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Tuomas Kyrö – Bettler und Hase

Von Kaninchen und Bettlern

„Ihr haltet mich für jemand anderen. Für jemand Wichtigen. Das bin ich nicht. Ich bin Vatanescu, aus Rumänien.“ (S. 222)

Mit „Bettler und Hase“ legt Tuomas Kyrö einen etwas anderen Entwicklungsroman vor. Mit zahlreichen euphorischen Zitaten auf dem Schutzumschlag versehen kommt die Geschichte vom Bettler Vatanescu und seinem Kaninchen daher. Aber um es gleich vorneweg zu sagen – ob „Bettler und Hase“ den „Lachnerv der ganzen Nation“ trifft sei einmal dahingestellt.
Inhaltlich geht es um den mittellosen Bettler Vatanescu, der von Rumänien aus kommend eigentlich in Finnland das Ziel verfolgt, das Geld für Stollenschuhe für seinen Sohn zu bekommen. Zahlreiche neue Verwicklungen durchkreuzen diesen Plan aber immer wieder und sorgen für einige humorvolle Szenen.
Auf seiner Odysee begegnen Vatanescu unter anderem ein Kaninchen, das er adoptiert, ein dickes finnisches Ehepaar mit Häuschen in der Einöde und ein chinesischer Koch, dessen Speisen so gut sind, dass selbst xenophobe Finnen kurzerhand ihre Gesinnung ändern, sobald sie dessen Essen gekostet haben.
In seiner Satire versucht Kyrö vieles – er will Sozialkritik mit einem modernen Märchen verschmelzen, seinen Landsleute den Spiegel vorhalten und darüber hinaus noch eine Parabel erzählen. All diese Zutaten funktionieren nur bedingt, denn oftmals wirkt die Sozialkritik aus Sicht des Bettlers Vatanescu zu bemüht um sich wirklich in den Fluss des Buches einzupassen. Gerade zum Ende hin verlässt Kyrö den bisherigen Pfad, auf dem er wandelte hin zu einem ziemlich überzogenen Ende, was nicht unbedingt jedermanns Geschmack sein dürfte.
So ist „Bettler und Hase“ ein originelles Büchlein mit gerade einmal 316 Seiten – ob es wirklich so schreiend komisch ist sei einmal dahingestellt – das eine Sozialkritik und Märchen ist. Der Roman beschert dem Leser einige nette Stunden, wenn man sich auf die eigenwillige Geschichte einlässt – als hätte Tim Burton mit Aki Kaurismäki gemeinsame Sache gemacht.          

Monika Held – Der Schrecken verliert sich vor Ort

An die Nachgeborenen

Es ist wahrlich keine leichte Kost – und von unterhaltender Literatur möchte ich fast auch nicht sprechen – die uns Monika Held in „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ präsentiert. Unbarmherzig legt sie ihren Finger in die kollektive Wunde des zweiten Weltkriegs und vermittelt einen erschreckenden Eindruck eines Systems, das wir heute schon wieder teilweise verdrängt haben.

Angesiedelt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt Monika Held von dem eigenwilligen Paar Lena und Heiner. Sie eine quirlige, lebenslustige junge Übersetzerin und er ein ehemaliger Auschwitz-Insasse, die sich bei einem Prozess zu den Kriegsverbrechen von Auschwitz kennenlernten.

In der Folge erzählt die Autorin von den Gräuel, die Heiner und seine Freunde im Vernichtungslager erleiden mussten und wie sie es dennoch geschafft haben, aus diesem Wahnsinn zu entkommen. Zusammen mit Heiner besucht Lena Freunde der Solidarnosc-Bewegung, die in Auschwitz für ihr Leben gezeichnet wurden und erfährt, was ein Mensch alles ertragen kann.

Es ist keine leichte Lektüre und ich bezweifle, ob sich viele Leser dieses Buch freiwillig antun werden – wer will schon noch einmal mit den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und dem unermesslichen Leid konfrontiert werden? Dennoch ringt Held diesem bitteren Thema einen Roman ab, der trotz seiner ganzen Bitternis und Düsterkeit immer noch Funken der Hoffnung ins Dunkel schlägt.  

Der Schrecken verliert sich vor Ort ist gerade ob seines Inhalts fesselnd und spannend – wenngleich es keine Spannung ist, die man sich in seinem eigenen Leben jemals wünscht. Eine Lektüre an die Nachgeborenen, auf dass die Verbrechen der Vergangenheit niemals vergessen und erst recht nie wiederholt werden!          

Chris Cleave – Gold

Silbermedaille

„Gold: Always believe in your soul – You’ve got the power to know – You’re indestructible – Always believe in, because you are Gold“

Für wen könnte dieses Motto des Songs von Spandau Ballett besser gelten als für die Konkurrentinnen und Freundinnen Kate und Zoe, die beide Olympionikinnen sind und für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London kämpfen?
Die beiden Frauen könnten gegensätzlicher nicht sein und stehen für den zentralen Konflikt, der „Gold“ prägt. Kate, fürsorgliche Mutter, muss sich um ihre an Leukämie erkrankte Tochter Sophie kümmern, während sich Zoe durch ihre promiskuitive Art auch zahllose Probleme einhandelt.
Von Figur zu Figur springend erzählt Chris Cleave von all den Problemen, die die beiden Olympionikinnen, Sophie, Kates Mann und den Trainer der beiden umtreiben und mit welchen Hindernissen der Weg nach London 2012 gepflastert ist.
Das schriftstellerische Talent Chris Cleaves ist unbestritten, gelungen vermittelt er die Ängste und Sorgen der beiden Protagonistinnen, haucht ihnen Leben ein und lässt den Leser durch die Buchseiten spüren, wie unbarmherzig der Radsport sein kann. Auch wenn das Thema des Bahnradfahrens wohl kaum einen Leser vor der Lektüre vom Hocker gehauen haben dürfte, ist die Darstellung dieses Themas superb und hochinteressant.
Leider krankt das Buch in meinen Augen an einem neuralgischen Punkt: Der Kernkonflikt, der hinter „Gold“ steht, wird zur Mitte des Buches hin aufgelöst und ist für mich so absurd wie menschlich nicht nachvollziehbar. Da alle folgenden Geschehnisse auf diesem Ereignis basieren, war für mich die Glaubwürdigkeit des Buches leider dahingehend beschädigt. Ohne hier etwas davon zu verraten zu wollen muss ich sagen, dass das Verhältnis der beiden Sportlerinnen in meinen Augen so nicht mehr Bestand haben könnte.
Von diesem Makel abgesehen ist „Gold“ eine tolle und gefühlvolle Lektüre, die die Schattenseiten des Sports genauso wie das schwierige Familienleben mit einem kranken Kind beleuchtet und sensibilisiert. Dennoch genügt das Buch in meinen Augen nicht für die Goldmedaille, Silber ist es dennoch auf jeden Fall!          

Markus Feldenkirchen – Keine Experimente

Dieser Slogan sicherte schon 1957 den Sieg für Adenauers konservative Christdemokraten und auch dem Abgeordneten Frederik Kallenberg gereicht dieses Schlagwort zu seinem Lebensmotto.
Aufgewachsen im wertekonservativen Sauerland hat es Kallenberg aus der etwas rückständigen und piefigen Gesellschaft bis in den Deutschen Bundestag hineingeschafft, aus dem er zu Beginn des Buches plötzlich verschwunden ist.
Klug montiert beginnt Markus Feldenkirchen seinen zweiten Roman, indem er abwechselnd von Frederiks Jugend und seinen letzten Wochen vor seinem Verschwinden berichtet. Er zeichnet das Bild einer tristen Jugend und eines Aufstiegs an die Macht, den Frederik von seinen Idealen als konservativer Abgeordneter getragen, unbeschadet meistert. Mit ebensolcher Akribie und schriftstellerischen Finesse fügt Feldenkirchen dann aber dem Saubermann-Image des Abgeordneten Kallenberg erste Makel zu, ehe er ihn im Laufe des Buches demontiert und mit der ebenso frei denkenden wie verführerischen Liane konfrontiert, die sein Weltbild gehörig ins Wanken bringt.
Die Stärke dieses an Stärken wahrlich nicht armen Buches liegt in der komplexen Charakterzeichnung des Abgeordneten Kallenberg mit seinen Idealen, Vorstellungen, Ängsten und Wünschen. Markus Feldenkirchen lässt diesen Abgeordneten, der zahlreiche Ansätze zur Karikatur böte, niemals zur bloßen Abziehfolie eines Parlamentariers werden. Glaubwürdig und nachvollziehbar schildert er die Ereignisse, die Kallenbergs Weltbild prägten und zeichnet einen Mann, den man zwar trefflich kritisieren kann, dessen klare Haltung dem Leser dennoch Respekt abnötigt. Gerade in den heutigen Zeiten der stromlinienförmigen Politik und Medienberichterstattung zeichnet Feldenkirchen das Bild eines geradlinigen Menschen, der für seine Ideale eintritt und dafür auch Spott und Häme erträgt.
Was „Keine Experimente“ neben der klaren Sprache und der psychologisch fundierten Personenzeichnung ausmacht, ist der augenzwinkernd feine Humor, der durchaus immer mal wieder durchblitzt. Wie in seiner Haupttätigkeit als Journalist für den Spiegel schafft es auch Feldenkirchen nach „Was zusammen gehört“ erneut, einen ebenso lesenswerten wie gut lesbaren Roman vorzulegen, der beweist, dass die Politik mitsamt ihren Protagonisten durchaus Material für großartige Bücher bietet!          

Robert Löhr – Erika Mustermann

Bereitmachen zum Kentern

So schnell gehen sie, die Hypes unserer Zeit: Als die Piratenpartei im Herbst 2011 den sensationellen Einstand im Abgeordneten-Haus der Stadt Berlin schaffte begann ein triumphaler Siegeszug mit vielen gewonnen Sitzen in Landtagswahlen, ehe der Motor langsam zu stottern begann. Heute, eineinhalb Jahre später – die Bundestagswahl steht bevor – dümpelt die Partei unter der 5%-Hürde vor sich her und ist eher mit der eigenen Zerfleischung als mit einer Kampagne für den Bundestagswahlkampf beschäftigt.
Das Phänomen der Politik-Quereinsteiger 2.0 faszinierte die Medien und die Bevölkerung wie wenige politische Phänomene der letzten Jahre. Davon zeugt nun auch „Erika Mustermann“ von Robert Löhr – ein Roman, der sich auf literarischer Ebene diesem rätselhaften Trupp nähert.
Ausgangslage ist der Wut der Lehrerin Friederike Wolf, die schon bald eine ihrer auf einem Blog veröffentlichten Idee erfolgreich von einem Berliner Piratenabgeordneten abgekupfert entdecken muss. Als stramme Grüne beschließt sie, den Feind von innen heraus zu zersetzen und kommt schon bald einem Piraten gefährlich nahe …
Bei aller Freude über ein aktuelles Buch, das sich der Politik mit einem Augenzwinkern nähert: „Erika Mustermann“ weiß leider nicht so richtig, wo sie hinwill. Eine Liebesgeschichte, ein Porträt der Politik 2.0 oder eine Satire auf die Piratenpartei respektive die Berliner Abgeordneten?
Robert Löhr mixt verschiedenste Ansätze in sein 272-Seiten starkes Buch hinein, vergisst aber leider, die Zutaten aufeinander abzuschmecken.
Viele der Ereignisse aus der Piraten-Geschichte finden sich nahezu kaum verfremdet im Buch wieder (Abmahnungen von Julia Schramm, Claus-Gerwald Brunner alias Faxe, einen kecken Redner aka Christopher Lauer, etc.) und zeigen das Bild einer Partei, die alles anders machen wollte und doch an sich selbst zu scheitern droht. Darüber hinaus gibt es Liebesszenen, Rollenspielbeschreibungen, Fachchinesisch und noch viel mehr, dass bei mir zumindest leider eher einen konfusen Eindruck hinterließ.
Das Gerüst, auf dem das Buch aufbaut, ist äußert dünn und dürftig und vermag nicht so richtig zu überzeugen: Hasserin der Piratenpartei avanciert zu einer Piraten und geht den Weg wieder zurück. Leider verbindet sich die Handlung mit äußerst flach gezeichneten Figuren, denen die Plastizität abgeht. Auch leistet sich Löhr leider einige sprachliche Schnitzer, die zwar nicht sehr ins Gewicht fallen, den Lesegenuss von „Erika Mustermann“ etwas mindern.
Dennoch kann das Buch auch aufgrund seiner Sprache punkten, denn der Autor bedient sich für seine Erzählung eines Stilmixes aus Wikipediaartikeln, IT-Sprache und längeren normal gehaltenen Passagen. Diese bunte Mischung macht in meinen Augen den Reiz dieses Buches aus und lässt den computeraffinen Leser an einigen Stellen schmunzeln.
So würde ich das Buch als ein willkommenes Geschenk an alle Computerfreunde und Piraten-Sympathisanten oder wahlweise auch Gegner bezeichnen, der große literarische Wurf ist „Erika Mustermann“ leider nicht geworden – dazu fehlt einfach eine ausgewogene Mischung der verschiedenen Faktoren.