Guillermo Arriaga – Der Wilde

Über den Dächern von Mexiko-Stadt

Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit

Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist.

Plautus: Asinaria (Eseleien)

Menschen und Wölfe – eine Beziehung, die stets eine besondere war und ist. Ob als Reizthema in der Oberlausitz, als furchterregendes Märchenmotiv bei den Gebrüdern Grimm oder in der oben zitierten Komödie des römischen Dichters Plautus. Der Wolf, er fasziniert uns Menschen durch die Zeiten hindurch.

Der mexikanische Drehbuchautor Guillermo Arriaga erzählt in seinem Roman Der Wilde von einer ganz besonderen Beziehung von Menschen zu Wölfen. Er erkundet in seinem fast 750 Seiten starken Epos das Tierische im Menschen und erzählt darüber hinaus eine Geschichte einer komplexen Beziehung.

Wobei es eher ein ganzes Beziehungsgeflecht ist, das Arriaga in den Mittelpunkt seines Romans stellt. Dreh- und Angelpunkt ist der Ich-Erzähler Juan Guillermo. Er wächst in den 60er Jahren in Mexiko-City heran. Zusammen mit seinen Freunden erkundet er sein Viertel und durchstreift Straßen und vor allem die Dächer der Stadt. Leitstern ist für ihn sein sechs Jahre älterer Bruder Carlos, der zunächst noch auf dem Hausdach der Familie eine Chinchilla-Zucht betreibt. Doch Carlos und seine Gang führt der Weg dann zu einem weitaus einträglicheren Geschäft.

Chinchillas, Drogen, Geheimpolizei

Zusammen organisieren einen äußert lukrativen Vertrieb von Drogen wie LSD, die in den 60er Jahren ironischerweise den „verkehrten“ Weg bereisen. Denn statt wie heute von Mexiko aus sind es hier die USA, die für die jungen Mexikaner als Drogenlieferant dienen. Aus dem Süden der USA schmuggelt Carlos‘ Gang die Drogen nach Mexiko-Stadt, wo sie diese Besuchern ihrer Kinovorstellungen feilbieten. Diese erleben auf den Drogen psychedelische Räusche, die sich schon bald im ganzen Viertel herumsprechen.

Davon erfährt natürlich auch die Geheimpolizei, deren lebhaftes Interesse geweckt wird. Und dann gibt es auch noch die Guten Jungs. Eine katholisch-verbrämte Gruppe jugendlicher Eiferer, die unter Führung des ebenso manipulativen wie gefährlichen Humberto für Zucht im Stadtviertel sorgen wollen. Unterstützung und Rückendeckung bei ihrem Treiben erhalten sie dabei von der katholischen Kirche, die ebenso ein vitales Interesse an Macht und Einfluss hat, welches durch Carlos‘ Treiben unterminiert.

Dass es mit Carlos kein gutes Ende nimmt, das weiß man als Leser schon nach den ersten Seiten des Buchs. Das Schicksal seiner Figuren umreißt Guillermo Arriaga auf den ersten Seiten seines Buchs. Der Wilde kennzeichnet eine reizvolle Kombination aus chronologischen und achronologischen Erzählelementen, die im Lauf des Buchs eine regelrechte Sogwirkung entwickeln.

Nun ist diese Erzählung schon bärenstark – aber bislang war vom eingangs erwähnten Wolf noch keine Rede. Diesen Erzählstrang flicht Guillermo Arriaga immer wieder in seine Erzählung ein, obwohl diese zunächst noch etwas wahllos erscheinen mag. Aber Stück für Stück schälen sich die Bezüge heraus und geben dann ein stimmiges Ganzes. Denn Der Wilde zeigt einmal mehr, wie nahe sich Wolf und Mensch doch sind.

Ein Autor, der sein Handwerk versteht

Dass Guillermo Arriaga sein Geschäft versteht, davon war schon im Vorfeld des Romans auszugehen. Schließlich verfasste der Mexikaner vor diesem wuchtigen Werk zahlreiche andere Romane und Drehbücher. Filme wie Amores Perros und Babel gehen auf die Drehbücher des 1958 geborenen Autors zurück. Ein hoher Startbonus also, den er glücklicherweise einlösen kann.

Neben seiner atmosphärisch dichten Schilderungen des Lebens auf den Hausdächern oder in der kanadischen Wildnis sind es auch die vielen inszenatorischen Einfälle, die sein Buch so besonders machen. So greift er immer wieder Mythen und Märchen aus allen Winkeln der Welt auf, die im Roman weitere Ebenen eröffnen. Dies geht sogar so weit, dass er immer wieder Ansätze von Konkreter Poesie in sein Buch hineinmontiert. Das verkommt nie zum Selbstzweck, sondern erfüllt eine wichtige Funktionalität und ist genau deshalb so gut.

Immer wieder erschließen sich Querbezüge, immer wieder kommt Arriaga vom Wolf auf den Menschen. Das ist niemals artifiziell, sondern entwickelt nachgerade einen Sog, den ich so bei einer Lektüre schon länger nicht mehr verspürt habe. Immer wieder kann man sich in die Bild- und Lebenswelten seiner Helden hineinversetzen, fühlt mit den Figuren mit und ist erstaunt ob der Plastizität des Lebens, die zwischen den Seiten herrscht.

Einen großen Anteil an dieser Stimmigkeit hat natürlich auch die Übersetzung durch Matthias Strobel, der für die Polyphonie des Romans eine glänzende deutsche Entsprechung gefunden hat. Egal ob Konkrete Poesie oder elegische Schilderungen der Natur – hier stimmt einfach der Ton, was dieses Buch zu einer großen literarischen Freude macht!


Hinterlasse deine Meinung!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.