Wieder einmal hat sich Michael Lichtwarck-Aschoff tief in die Medizingeschichte eingegraben und präsentiert in Vermessen das Leben des Versicherungsmediziners John Hutchinson, der als einer der Väter der Spirometrie gilt und dessen voltenreiches Leben er aus verschiedenen Perspektiven blickt.
Die Bitte einmal tief einzuatmen, um dann wieder langsam auszuatmen, man kennt sie von ärztlichen Untersuchen hinlänglich. Doch nicht nur die Lunge lässt sich mit dieser Aufforderung gut abhören, auch kann man auf diesem Wege die sogenannte Vitalkapazität ermitteln, die durch das Volumen an maximal ein- und dann wieder ausgeatmeter Luft bestimmt wird.
Einen der Väter dieses medizinischen Parameters stellt der früher ebenfalls als Mediziner tätige Michael Lichtwarck-Aschoff in seinem neuen Romans Vermessen vor. Es handelt sich um den 1811 geborenen Versicherungsmediziner John „Hutch“ Hutchinson, der der Öffentlichkeit im Jahr 1846 seinen sogenannten Spirometer vorstellte und damit die Grundlagen für die Wissenschaftsdisziplin der Spirometrie schuf.
Die Erfindung der Spirometrie
Mithilfe einem kräftigen Atemstoßes in sein Gerät will Hutchinson die Lungenkapazität und damit auch den Gesundheitsstatus seiner Probanden ermitteln. Dem befreundeten Pferdeknecht Ethelbert, einem der Erzähler dieses Buchs, erklärt es „Hutch“ wie folgt:
Nein, Bert. Ich vermesse die Kandidaten. Größe, Gewicht, Alter, und dann kommt auch schon mein Spirometer ins Spiel.
Michael Lichtwarck-Aschoff, S, 34 f.
Die kriegen eine Maske über?
Nein, Bert, den Männern gebe ich natürlich keine Maske, sondern ein Mundstück. Habe ich dir doch erklärt. Ich klemme ihnen die Nase ab und sage ihnen, sie müssen durch das Mundstück ausatmen, so fest sie können. In die Lunge gehen so und so viel Kubikzoll Luft hinein, und ebenso viele Kubikzoll kommen auch wieder raus, eine Zahl, präzise bis auf drei Stellen hinter dem Komma. Ich kann fünf- oder zehnmal hintereinander messen, immer annähernd dieselbe Zahl. Sag selbst: Ist das nicht großartig? Über das, was man bloß vermutet, kann man ja endlos streiten. Über Messergebnisse kann man nicht streiten.
Seine Erfindung präsentiert der findige Mediziner nicht nur seinem Freund Ethelbert stolz, vor allem dessen Tochter erweist sich als höchst verständige und talentierte Naturwissenschaftlerin, die Hutchinson mit seiner Erfindung entscheidend unterstützt.
Doch weil die Wissenschaft nur die halbe Miete ist, sammelt der Mediziner auch noch zwei weitere, höchst illustre Gestalten um sich, die ihm bei der Präsentation seines Spirometers unterstützen sollen. Es handelt sich bei ihnen um den jahrmarktgestählten Impresario Sands Maddox und seine Assistentin Rosalind.
Aus dem Blenheim Palace nach Bendigo in Australien
So beginnt John Hutchinson die Vermarktung seines Spirometers und gastiert damit im nahegelegenen Blenheim Palace, wo er seine Erfindung vor dem Hofstaat des Herzogs von Marlborough vorführen will.
Der Mediziner wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Eventisierung seiner Erfindung und der Nutzbarmachung, indem er eine große Versuchsreihe zur Erfassung der Vitalkapazität von Bewohnern der Cotswolds beginnt.
Doch wie das mit schmalen Graten so ist, auf denen man wandelt: immer ist auch ein Absturz möglich, von dem wir in Lichtwarck-Aschoffs Roman schon früh Kenntnis erlangen. Denn Hutchinson findet sich mit Getreuen plötzlich in Bendigo, Australien wieder und es bleibt die große Frage, wie es den Versicherungsmediziner dorthin verschlagen hat.
Allmählich bekommen wir eine Antwort, da uns Maddox, Ethelbert und weitere Figuren alle auf ihre ganz eigene Weise vom Mediziner und seinem Weg bis nach Australien erzählen. Wirkliche Lufthoheit über die Geschichte des Mediziners gewinnt dabei keine der Figuren, was aber auch den Reiz des Romans ausmacht, Denn im Gegensatz zu Hutchinson und dessen unumstößlichen Wahrheiten, die seine Spirometrie zeitigen soll, gibt es in Lichwarck-Aschoffs Roman Raum – oder sollte man besser sagen: Luft – für Vielstimmigkeit, Widerspruch und Interpretation.
Literarisch wendig wie Christine Wunnicke
Suchte man ein literarisches Äquivalent zu Michael Lichtwarck-Aschoffs Schreiben, würde man wohl am ehesten bei der Büchner-Preisträgerin Christine Wunnicke fündig. Denn wie Wunnicke greift sich Lichtwarck-Aschoff immer wieder Figuren und Episoden der Wissenschaftsgeschichte auf, die er mit seinen durchaus humorbegabten Fiktionen umkreist und ausstellt.
Zuletzt widmete er sich der Frage des Rassismus im Werk und Denken Immanuel Kants, indem er den fiktiven hugenottischen Perückenmacher von Königsberg zu Wort kommen ließ oder beleuchtete in Robert Kochs Affe ein dunkles Kapitel aus dem Leben des „Seuchenarztes“ Koch.
Nun also John Hutchinson, dessen Werk die Lungenmedizin bis heute prägt und der doch noch nicht einmal einen Eintrag in der Encyclopaedia Britannica hat, worauf Lichtwarck-Aschoff in seinem ausführlichen Nachwort hinweist – genauso wie auf den nur schwer zu tilgenden Rassismus, der seit den Tagen Hutchinsons die Lehre der Spirometrie prägt und der nur langsam verschwindet. Leichthändig stellt sein umfassendes Nachwort die Verbindung unserer (medizinischen) Gegenwart und dem Wirken des Mediziners im 19. Jahrhundert her und liefert neben der literarischen Freude so noch allerhand Wissenswertes.
Vermessen ist voller Medizingeschichte und Augenzwinkern – und überzeugt durch seine literarische Vielstimmigkeit, mit der Lichtwarck-Aschoff seinen Versicherungsmediziner umtanzt, verrätselt und vorstellt. Wer war dieser Hutch? Ganz sicher vermag man es nach der Lektüre von Vermessen auch nicht zu bestimmen, aber dass die literarische Umkreisung Erkenntnis und gute Unterhaltung hervorbringt, das lässt sich ganz bestimmt sagen!
- Michael Lichtwarck-Aschoff – Vermessen
- ISBN 978-3-99050-305-8 (Amalthea)
- 224 Seiten. Preis: 26,00 €
