Bibliotheken im Kreuzfeuer

Do not go gentle into that good night,

Old age should burn and rave at close of day;

Rage, rage against the dying of the light.

Dylan Thomas – Do Not Go Gentle into That Good Night

Diese bekannten Zeilen aus Dylan Thomas‘ Gedicht sollen am Anfang dieses Textes stehen, der zugleich einer der letzten diesen Jahres ist. Denn wie es sich am Ende eines Jahres gehört, geziemt sich ein Rückblick auf das vergangene Jahr auch aus berufsfachlichem Winkel. Allzu verklärend und weihnachtsmilde soll dieser allerdings nicht ausfallen, sondern in Verwandtschaft zu jenen 1951 erstmals publizierten Zeilen Dylan Thomas‘ stehen, deren unversöhnlichen und kämpferischen Impetus ich auch gerne auf Bibliotheken übertragen möchte.

Denn obwohl man meinen könnte, dass es den Bibliotheken gut geht und angesichts wenig in der Öffentlichkeit vernehmbarer Klagen alles in bester Ordnung ist, markiert 2023 in meinen Augen auch eine Zäsur in Sachen Gefährdung von Bibliotheken, Wissen und damit letzten Endes auch unserer Gesellschaft.

Zensur allenorten?

Der Kernvorwurf, der Bibliotheken seit dem Erstarken rechter Kräfte immer deutlicher gemacht wird, ist der der Zensur. Alles ist heute irgendwie Zensur. Entscheidet sich beispielsweise die Stadtbücherei Augsburg, nach einem gemeinsamen Arbeitsprojekt mit Studierenden der lokalen Fachhochschule, dokumentationsbegleitend zum Forschungsprojekts rassismussensible Sticker auf der Rückseite mancher Kinderbücher anzubringen, um diese Werke zu kontextualisieren, lautet der in Leserbriefen und Zuschriften vorgebrachte Vorwurf Zensur.

Dass keine Bücher aus dem Bestand entnommen, sondern auf peripherer Stelle lediglich mit weiterführenden Informationen versehen wurden, die aus heutiger Sicht problematische Aspekte des Buchs in den Blick nehmen und Vorleser*innen Ratschläge an die Hand geben, das fiel in den meisten Zuschriften unter den Tisch. Dass eine wissenschaftliche Einordnung und Ergänzung wohl das Gegenteil von Zensur darstellt, geriet nicht nur hier völlig aus dem Blick.

Entscheidet sich ein Verlag (in England wohlgemerkt!), Neuausgaben von Roald Dahls Werken um in Augen der Verantwortlichen problematische Begriffe zu glätten und heutigen Gegebenheiten anzupassen, dann ist das Zensur, wenn man vielen Meinungsäußerungen in den Feuilletons oder Online-Kommentaren Glauben schenken darf.

Dass man über solche Beispiele und Eingriffe in Werke oder Kontextualisierungen trefflich streiten kann, das ist völlig unbenommen (auch ich sehe manche Auswüchse mehr als kritisch, das sei an dieser Stelle angemerkt).

Der beliebige Vorwurf der Zensur

Dass es sich bei den erwähnten Beispielen um einen Fall von Zensur handelt, ist aber völlig unzutreffend. Das zeigt schon ein Blick in die Begriffsdefinition, die der Duden wie folgt liefert:

Zensur, die: von zuständiger, besonders staatlicher Stelle vorgenommene Kontrolle, Überprüfung von Briefen, Druckwerken, Filmen o. Ä., besonders auf politische, gesetzliche, sittliche oder religiöse Konformität

Begriffsdefinition des Duden zum Thema „Zensur“

Dieser von überwiegend rechten Kräften eingebrachte Vorwurf einer Kontrolle von Druckerzeugnissen hinsichtlich einer wie auch immer gearteten Konformität ist falsch. Eine staatliche Stelle, die von oben herab die Medienwelt diktiert und Vorgaben hinsichtlich zu verbreitender und nicht zu verbreitender Bücher macht, es gibt sie hierzulande nicht. Bibliotheken bieten im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung freien Zugang zu Wissen und Information – und wenn sich ein privatwirtschaftlicher Verlag zu Eingriffen in bei ihm publizierten Werken entscheidet, dann mag das je nach Lesart eine Anpassung an den Zeitgeist oder fortschrittliches Denken sein – nur eines nicht: Zensur oder Ausdruck einer ominösen „Cancel Culture“.

Der geradezu inflationäre Gebrauch des Vorwurfs der Zensur sorgt für eine Schleifung des eigentlich so konkreten Begriffs, der duch die Unschärfe bei der Begriffsverwendung des Wortes immer beliebiger und unkonkreter werden lässt.

Dabei gäbe es doch jeden Anlass zu Sorge angesichts Zensur und Bibliotheken. Nur findet diese Zensur nicht auf der oft inkriminierten „linken“, zeitgeistig und „woken“ Seite statt, sondern tatsächlich an jenem rechten Rand, von dem der Vorwurf so oft geäußert wird. Auch liegt der Schauplatz nicht in Europa, sondern befindet sich auf der anderen Seite des Atlantiks in Amerika, dem selbsterklärten „Land of the free“.

Book bans im „Land of the free“

So frei ist die Bibliothekswelt dort im „Land of the free“ allerdings nicht mehr, besonders wenn man in den von Gouverneur Ron deSantis regierten Bundeststaat Florida blickt. Dort sind mittlerweile sogenannte „Book Bans“ von staatlicher Stelle an der Tagesordnung und damit ein tatsächlicher und konkreter Fall von – Zensur.

Eingebettet in größere Agenda der orchestrierten Rückschrittlichkeit sind es etwa neben dem Feld des weiblichen Körpers in Form von Abtreibungsverboten auch die Bibliotheken als Hort der Aufklärung und des Erkenntnisgewinns, die in den Fokus der republikanischen Hardliner geraten sind.

So erließ Floridas Gouverneur jüngst ein sogenanntes „Stop-Woke“-Gesetz, das nach Ansicht der Gesetzgeber der Indoktrination von Kindern entgegenwirken soll und das die legislative Grundlage für Buchbann und Zensur liefert. Durch dieses Gesetz ist es möglich, missliebige und dem eigenen Weltbild widersprechende Titel zu melden und für die Entfernung aus (Schul)Bibliotheken vorzuschlagen.

Eine Möglichkeit, von der immer stärker Gebrauch gemacht wird und die nicht nur in Florida, sondern auch beispielsweise im Staat Idaho auch kuriose, vor allem aber sehr bedenkliche Blüten treibt. So scheiterte ein von der republikanischen Partei eingebrachtes Vorhaben dort nur knapp, das bibliothekarisches Personal haftbar gemacht hätte, wenn den Beschwerden von Kund*innenseite aus nicht nachgegangen worden wäre.

Steigende Zahlen von Zensuranträgen

Ein bedenklicher Trend, der sich auch mit Zahlen untermauern lässt. So belief sich die Zahl zur Löschung angemahnter Bücher laut Zählung der American Library Association (ALA) im Jahr 2021 auf 330 Löschanträge, die überwiegend von Elternseite aus eingebracht wurden (und deren Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte, da viele der Löschanträge gar nicht erfasst wurden).

Im vergangenen Jahr betrug die Zahl von Zensuranträgen bereits 1269, die sich insgesamt auf 2571 Titel erstreckten, Tendenz steigend. Das lässt für das Jahr 2023 wenig Gutes hoffen, ebenso wie die Tatsache, dass es für Politiker*innen bereits als Wahlkampfmittel opportun zu sein scheint, ganz offensiv mit der möglichen Schließung von unbliebsame Bibliotheken im Falle eines politischen Erfolgs zu drohen.

Im Fadenkreuz der Bücherkämpfer (die wohl selbst eine kleine Minderheit darstellen, aber im lautstarken Verbund eine erschreckend effiziente Einheit bilden) stehen überwiegend Bücher aus dem LGBTQ-Spektrum, die der gewünschten heteronormativen Norm und Form zuwiderlaufen. Aber auch Wissenschaft beispielsweise in Form der Evolutionslehre oder Schwarzer Geschichte hat es zunehmend schwerer in den Buchregalen des Landes.

Das sorgt mittlerweile für solche bedenklichen Auswüchse, dass sogar das eigentlich einheitsstiftende Poem The hill we climb der im Zuge der Inauguration Joe Bidens zu Bekanntheit gelangten Dichterin Amanda Gorman in Florida zur Zensur vorgeschlagen wurde. Der Vorwurf: Rassismus.

Studierende in den USA demonstrieren gegen Book bans an Bibliotheken.
Protest gegen Buchbann in den USA

Kann man über solch absurde Vorwürfe wie auch die Uninformiertheit der Möchtegern-Zensoren lachen (die den Gedichtband in ihrem Beschwerdeantrag kurzerhand der schwarzen Talkmasterin Oprah Winfrey anstelle von Amanda Gorman zuschrieben), so vergeht einem doch das Lachen, wenn man sieht, dass derartige Anträge Erfolg haben und Gormans Buch aus vielen Bibliotheken und Buchhandlungen entfernt wurde.

Importierte Kulturkämpfe

Nun sind die USA bekanntermaßen natürlich nicht Deutschland. Angesichts der Begeisterung vieler politischer Akteure, US-amerikanische Kulturkämpfe auch hierzulande zu importieren und etablieren, kann ich aber nur davor warnen, sich auf diesen Kampf gegen die freiheitlich-demokratisch-fortschrittliche Gesinnung von Bibliotheken einzulassen.

Erste warnende Beispiele gab es in diesem Jahr ja bereits etwa mit der im Juni geplanten Kinderbuchlesung mit Drag-Künstler*innen, die die Münchner Stadtbibliothek anbot. Wenig war da von der liberalitas bavariae zu spüren, sondern nur ein erhitztes Debattenklima, das sich in einem veritablen Sturm der Entrüstung, Demonstrationen und Drohungen gegenüber der Bibliothek äußerte.

Man kann nur hoffen, dass diese mit viel medialem Getöse begleitete Kampagne gegen Bibliotheken und ihr Eintreten für eine offene und pluralistische Gesellschaft eine negative Ausnahme war, die sich so schnell nicht mehr wiederholt. Ein Blick nach Amerika straft diese Hoffnungen allerdings Lügen. Was bleibt also, wenn wir auf das kommende Jahr blicken?

Gehen wir nicht versöhnt in die Nacht und den Beginn des kommenden Jahres, ganz wie Dylan Thomas es fordert. Kämpfen wir gegen die mögliche Verdunklung einer aufgeklärten Welt. Bleiben wir wachsam, stärken Bibliotheken mit einem Eintreten für ihre informatorische Arbeit und wehren aller Anfänge, ihre Arbeit und das dahinterstehende Weltbild einer offenen Gesellschaft infrage zu stellen. Beziehen wir Position, hinterfragen wir plumpe Zensur-Vorwürfe, stellen Meinungen Fakten entgegen und sorgen für eine Versachlichung der Debatten und leisten damit auch öffentlich das, wofür Bibliotheken seit jeher eintreten. Die Gesellschaft braucht es dringender denn je!


[Disclaimer: die im Artikel zum Ausdruck kommende Meinung ist meine Privatmeinung, die in keinerlei Zusammenhang mit meiner beruflichen Arbeit steht.]

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[…] als Quelle für Lektüren. Daher bin ich sofort aufmerksam geworden, als ich auf den Text Bibliotheken im Kreuzfeuer stieß, der sehr lesens- und bedenkenswert ist. 2023 ist das Jahr gewesen, in dem sich die […]