Bernhard Aichner – Totenfrau

Eine Frau sieht schwarz

Sie haben ihr ihre große Liebe genommen – nun schlägt Blum zurück. Erbarmungslos verfolgt sie die Spuren der Mörder ihres Mannes und entdeckt eine unglaubliche Geschichte, die so unglaublich ist, dass Blum niemand glauben will.

So geht sie, die Geschichte, die das Gerüst von Bernhard Aichners Roman „Totenfrau“ bildet. Im Mittelpunkt seiner Erzählung steht Blum, eine höchst eigenwillige und kompromisslose Frau, deren Einführung auf den ersten Seiten den Leser schon einmal kräftig schlucken lassen dürfte. Als Bestatterin verdient sie ihr täglich Brot mit dem Herrichten und Unter-die-Erde-Bringen von Toten. Die Realitätsnähe der im Bestattungsinstitut spielenden Szenen ist auch der Tatsache geschuldet, dass der österreichische Autor selbst ein halbjähriges Praktikum bei einem Bestatter ableistete, um die Glaubwürdigkeit des Romans zu gewährleisten.

Der Inhalt von Aichners Rachegeschichte ist alles andere als die Neuerfindung des Rades. Die Art und Weise, mit der er aber seine Geschichte erzählt, nötigt mir aber Respekt ab.
Anhand eines minimalen Personaltableaus erzählt Aichner seine Geschichte, die trotz ihres Österreich-Settings höchst universell ist und deren Rechte dementsprechend auch schon in zahlreiche Länder verkauft wurden.

Schnell erzählt

Seine kurzen Kapitel sind schnell und hart geschrieben, Dialoge nimmt Aichner aus seinem Erzählfluss heraus und gibt diese nur als wörtliche Rede wieder. Hier zeigt sich auch das große Talent, wenn aus gewechselten Wörtern Gespräche werden, die den Leser mitzittern lassen und ihn das Schlimmste befürchten und auf das Beste hoffen lassen. Gerade der Dialog mit einem Polizisten in der Mitte des Romans ragt hier heraus. Bei Aichner sind Gespräche nicht nur Mittel zum Zweck, sie sind elementarer Bestandteil des Plots, die die Spannung weter vorantreiben. Das ist stark gemacht!

Blum kann in ihrer Kompromisslosigkeit als österreichische Antwort auf Lisbeth Salander gelten. Die Totenfrau ist eine Rachegeschichte, die in ihrer Radikalität noch lange nachhallt. Außergewöhnlich gut!

Robert Hültner – Tödliches Bayern

Mörderisches aus dem Freistaat

Mag im Fernsehen und in der Literatur der Mord und Totschlag manchmal auch mit einem gewissen Nimbus des Glamours und der Weltläufigkeit daherkommen – die Realität sieht anders aus. Den Beweis hierfür tritt der deutsche Krimipreisträger Robert Hültner mit seinem Buch „Tödliches Bayern“ an.

Hültner richtet sein Augenmerk auf die Morde abseits der Geschichtsbücher, die vom kollektiven Bewusstsein schon wieder verdrängt wurden. Er hat sich durch Archive gegraben und präsentiert in seinem Buch acht Kriminalfälle, beginnend im Jahr 1807 und endend im Jahre 2004.
Er erzählt von Habgier, von Liebe, Begehren und Hass. Die meisten Fälle spielen im einfacheren Milieu, die Morde geschehen auf Bauernhöfen oder in den Bergen. Wem die Romane von Andrea Maria Schenkel gefallen, der dürfte auch an „Tödliches Bayern“ seine Freude habe. Mit schnörkelloser Prosa statt der bayerische Krimipreisträger seine Geschichten aus und bleibt ganz nahe an seinen Figuren. In den Geschichten, die meisten eine Länge von 40-50 Seiten aufweisen, wird Geschichte lebendig. Wer sich für True Crime und Kriminalgeschichte interessiert, dem dürfte „Tödliches Bayern“ von Robert Hültner auf jeden Fall zusagen!

Toby Barlow – Baba Yaga

Phantastisches Paris

Mit wunderschönem Cover ausgestattet schickt der neu begründete Atlantik-Verlag mit Toby Barlow gleich einen Hochkaräter an den Start. Das fünfhundertvierundvierzig Seiten starke Buch dürfte vor allem Freunde abseits des literarischen Mainstreams beglücken, die Freude an Experimenten haben.

Toby Barlow präsentiert ein Buch, das in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen fällt. Wann hat man seit Kafkas Verwandlung einen Roman gelesen, in dem ein Protagonist in ein Insekt verwandelt wird? Wer hat es zuletzt gewagt, einen Agententhriller mit leibhaftigen Hexen zu kreuzen? Barlow tut dies in „Baba Jaga“ auf höchst ungewöhnliche Weise.

Er erzählt von zwei Hexen, die seit Jahrhunderten durch die Gegend geistern und sich nun im Paris der 50er Jahre niedergelassen haben. Als eine der beiden Hexen nun ihren Liebhaber im Affekt tötet, tut sie dies so ungewöhnlich, dass ihnen die Polizei in Form des Kommissars Vidot auf die Spur kommt. Als dieser den Hexen zu nahe kommt, wird er in einen Floh verwandelt. Und dann gibt es auch noch den CIA-Geheimagenten Will, der seine Tarnidentität sorgsam pflegt, sich dann aber ebenfalls in eine der beiden Hexen verliebt.

Baba Jaga ist eine bunte Wundertüte, die Erwartungen der Leser immer aufs Neue ins Leere laufen lässt, Haken schlägt, ins Phantastische abdriftet, um als nächstes gleich mit einem Shootdown ums Eck zu biegen. Das ist so reizvoll wie ungewöhnlich. An einigen Stellen hätte ich mir etwas weniger erzählerische Volten gewünscht sowie etwas mehr Stringenz – das Buch fordert dem Leser nämlich schon einiges an Aufmerksamkeit ab, damit die Bezüge und Entwicklungen klar sind. Ansonsten ein Tipp für alle Liebhaber von Ungewöhnlichem!

Per Leo – Flut und Boden

Die Familie als Steinbruch

Von der Dissertation zum Roman – diesen nicht alltäglichen Weg beschritt Per Leo mit seinem Roman „Flut und Boden“. Ursprünglich als Dissertation über den Graphologen Ludwig Klages konzipiert, stieß er schon bald auf familiäre Verstrickungen ins Dritte Reich. Er beschäftigte er sich daraufhin mit seiner Familiengeschichte intensiver und das Endergebnis seiner Forschung ist nun der Roman „Flut und Boden“.

Per Leo nutzt die seine Familiengeschichte als Steinbruch, an der er sich abarbeitet, die Quell der Inspiration ist und die in ihrer Ambivalenz sinnbildlich für das Nachkriegsdeutschland steht. Dabei wagt Per Leo einen wilden Parforceritt durch die Familiengeschichte, Familienmitglieder werden zu Chiffren abgekürzt und der Duktus seiner Erzählung ist auch raschen Veränderungen unterworfen. Mal erzählt Leo mäandernd und detailversessen, dann wechselt er wieder ins Harte, Staccatohafte. „Flut und Boden“ hat keinen richtigen Erzählrhythmus, die einzelnen Kapitel wirken selbst ins sich nicht geschlossen, sondern sind viel mehr Collagen.

Die Frage, die mich umtrieb, war folgende: Kann man „Flut und Boden“ eigentlich als Familienroman bezeichnen? Natürlich ist es der Roman über eine Familie, aber das Buch Leos ist weit weg von jeder Behäbigkeit und gravitätisch chronologischer Abfolge. Diese Familiengeschichte ist weniger „Buddenbrooks“ denn mehr schneller Musikclip durch die Jahrzehnte. Leos Montagetechnik ringt dem doch schon recht zu Tode erzählten Familienroman-Genre neue Seiten ab und lohnt das Entdeckt-Werden!

Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie der Liebe

Digitale Liebe

Einen Liebesroman in Zeiten von Facebook, Twitter und Instagramm legt Scott Hutchins mit „Eine vorläufige Theorie der Liebe“ vor.
Angesiedelt im kalifornischen Silicon Valley erzählt der amerikanische Autor von Neill Bassett Jr.. Dieser arbeitet mit dem Programmierer Laham und seinem Boss Livorno an einem großen Unterfangen – er will den sogenannten Turing Test mit einem eigens entwickelten Computer bestehen. Dieser Test besagt, dass es ein semantischer Rechner schaffen muss, Tester bei einem Chat zu überzeugen, dass sie anstelle eines Computers einen Menschen vor sich sitzen haben, der mit ihnen kommuniziert.
Gelingen soll dieses Unterfangen mithilfe des circa 5000 seitigen Tagebuchs von Neill Bassetts Vater, mit dem sie den Computer füttern. So verfeinern die drei Tüftler den Computer immer mehr und versuchen ihm ein menschliches Antlitz zu verpassen, während Neill privat durch sein Leben trudelt und auf der Suche nach Liebe ist. Doch gibt es diese überhaupt oder was besagt die „Vorläufige Theorie der Liebe“?

Mit seinem Debütroman ist Scott Hutchins gelungen, das disparate Bild der Gesellschaft gegenüber der Liebe zu zeigen. Alte Modelle existieren weiterhin, doch die neue Unverbindlichkeit gegenüber Partnern und die eigene Definition von Liebe ist wohl so vielfältig wie noch nie. Hutchins stellt Neill Bassett in seiner ganzen Zerrissenheit seinen Vater in Form der Tagebücher gegenüber.
Die Stärke von Hutchins Roman besteht nun darin, dass er zu keinem großen Urteil kommt. Er lässt die Lebens- und Liebesentwürfe nebeneinander stehen und überlässt dem Leser die Interpretation beziehungsweise die Entscheidung.
Man beobachtet Neill, wie er von einer Liebesgeschichte in die nächste taumelt, bei sektenähnlichen Vereinen sein Glück zu finden, sich mit seinem Vater in Form des Computers zu versöhnen und nicht zuletzt einfach glücklich zu werden versucht. Ambivalent und sehr postmodern ist dieses Debüt – eine erzählerische Stimme, die man auf dem Zettel haben sollte!