Es ist wieder einmal eine auf ihre eigene Art traurige Familie, die die irische Schriftstellerin Megan Nolan in ihrem Roman Kleine Schwächen präsentiert. Darin erzählt sie von den Schicksalen der Mitgliedern der Familie Green, die sich durch eine Katastrophe kurzzeitig verbinden und den Blick auf eine Familie mit Makeln freigeben. Doch es sind ja Makel jener Sorte, die uns erst zu Menschen machen und von denen die Irin in ihrem sozialrealistischen Roman gekonnt zu erzählen weiß.
Man kann nicht sagen, dass die Greens in ihrer Umgebung wohlgelitten sind. So werden die aus Irland zugezogenen Mitglieder der Familie von den anderen Bewohnern der Siedlung am Skyler Square im Süden Londons misstrauisch beäugt und gemieden. Sie gelten in den Augen ihrer Mitbürger als „asozial“ – und als es unter den Kindern der Siedlung zu einem tragischen Tod kommt, steht schnell fest, wer unzweifelhaft die Schuld an der Tragödie trägt, nämlich Lucy Green, die Tochter von Carmel.
Die Außenseiter aus Irland
Als Mörderin gebrandmarkt sieht sich die Familie noch weiter ausgegrenzt und wird zum willkommenen Ziel des Reporters Tom Hargreaves, der in der Geschichte um den Tod der dreijährigen Mia Enright das ideale Motiv für eine große Story und damit seinen Aufstieg in der Zeitungsredaktion wittert. Denn die „asozialen“ Greens lassen sich wunderbar zum Widerpart der Opferfamilie aufbauen, die in der Gemeinde hochengagiert, beliebt und respektiert waren — eben das krasse Gegenteil zur irischen Familie, aus deren Reihen womöglich sogar eine Mörderin stammt.
Wir alle haben gesehen, mit wem sie zuletzt gespielt hat. Fragt sich nur, wer von denen ihr was angetan hat.“
Megan Nolan – Kleine Schwächen, S. 22f.
Tom klopfte das Herz bis zum Hals.
Nichts ging über dieses Gefühl: an der Schwelle zu etwas Wertvollem zu stehen, das noch im Dunkeln lag. Er spürte es jedes Mal, vor jeder noch so banalen Enthüllung — so lange war er ja noch nicht dabei —, aber etwas in dieser Größenordnung war ihm bisher noch nicht passiert.
Wer von denen, hatte sie gesagt.
Einer von denen.
Hieß das etwa, dass es nicht nur eine kleine Satansbrut aufzuspüren halt, sondern vielleicht sogar — welch unerhörtes, unverschämtes Glück — einen ganzen Haufen?
Während nun der Witwenschüttler Tom alle presserechtlichen und presseethischen Grundsätze über Bord wirft, um seine Geschichte zu bekommen, tauchen wir durch seine Verhöre in Rückblenden tief ein in die Geschichte um Lucy, ihre Mutter Carmel, Carmels Bruder Richie und ihren Vater, die alle auf ihre eigene Art vom Leben versehrt wurden.
Versehrt vom Leben
So stammt die Familie eigentlich aus der irischen Kleinstadt Waterford an der Südküste Irlands, hat sich aber aufgrund hier nicht näher auszuführender Umstände schon vor Jahren nach London begeben. Alkoholismus, Schwangerschaft, Jugendgewalt – Kleine Schwächen bespielt eine ganze Menge von schwierigen Themen, die die Mitglieder der Familie Green an den gesellschaftlichen Rand haben rutschen lassen.
Das macht das Buch zu einer ernsten Angelegenheit, die bei der 1990 in ebenjenem Waterford in Irland geborenen Megan Nolan aber in sehr guten Händen ist. Denn mit Ernst und Interesse nähert sich die Autorin ihren Figuren und schafft es, durch die Bank weg plastische Figuren zu zeichnen, die durch ihre Risse und Widersprüche lebendig werden, dass es eine Freude ist, ihre Leben und Kämpfe zumindest ein Stück weit zu begleiten.
Würde man filmische Bezüge zu Nolans Erzählen suchen, würde man sie irgendwo zwischen Ken Loach und der Serie Adolescence finden. Ungeschönt und direkt ist der Blick der Irin, was zu einem beeindruckenden deutschen Debüt wird (übersetzt von Stefanie Ochel).
Fazit
Und auch wenn der Titel Kleine Schwächen benennt (im Übrigen eine passende Entsprechung zum nicht minder tollen Originaltitel Ordinary Human Failing), so leistet sich das Erzählen von Megan Nolan weder kleine noch große Schwächen, im Gegenteil. Ihr Gespür für Figuren und der ungeschönte Blick auf das Leben am Rand des sozialen Spektrums überzeugt, genauso wie ihr kritischer Blick auf die Berichterstattung in den Boulevardmedien, bei dem sich nur wenig geändert zu haben scheint, auch wenn Nolans Roman in den 90er Jahren angesiedelt ist. Von dieser Stimme wird man sicherlich noch hören!
- Megan Nolan – Kleine Schwächen
- Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
- ISBN 978-3-910372-63-4
- 254 Seiten. Preis: 24,00 €
