Ian McEwan – Nussschale

Bauchgefühl

Wieder einmal überrascht Ian McEwan mit einem Roman, der einen Plot aufweist, den man so noch nicht gelesen hat. Dabei ist das Setting seiner Geschichte eigentlich mehr als verbraucht – man nehme einen Mann, seine Frau und packe dazu einen Geliebten, der zugleich der Bruder des Mannes ist. In dieser Dreier-Konstellation spielt sich nun alles ab, was der zwischenmenschliche Bereich so hergibt – Habgier, Neid, Wollust und mehr. Doch besonders wird dies alles erst durch den Erzähler, der sich nämlich im Bauch der Frau befindet. Aus der Sicht des Säuglings schildert Ian McEwan, wie in der Mitte der drei Charaktere ein tödlicher Plan entsteht, der schon bald eine rasche Eigendynamik entfesselt.

Stein des Anstoßes ist nämlich eine Immobilie, auf der John, der Vater des ungeborenen Kindes, sitzt. Eigentlich schlägt er sich mehr schlecht als recht durchs Leben, indem er einen unrentablen Lyrikverlag betreibt. Doch ein heruntergewohntes herrschaftliches Haus in guter Londoner Lage zählt zu seinem Besitz und das ist in Zeiten der rasenden Immobilienpreise ein Vermögen. Ein Vermögen, das Trudy und Johns Bruder Claude gut für sich brauchen könnten, möchten sie doch fortan zusammen ihr Leben leben und John daraus verbannen. Gift heißt die Lösung ihres Problems, und so muss der Säugling in Trudys Bauch hilflos mitansehen, wie seine Mutter nebst dem Geliebten ein tödliches Komplott spinnt, das für alle Beteiligten unabsehbare Konsequenzen haben wird.

Ian McEwans Roman Nussschale zehrt von der Idee eines Säuglings, der die Welt aus seiner Warte betrachtet. Noch dazu ist dieser Säugling reichlich eloquent und wirft mit Zitaten und Anspielungen nur so um sich (man betrachte nur einmal die Doppelseite mit Zitatangaben im Anhang). Dass der Säugling diese prägnante Sprache erhält ist auch der Übersetzung durch Bernd Robben geschuldet, die den Ton des Engländers gut trifft und ins Deutsche überträgt. Es ist mehr als reizvoll, sich darauf einzulassen, die Welt mit den Sinnen des Säuglings wahrzunehmen, denn sehen kann der Fötus ja noch nicht. Stattdessen genießt der den Burgunder aus der Nabelschnur und hört die tödlichen Dialoge, die sich da draußen außerhalb des Bauches entspinnen. Auch findet McEwan noch Zeit, auf aktuelle Ereignisse wie den Brexit und die Krise Europas in Auszügen einzugehen, die der Säugling natürlich auch zu kommentieren weiß.

Trotz aller Knappheit von 288 Seiten hängt die Geschichte leider ein ums andere Mal leider leicht durch – vielleicht wäre McEwan besser beraten gewesen, aus der Erzählung eine Novelle zu basteln. So erschöpft sich die Grundidee leider mit dem Fortschreiten des Plots. Die bisweilen doch recht zynische Weltsicht des Fötus und seine mäandernden Gedanken hätten diese Detailfülle nicht gebraucht, die McEwan hier ausbreitet. An anderer Stelle lässt er diese nämlich etwas vermissen, nämlich wenn es um die Ausgestaltung seiner Figuren geht. Mehr als ihre Stimmen und ein geratenes Äußeres bekommen die Figuren nicht, ihre zugewiesenen Rollen behalten sie das Stück über: Trudy verschlagen und selbstsüchtig, Claude tumb und geil, John schnarchnasig und passiv. Die Konstellation treibt McEwan über 288 Seiten vor sich her, ehe das Ganze in einer Schlusspointe mündet.

Dieses Werk ist nicht Ian McEwans brillantester Roman, dafür weiß er mit einer originellen Idee aufzuwarten und unterhält trotz einiger Längen sehr gut!

 

 

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