Ralf Rothmann – Im Frühling sterben

Die Grausamkeiten des Kriegs

Es gibt Bücher, die saugen den Leser schon mit den ersten Sätzen in die Geschichte hinein – Im Frühling sterben von Ralf Rothmann ist ein solches Buch:

Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt. – Sprach ich meinen Vater früher auf sein starkes Haar an, sagte er, das komme vom Krieg. Man habe sich täglich frischen Birkensaft in die Kopfhaut gerieben, es gebe nichts Besseres; er half zwar nicht gegen die Läuse, roch aber gut. Und auch wenn Birkensaft und Krieg für ein Kind kaum zusammenzubringen sind – ich fragte nicht weiter nach, hätte wohl auch wie so oft, ging es um die Zeit, keine genauere Antwort bekommen. Die stellte sich erst ein, als ich Jahrzehnte später Fotos von Soldatengräber in der Hand hielt und sah, dass viele, wenn nicht die meisten Kreuze hinter der Front aus jungen Birkenstämmen gemacht waren.“ (Ralf Rothmann, Im Frühling sterben, S. 7)

http://www.suhrkamp.de/buecher/im_fruehling_sterben-ralf_rothmann_42475.htmlMit dieser eindrücklichen Impression beginnt Rothmann das Verschweigen seines Vaters mit Worten zu füllen. Die Geschichte, die er in Im Frühling sterben schildert, ist von existenzialistischer Wucht und Eindringlichkeit.

Rothmanns Vater Walter ist ein gelernter Melker von gerade einmal 17 Jahren, als der Krieg in den letzten Zügen liegt. Die Russen und Amerikaner drängen das von zwei Seiten auf Deutschland ein, da werden die Maßnahmen verzweifelter. Walter muss sich mit seinem besten Freund Fiete zwangsrekrutieren, obwohl er sich eigentlich als sicher vor dem Krieg fühlte. Nun wird er nach einer Expressschulung an die Front in Ungarn versetzt und muss dort die Stellung halten. Diese grausame Zeit wird noch grausamer, als Fiete fahnenflüchtig und verhaftet wird. Walter muss große Schuld auf sich laden, als sein bester Freund für eine standesrechtliche Erschießung freigeben wird.

Ralf Rothmann gelingt es in seinem neuen Buch, die unmenschliche und schreckliche Welt des Kriegs auf eine unerhört poetische und eindringliche Weise zu schildern. Die Welt des Tötens, für die weder Fiete noch Walter gemacht sind, offenbart sich dem Leser in ihrer ganzen Brutalität und Irrationionalität. Auch wenn der Vergleich von Werken mit Remarques Im Westen nichts Neues natürlich oft gezogen wird – im vorliegenden Fall ist dieser nicht zu hoch gegriffen.

Mit einigen wenigen Sätzen skizziert Rothmann Figuren, die klar machen wie das Dritte Reich und der Krieg funktionierte. Diese eindrücklichen Szenen bleiben haften – lange bis die letzten Sätze dieses 233 Seiten starken Buches verklungen sind. Wie Rothmann Figuren wie den Sturmbannführer Domberg zeichnet, der zwischen Grausamkeit und der Bedacht auf korrekte Grammatik schwankt, dies ist wirklich große Schriftstellerkunst.

Ein Buch, dessen minimalistisches Design genauso besticht wie der Inhalt. Parallelen sehe ich auch zum nicht minder eindringlichen und empfehlenswerten Titel Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr. Hier wie da geht es um zwei Jugendliche, die durch den Zweiten Weltkrieg in Lagen manövriert werden, in der sich kein Mensch wiederfinden sollte.

Wo Doerrs Buch durch die Fiktion und Dramatisierung Wucht gewinnt, ist dies bei Rothmann durch die unmittelbare Nähe zum ungefilterten Kriegsgeschehen der Fall. So oder so sind beide Titel mehr als lesepflichtig und sollten in diesem Jahr nicht zuletzt auch als Warnung und Mahnung gelesen werden.

Eine Vater-Buch, eine kraftvolle Schilderung des Kriegs-Wahnsinns und nicht zuletzt ein Mahnmal, dafür, den Frieden zu bewahren und erhalten. Außerordentlich!

 

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