Anne Michaels – Zeitpfade

Von Cambrai nach Yorkshire nach Frankreich nach Brest-Litowsk nach Suffolk bis an den Finnischen Meerbusen. In ihrem Roman Zeitpfade schickt uns die Kanadierin Anne Michaels mit ihren Figuren durch den Raum wie auch durch die Zeit. Leider fehlt dem Roman dabei ein starkes Bindemittel, das ihr Gefüge zusammenhält.


Mit ihrem Werk Fluchtstücke gelang Anne Michaels 1996 ein Bestseller über die Nachwirkungen des Holocaust. Nachdem die in Toronto geborene Autorin zunächst als Lyrikerin debütierte, war dieser Roman der erste, mit dem sie sich auf dem Feld der Prosa umtat. Für Fluchtstücke erhielt sie mehrere Preise, darunter Auszeichnungen in den USA, in Italien, in Großbritannien und in ihrer Heimat Kanada, Bestsellererfolg inklusive.

In Deutschland liegt ihr Debüt nicht mehr lieferbar vor, auch das zweite von ihr verfasste Werk Wintergewölbe aus dem Jahr 2009 teilt dieses Schicksal. Ihre dritte Erzählung Held, die im Deutschen den Titel Zeitpfade trägt, sie ist im Gegensatz zu den beiden früheren Werken Michaels aber noch erhältlich. Das im Original 2023 erschienene und im folgenden Jahr ins Deutsche übersetzt, wie auch für den Booker Prize nominierte Buch erlaubt den Blick in die Schaffenswelt einer Autorin, deren Herkunft als Lyrikerin auf jeder Seite des Buchs durchscheint.

Erzählerische Fetzen, Momentaufnahmen und Gedanken

Wer sich eine stringente Handlung und eine klar strukturiertes Personenensemble erwartet, das einem Orientierung und Halt gibt, der stellt falsche Erwartungen an dieses Buch. Stattdessen besteht Zeitpfade aus erzählerischen Fetzen, Momentaufnahmen und Gedanken, deren Zusammenhang man sich mühevoll erschließen muss, gesetzt den Fall, es gibt diesen Zusammenhang überhaupt.

Das beginnt im Buch schon mit den ersten Zeilen, die in ihrem Drang zu Chiffren und dem Ungefähren viele Fragen entstehen lassen. Immer wieder unterbrochen von den dutzendfach im Buch vorkommenden Sternchen werden Sätze und Absätze erzeugt, die die Lyrikerin mit der ihr eigenen typischen Begeisterung für die Naturwissenschaften zeigen:

Vielleicht war der Tod eine Art Lagrange-Formalismus, vielleicht konnte er durch das Prinzip der stationären Wirkung definiert werden.
Asymptotisch.
Der Dunst glühte im Regen wie Einäscherungfeuer.

Anne Michaels – Zeitpfade, Seite 12

Zumindest mir in meiner rudimentären naturwissenschaftlichen Bildung erschließen sich solche Bilder leider überhaupt nicht. Dafür schält sich aber aus dem Metaphern- und Chiffrenrausch langsam das Bild eines Mannes namens John heraus, der auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs möglicherweise im Sterben liegt. Irgendwo in Cambrai in Frankreich hat ihn Anne Michaels platziert und lässt ihn in Gedanken zu seiner Frau Helena wandern, die wir ebenfalls in Momentaufnahmen kennenlernen.

Fotografie und Flucht

Anne Michaels - Zeitpfade (Cover)

Ist es eine Halluzination, ein Albtraum, ein gespiegeltes Porträt? Schon der erzählerische Auftakt des Buchs hinterlässt Fragen, die im Folgenden nur teilweise erklärt werden.

So sind wir nach dem zerrupften Auftakt dann drei Jahre später in North Yorkshire zu Gast, wo Helena und der verwundete John leben, der sich als Fotograf selbstständig gemacht hat. Fluchtgedanken und die Verarbeitung des Erlebten dominieren das Seelenleben der beiden Figuren.

Als eines Tages auf einem belichteten Foto eine Person erscheint, die nach allen Regeln der Physik dort nicht erscheinen kann, löst das in John viele Gedanken aus. Welche Verantwortung trägt man als Fotograf und was kann eine bildliche Dokumentation alles bedeuten? Wenig verwunderlich sorgt auch dieses Ereignis für viel lyrische Kontemplation:

Über Halesworth war nur der Bruchteil einer Sekunde verstrichen; genau die Zeit, die eine Häufung von Ereignissen benötigt, um eine ganze Welt niederzuwerfen, um etwas unwiderruflich verloren zu geben, losgelöst von seiner ursprünglichen Bedeutung: ein Foto oder Tagebuch inmitten von Trümmern, fremden Blicken ausgesetzt. Verloren, und damit auch das Persönlichste, das, was die wahre Biografie ausmacht, niemals aufgezeichnet oder allgemein bekannt; die unzähligen Anpassungen, die wir im Inneren vornehmen, um in die Welt hinauszugehen, um mit unserer Einsamkeit zurechtzukommen, unserer schmerzlichen Sehnsucht nach Wiedervereinigung.

Anne Michaels – Zeitpfade, S. 50

Naturwissenschaften, Flüsse und der Tod

Könnte die Naturwissenschaft in Person von zur Lösung der Frage beitragen? John wendet sich an den neuseeländischen Experimentalphysiker Ernest Rutherford, als sich die per Chemie gebannten Visualisierungen von Toten in seinem Fotostudio häufen.

Von hier aus springt der Roman weiter zur Tochter des Paares nach London im Jahr 1951, von wo aus die Generationen in kurzen Passagen bis ins Jahr 2010 nachverfolgt werden. Mal arbeitet eine Figur bei Ärzte ohne Grenzen, wodurch das Thema des Kriegs und der Schlachtfelder wieder aufgegriffen wird, mal tritt ein Investigativjournalist auf, der die aufgeworfenen Fragen bezüglich der Fotografie und Dokumentation von Ephemeren fortführt.

Auch sind die Naturwissenschaften eines der Themen, die den Roman durchziehen wie die vielen Flüsse, die die Handlung wie auch die Kapitelüberschriften prägen. Neben den schon erwähnten Wissenschaftlern Lagrange und Rutherford ist es vor allem Marie Curie, der Anne Michaels ein ganzes Kapitel widmet, das 1912 in Dorset spielt.

Eine literarische Fotosammlung

Es ist schwierig, so etwas wie eine konsistente Handlung aus diesem Roman herauszuschälen, der sich doch eher auf das Springen und Antippen von Figuren und Motiven konzentriert, denn eine stringente Handlung zu bieten. Manchmal wirkt die Lektüre von Zeitpfade wie die Betrachtung eine grob vorsortierten Reihe von Bildern, die mal klarer und mal schlechter belichtet darauf warten, vom Betrachter selbst in eine sinnige Ordnung gebracht zu werden.

Viel Bindemittel für die Bildercollage gibt uns Anne Michaels dabei nicht an die Hand, die Erschließung und Deutung obliegt dem Leser selbst. Persönlich fand ich in der Frage des Todes und die der möglichen Rückkehr von den Toten das am deutlichsten aufscheinende Motiv, das durch die Zeit und Figuren hinweg immer wieder zutage tritt.

So erfüllt Zeitpfade das berühmte Diktum von William Faulkner, nachdem das Vergangene nie tot sei und noch nicht einmal vergangen sei, auf das Klarste. Nur bedarf es neben Willen, sich auf solch collagiertes Erzählen einzulassen, auch eine langsame und genaue Lesart, um sich den Zeilen der Kanadierin zu nähern.

Eine gemeinschaftliche Lektüre empfiehlt sich

Mal verknappt und in Blitzlichtern erzählend, dann wieder zu einem ruhigeren Erzähltempo findend, das ist typisch für diesen Roman, dessen herausfordernden Sprache Patricia Klobusiczky ins Deutsche übertragen hat und der sich am besten für eine gemeinschaftliche Lektüre und Analyse empfiehlt, um den Gehalt des Buchs auszuschöpfen.

Meer und Nachthimmel hatten sich überschlagen und die Plätze getauscht; der Wal durchschwamm den Himmel, verdeckte die Sterne. Gemächlich wie das Schicksal, eine faszinierende, raubtierhafte Langsamkeit.
*
Als ich zu deiner Mutter zurückkehrte, war das Haus weg.
Der Regen fiel durch das Nichts, eine Leerstelle am Himmel.

Er ließ nicht zu, dass sie es beschrieb. Jedes mühsame Wort eine Art Lüge in seiner Unzulänglichkeit. Er brauchte Wörter, die so hart waren wie Zahlen, die Null einer Gleichung.
*
Gebrochener Kalk, vergletscherter Kalk, Kalkmergel. Der Saum zwischen England und Frankreich. Caro et sanguis. Fleisch und Blut.

Anne Michaels – Zeitpfade, Seite 50 f.

Das Ganze erinnert in Ansätzen an Michaels Landsmann Michael Ondaatje, mit dem sie nicht nur die Nationalität, sondern auch die Affinität für Lyrik teilt. Auch er befasst sich in seinem Werk auf nicht ganz so minimalistisch-experimentelle Art und Weise mit Krieg, Traumata und Verwundungen, die er in seinen Werken wie Anils Geist oder Kriegslicht immer wieder umkreist, womit eine Nähe zu Anne Michaels Schreiben herrscht.

Fazit

Nicht unbedingt zugänglich, herausfordernd in Ton und Inhalt, so präsentiert sich Anne Michaels mit ihrem Roman Zeitpfade, dessen auf dem Cover abgebildete Tür einem metaphorisch gesprochen auch verschlossen bleiben kann.

Man muss sich wirklich einlassen auf dieses lyrisch-erzählerische Experiment, das der Roman in meinen Augen darstellt. Gewiss keine leichte Lektüre, aber wie prädestiniert für Lesekreise und Leser*innen, die die Erarbeitung von Texten zu schätzen wissen.


  • Anne Michaels – Zeitpfade
  • Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky
  • ISBN 978-3-8270-1495-5
  • 207 Seiten. Preis: 24,00 €
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