Michael Kröchert – Wasserläufer

Walden auf dem Fluss. In Michael Kröcherts Roman Wasserläufer wird ein selbstgebautes Floß auf den Gewässern der Havel zu einem Rückzugsort für einen Fotoreporter. Doch die Idylle und Erfüllung seiner Wünsche erwartet ihn dort nicht. Vielmehr gewinnt Kröcherts Buch, indem er das romantische Vorhaben des Mannes mit der politischen Gegenwart vor Ort kreuzt.


Wasserläufer ist ein Roman, der seine eigenen ideellen Bezugspunkte selbst zitiert. Denn als Rio, der Ich-Erzähler in Michael Kröcherts Roman, in einem Anfall von Marie-Kondo-hafter Entrümpelungswut sein Floß von allem überflüssigen Ballast zu säubern beginnt, sind es auch die Bücher, die ihm dabei in die Hände geraten und derer sich der Fotoreporter in diesem Anfall entledigen möchte. Da findet sich Gehen oder Die Kunst, ein poetisches Leben zu führen von Tomas Espedal, Die Schiffbrüchigen von F. E. Raynal neben Pilger am Tinker Creek von Annie Dillard natürlich neben dem Vater aller Fluchtfantasien, nämlich Henry David Thoreaus Walden oder Vom Leben im Wald. Allesamt Lektüre, die von Rückzug, Einsamkeit und Kontemplation erzählt und der eigentlich auch Rio nacheifern wollte.

Walden auf der Havel

So hat er sich selbst ein Floß gezimmert, mithilfe dessen er die Flüsse und Seen rund um die Havel einen Sommer lang bereisen möchte. Das Leben auf dem Boot als Rückzug vom täglichen Leben, das ihn sehr in Beschlag genommen hat. Als Fotoreporter war er ständig mit Bilderfluten, Leid und Newsdruck belastet, eine Corona-Erkrankung hat ihn des Geruchs- und Geschmackssinns beraubt und auch mit seiner Partnerin ist vieles wie etwa die mögliche Familienplanung noch nicht geklärt.

Ich hatte mir vorgenommen, zum Baum mit dem Stuhl zu schwimmen und den Abend dort zu verbringen, doch die Strecke erschien mir zu weit , und ich watete zum Schilf. Dort lauschte ich dem Knistern der Blätter und dem wilden Geraschel, beobachtete auch Wasserläufer, die hin- und herhuschten. Meine Gedanken waren in Aufruhr. Es war im Grund genommen derselbe Aufruhr, der mich auch in Berlin permanent begleitet hatte.

Michael Kröchert – Wasserläufer, S. 125

Nun als Kontrastprogramm also das Leben auf den Flüssen und Seitenarmen der Havel in Brandenburg. Ankern auf Seen, Schwimmen und Tauchen im Wasser. Viel Einsamkeit und Ruhe, um zu sich zu finden und der eigenen Mitte nachzuspüren. Zwar blieb sein Ersuchen um eine Genehmigung seines Floßes ohne Antwort des Wasserwirtschaftsamtes, aber davon lässt sich Rio nun nicht mehr nicht aufhalten.

Ein dezidiert politischer Roman

Michael Kröchert - Wasserläufer (Cover)

Doch kein Mensch ist keine Insel, und so macht auch Rio schon bald dort zwischen den fiktiven Soliner und Fernower Seen die Bekanntschaft mit ganz unterschiedlichen Menschen. Da ist Birk, der Rio gastfreundlich aushilft, ihm Essen und Reparaturmaterial für sein Boot zur Verfügung stellt. Da gibt es aber auch den Gegenentwurf zum dem Linksradikalismus zuneigenden, naturverbundenen Birk. Er trägt den Namen Jost und lebt zusammen mit seiner Freundin Magda auf dem luxuriösen Boot namens Ponceau, das ebenfalls auf dem Fluss ankert. Sein Geld hat er gemacht, nun investiert er in eine Kaffeekooperative in Honduras und versucht in Gesprächen und Treffen, sich mit Menschen jenseits seines Standes zu verbünden.

Es ist eine Vielzahl an Figuren, denen Rio trotz seiner geplanten Einsamkeit während seines Sommers auf dem Floß begegnen wird.

Dabei beschränkt sich Michael Kröchert nicht allein auf eine Beschreibung des Lebens und der Erfahrung dort auf See. Wasserläufer ist auch ein dezidiert politischer Roman. Denn Rio begegnet Menschen, die ganz unterschiedlich auf die Gesellschaft blicken und die sich auf diametral auseinandergesetzten Positionen des politischen Spektrums wiederfinden und die das in einigen der Gespräche auch umfassend darlegen.

Während Jost bei der Durchsetzung seiner linken Weltsicht auch auf Gewalt setzt, schimpft sein Vater Ludger über Polen als pars pro toto für das Fremde. Rio begegnet dem MotorMän, einem Besitzer eines Sportboots, dessen rowdyhafte Auftritte auf dem Wasser Mensch und Natur in Schrecken versetzen. Er erinnert an neurechte Kräfte und Agitatoren, die es in Landestrichen wie Brandenburg zuhauf gibt und deren Werben auf fruchtbaren Boden fällt.

Fazit

So gelingt es Kröchert in seinem Roman, Rios Rückzug auf das Floß in der Tradition der Naturerfahrung der Romantik und der Innerlichkeit der Biedermeier-Ära die mit der harten politischen Gegenwart zu kreuzen, wodurch Wasserläufer an Tiefe und Kraft gewinnt. Sein Buch ist konsequent und begeht nicht den Fehler, irgendeinen Aspekt des Lebens dort auf dem Wasser zu verklären. Von Containern bis zu Dorffesten der neuen Rechten ist Wasserläufer ein Buch, das mit wachem Blick auf die Zustände des Landes blickt und das auch den Mut hat, den Rückzug in die Natur zu de-romantisieren. Das macht aus Wasserläufer einen starken Gegenwartsroman, der mit seiner Form und literarischen Spielereien wie kleinen Schnitten und einem gesellschaftlichen Gegenwartsbild im Kleinen überzeugen kann.


  • Michael Kröchert – Wasserläufer
  • ISBN 978-3-608-50016-5 (Tropen)
  • 368 Seiten. Preis: 25,00 €
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