschungsauftrag für den Professor verheißt da Abwechslung im universitären Alltag der Lehre, da es nun an die Forschung geht.

Obschon die Universitätsbibliothek mit ihren Beständen zum Thema des Bauernkriegs im fernen Deutschland besticht, treten der Erzähler und sein Professor alsbald selbst die Reise nach Deutschland an, um vor Ort zu Thomas Müntzer, den 1525 entstandenen Zwölf Artikeln von Memmingen und der Kunst des in die Bauernkriege involvierten Tilmann Riemenschneider nahe Würzburg zu recherchieren.

Würzburg, Kyoto, Münnerstadt

Achim Stegmüller - Der Prozess der Modernisierung (Cover)

Was folgt, ist ein Text, der Elemente des Flaneurromans mit denen des Campusromans verschmilzt. Während sich Wendy, die Kollegin des Erzählers, vor Ort in eine Fehde mit der Universität für mehr berufliche Gleichberechtigung und Anerkennung stürzt und auch den Erzähler gerne an ihrer Seite sähe, entweicht dieser lieber mit seinem Professor, um sich auf eine Tour d’Horizon durch Deutschland zu machen.

Somit stehen statt Wendys Kämpfen mit dem Universitätsapparat in Japan für den Erzähler erst einmal die historischen Kämpfen der Bauernhaufen in Europa an. Gemeinsam folgen Professor und Famulus den Spuren, die diese Bauernheere beziehungsweise Haufen in der Geschichte und Landschaft hinterlassen haben.

Der Erzähler wandelt so auf den Spuren der zentralen Protagonisten der Bauernkriege, bricht auf ins unterfränkische Münnerstadt, wo sich der sogenannte Magdalenenretabel, ein vom Künstler Tilmann Riemenschneider erschaffener Altar mit der Himmelfahrt Mariens befindet. Schwimmen in sommerlichen Seen, Diskussionen mit Professor Kobayashi und ein Ausflug nach Frankenhausen schließen sich an.

Dort in Thüringen war der heute etwas in Vergessenheit geratene Thomas Müntzer mit seinem Heer von Aufständischen von den Truppen des Fürstenheers erst geschlagen und dann enthauptet worden. Der Umgang mit der Figur Thomas Müntzers in der ehemaligen DDR spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Kunst Bruegels und den Wechselbeziehungen zwischen der Historie und der Gegenwart des Erzählers, der sich in ganz eigenen Kämpfen wiederfindet.

Locker verknüpft Achim Stegmüller dabei Gedanken und Geschichte, Kunst und Kyotoer Universitätskämpfe zu einem schwebenden Text, der eine Brücke schlägt zwischen den einstigen Ereignissen, als die „Haufen“ durch die Lande zogen und der Gegenwart, in der er mit Professor Kobayashi ebenfalls die Orte bereist, die damals die Geschichte des Landes beeinflussten.

Fazit

Der Prozess der Modernisierung ist ein Roman, der sich ebenso wie sein Titel einer eindeutigen Kategorisierung entzieht. Mit Schauplätzen in Japan wie auch in Deutschland, einer Handlung in der Gegenwart, die der Zeit vor 500 Jahren nachspürt und einem durch die Gedanken und Historie flanierenden Erzähler gelingt ihm ein interessantes Stück Literatur, dass trotz einiger Unsauberkeiten im Lektorat (etwa bei eigentümlichen Schreibweisen wie peux a peux oder synkron) einen ganz eigenen Rhythmus und Ton entfaltet und damit besticht.

Mit Achim Stegmüllers Roman gelingt dem unabhängigen Gans-Verlag ein interessantes Buch, dem man fast eine Veröffentlichung im letzten Jahr gewünscht hätte, in dem das öffentliche Interesse für sein Thema eingedenk des fünfhundertjährigen Jubiläums der Bauernkriege und der Zwölf Artikel von Memmingen erstarkte.

Nichtsdestotrotz funktioniert sein Buch ja auch unabhängig von solchen Jubiläen und ist einen Blick und vor allem eine Lektüre wert!


  • Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung
  • ISBN 978-3-946392-83-5 (Gans Verlag)
  • 180 Seiten. Preis: 22,00 €

Down Under = Crime Wunder

Chris Hammer – Outback

Während die Buchläden und Krimiregale mit völlig austauschbarer Dutzendware aus Frankreich geflutet werden (Mord in der Provence, Mörderisches Lavandou, Mörderischer Mistral, Tod in der Provence, Provenzalische Verwicklungen, Blutrote Provence, Mörderische Côte d’Azur, Madame le Commissaire, Bruno, Chef de Police, Bretonisches Vermächtnis, und so weiter und so fort; man könnte diese Reihe mit Titeln aus dem Setzkasten noch unendlich fortführen) gibt es gottseidank auch noch andere Trends als Rezept- und Reisebücher mit ein bisschen Mord und Totschlag. Eine Region, die gerade den Takt in Sachen spannender und ungewöhnlicher Krimis angibt, ist Australien. In meinen Augen entwickelt sich Down Under immer mehr zum Crime Wunder.

Zahlreiche Autoren und Autorinnen von der Insel sind es, die das Krimigenre bereichern, darunter unter anderem Candice Fox mit ihrer Crimson-Lake-Serie, Garry Disher oder Alan Carter, der nun gerade mit Marlborough Man eine neue vielversprechende Serie gestartet hat.

Zu diesen Stimmen gesellt sich nun auch Chris Hammer, der mit Outback einen komplexen, spannenden und journalistisch grundierten Thriller aus der Gluthitze des Outback vorlegt. Jener Thriller entführt in das kleine Städtchen Rivers End, das fernab der Zivilisation liegt. Genauso verdorrt wie das ganze Land ist auch das kleine Städtchen selbst. Und das hat seine Gründe.

Eine Wahnsinnstat im australischen Outback

Vor einem Jahr erschoss der junge Pfarrer des Städtchens zielgerichtet fünf Männer vor seiner Kirche. Eine Wahnsinnstat, die Entsetzen und völlige Ratlosigkeit auslöste. Der Pfarrer war beliebt, kein Zeichen hatte auf den Amoklauf hingedeutet. Die Tat sorgte für die landesweite Bekanntheit von Rivers End und seitdem leben die wenigen Menschen dort unter dem Eindruck der Katastrophe. Die meisten Läden sind dicht, es herrscht Landflucht, kaum jemanden zieht es noch in jenes Städtchen im Outback.

Außer Martin Scarsden, einen Reporter, der für den Sidney Morning Herald tätig ist. Er soll ein Feature über das Städtchen und den Amoklauf des Pfarrers schreiben. Denn was immer noch nicht gefunden ist, ist das Motiv des jungen Pfarrers. Warum hat er gerade jene fünf Männner erschossen? Martin tut sich im Dorf um und beginnt nachzuforschen. Dabei stößt er auf einige Geheimnisse, die ihn schon bald überrollen werden wie die vielen Feuerwalzen, die immer wieder im Outback wüten.

Die Suche nach dem Motiv

Viele Thriller kreisen immer um die Frage „Was passiert als nächstes?“. Daraus generieren sie ihre Spannung, da die Handlung immer unvorhersehbar bleibt oder zumindest bleiben will. Chris Hammer geht da anders an die Sache heran. Bei ihm steht das Motiv für die Tat des Pfarrers und die Suche danach im Vordergrund. Mit der Figur von Martin Scarsden hat er dafür eine tolle Figur gefunden, die sowohl durch ihren Charakter als auch ihren Job einen guten Zugriff auf die Erzählstruktur erlaubt. War Scarsden früher als Kriegsreporter im Gazastreifen im Einsatz, hat er sich nun ganz in seinen Auftrag im Outback verbissen.

Dass Chris Hammer selbst eine Vita als Journalist und Korrespondent hat, das lässt sich aus Outback sehr gut herauslesen. Fundiert beschreibt er den Kampf um die nächste Schlagzeile, die Konkurrenz von Fernsehsendern und Printmedien und die Verwicklungen, die solch ein Auftrag mit sich bringen kann. Zwar erscheint die ein oder andere ermittlungstechnische Erkenntnis etwas überzogen (Martin ist ja fast jedes Mal der Polizei voraus und sichert sich entscheidende Erkenntnisse, bevor die Gesetzeshüter auf den Plan treten), aber das ist angesichts des Tempos und des großartig geschilderten Settings gerne verziehen.

Outback ist ein Thriller (übersetzt von Rainer Schmidt), der auch lange nach diesen rekordverdächtigen 40 bis 42-Grad-Tagen noch schwitzen lässt. Eine weitere tolle Krimientdeckung aus diesem Crime Wunder Down Under!