Patrick Ryan – Buckeye

Kuss und Krieg. In seinem Great American Novel Buckeye erzählt Patrick Ryan vom komplexen Miteinander zweier unterschiedlicher Paare in einer Kleinstadt in Ohio, das in der Zeit des Zweiten Weltkriegs seinen Ausgang nimmt und das zeigt, wie sehr das Leben der Menschen immer wieder von Kriegen beeinflusst wurde.


Es ist nur ein kurzer Moment, der die Leben von Cal Jenkins und Margaret Salt aneinanderkettet. So sucht Margaret Cal, der im Werkzeugladen seines Vaters arbeitet, in der Hoffnung auf, dass der Laden über ein funktionstüchtiges Radio verfügt. Denn über das Radio verkündet US-Präsident Truman die Kapitulation Nazi-Deutschlands und damit das bevorstehende Ende der Kriegshandlungen, was Margaret in einer Art Übersprunghandlung zu einem Kuss verleitet.

Dieser Kuss steht am Anfang des Buchs und wird nicht nur Cal und Margaret, sondern auch ihre jeweiligen Partner*innen in ein Personengefüge spannen, das sich als erstaunlich tragfähig für einen über 650 Seiten langen Roman erweist.
Während Margaret das Kriegsende herbeisehnt, da ihr Mann Felix als Teil der Kriegsmarine in den Krieg involviert ist, wäre Cal gerne Teil jener Kriegsmaschinerie, in der er aufgrund eines verkürzten Beins keinen Dienst tun darf.

Ein Kuss zum Kriegsende

Patrick Ryan - Buckeye (Cover)

Stattdessen arbeitet er für seinen Schwiegervater im Werkzeugladen und vertreibt sich die Zeit mit Comics. Und dann ist da auch noch Becky, Cals Frau. Diese ist ein Medium, die immer wieder Botschaften aus dem Jenseits erhält, was sie zu einer gefragten Gesprächspartnerin in Bonhomie macht, insbesondere, da sie ihre Dienste gratis von zuhause aus anbietet.

Nicht nur verzweifelte Witwer und Hinterbliebene suchen sie auf, sondern auch dubiose Geschäftsmänner, was Cal immer wieder in ein Spannungsverhältnis zu seiner Frau bringt, die ihn nach einer letzten Eskapade nun auf die Couch verbannt hat. Und so ist der Nährboden bereitet für jenen initialen Kuss und die daraus folgende Affäre, die dramatische Folgen für die Beteiligten haben wird.

Buckeye ist ein clever komponierter Roman, der den Lebenswegen seiner vier zentralen Figuren und deren Kindern folgt. Neben allen zwischenmenschlichen Problematiken wie Eifersucht, Affären und versteckter Homosexualität ist es auch die Frage nach dem Zufall des Schicksals, der Patrick Ryans Roman nachgeht.

Der Mai kam. Er sortierte Scharniere und Schrankgriffe. Sortierte Unterlegscheiben. Nebenbei fragte er sich hin und wieder, wie sich sein Leben wohl gestaltet hätte, wenn er mit gleichlangen Gliedmaßen auf die Welt gekommen wäre und mit einer Mutter und Geschwistern, die noch lebten; und bisweilen – allein bei der Arbeit – fragte er sich, wie es wohl gelaufen wäre, wenn er nicht das erstbeste Mädchen geheiratet hätte, mit dem er ausgegangen war. Das konnte man natürlich nicht wissen, und allein schon beim Gedanken daran fühlte er sich furchtbar. Aber die Frage stellte er sich doch.

Patrick Ryan – Buckeye

Aber – oder vor allem – ist es auch die Allgegenwart des Krieges und seiner Folgen, die Buckeye gekonnt illustriert.

Die Allgegenwart des Krieges

Während Cal unbedingt in den Krieg ziehen möchte und seinen Beitrag leisten möchte, aber ausgemustert zuhause bleiben muss, ist sein Vater, ein Veteran, der immer wieder eigenwillige Briefe an die höchsten Ebenen der Politik adressiert, darüber mehr als froh.
Felix hingegen erlebt den Krieg in seiner ganzen Brutalität mit, als sein Kriegsschiff von einem Torpedo getroffen wird und den Zusammenhalt der Männer auf eine harte Belastungsprobe stellt.

Und auch die nachfolgende Generation wird vom Krieg nicht verschont. Hier wiederholt sich die Geschichte nicht als Farce, sondern als Tragödie und zeigt, wie die USA im Grunde bis heute immer wieder in Kampfhandlungen verwickelt sind, deren Opfer die Zivilbevölkerung bringen und ertragen muss…

Patrick Ryan setzt diese Linie nicht bis in die Gegenwart mit Irak- und Irankrieg fort, sondern lässt seinen dickleibigen Roman schon im Vietnamkrieg enden. Er muss aber auch gar nicht bis in die Gegenwart vordringen, um diese Belastung durch den Krieg selbst in den letzten Winkeln der USA, wie in seinem Falle dem ländlichen Idaho, zu illustrieren.

Buckeye ist ein starker Roman, der vor dem Hintergrund dieser zwei prägenden Kriege auf höchst unterschiedliche Schicksale blickt, die sich durch einen kleinen Moment der Euphorie verbinden und nie wieder lösen lassen. Ihm gelingt ein unterhaltsamer Gesellschaftsroman, der bis auf wenige übersetzerische Unsauberkeiten (beispielweise verzehrte „Bärenklauen“ anstelle von gebackenen „Bärentatzen“) oder Anachronismen wie der „Griff nach der Barschaft“ auch im Deutschen zu überzeugen weiß.

Fazit

Wie das Schicksal zuschlagen kann, wie sich höchst verschiedene Leben doch zusammenfügen können, das illustriert Patrick Ryan mit Buckeye gekonnt. Sein Debüt wandelt auf den Spuren anderer amerikanischer Erzähler wie Nathan Hill oder Eric Puchner und unterhält dabei aufs Beste.


  • Patrick Ryan – Buckeye
  • Aus dem Englischen von Thomas Überhoff
  • ISBN 978-3-98816-083-6 (park x ullstein)
  • 656 Seiten. Preis: 26,00 €
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