Kerstin Specht – Mittelberge

Das Aufwachsen eines jungen Mädchens in den 1930er-Jahren bis hinein in die Zeit der Wirtschaftswunderjahre beschreibt Kerstin Specht in ihrem Debüt Mittelberge. Was auf den ersten Blick nach einem schon dutzendfach verhandelten Plot klingt, wird bei Specht nicht nur sprachlich zu einem ein Ereignis!


Sie hat sich wahrlich Zeit gelassen. Denn auch wenn es sich eigentlich nicht geziemt, das Alter einer Dame zu nennen, so ist doch festzuhalten, das sich Kerstin Specht sechs Jahrzehnte Zeit gelassen hat, um nun pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag mit Mittelberge als Romanautorin zu debütieren. Endlich, so muss man nach der Lektüre des Buchs konstatieren, denn ihr Buch ist durchsättigt von literarischer, philosophischer und menschlicher Erfahrung, die aus jeder Seite des Buchs spricht.

Bislang war die Autorin als preisgekrönte Dramatikerin in Erscheinung getreten, schrieb vor allem Ende der 80er bis in die 1990er Jahre hinein Theaterstücke, die sich großen Erfolgs erfreuten. Sogar international wurden ihre Stücke gespielt, darunter von niemand geringerem als der Royal Shakespeare Company.
Es waren Stücke, die in der Tradition Marieluise Fleißers standen, in denen sie auf das kleinbürgerliche Milieu und ihre Heimat Oberfranken blickte.

Eine Dramatikerin wird zur Romanautorin

In ihrem Debütroman bleibt sie diesen Themen treu. Mittelberge spielt im Landstrich Nordoberfrankens zwischen Kronach und dem Ochsenkopf, wo die junge Sophie aufwächst. Bittere Armut, Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Sadismus in der Schule sind Merkmale ihrer Lebenswelt, zu der sich bald auch die Auswirkungen der „Machtergreifung“ Hitlers gesellen.
Junge Menschen müssen in den Krieg ziehen und kehren nur selten oder stark versehrt zurück in ihre ländliche Heimat.

Hunger, junge Gefallene und die zunehmende Fanatismus sind auch dort im abgelegenen Landstrich kurz vor der thüringischen Grenze zu spüren. Und so erlebt Sophie mit eigenen Augen mit, wie das Dorf kurz vor dem Einmarsch der US-Alliierten den Hals aus der Schlinge ziehen und die ideologische Wende vollziehen will, indem die weißen Bettlaken nun Hochkonjunktur haben und ein ganzer Berg an weggeworfenen Hitlerporträts im Stauwehr der Kronach strudelt.

Der Stucker war gestern noch der größte Nazi. Jetzt ist er eine Kühlerfigur. Die Amis setzen ihn vorn auf ihren Jeep. Eine aufgespießte schwarze Spinne. Sie fahren ihn am hellen Tag durchs Dorf in den Wald, und man weiß nicht, was sie da mit ihm machen werden. Aber der Schmied, der zweitgrößte Nazi, der wird von ihnen gebraucht, um ihren Panzer zu schweißen. Dem werfen sie grüne Riesennetze vor die Tür, voll mit Dosenfleisch, Dosenananas, Dosenkaffee und Schokolade.
Dem Textilgeschäft Schober in Kronach haben die GIs aus Spaß in die Blumenkästen geschossen. Da hat es die Kästen aus den Halterungen gerissen. Es hat Erde geregnet und hundert Hakenkreuzanstecker, die man darin vergraben hat. Die GIs heften sie sich an die Brust. Panzern ihre Uniform mit Parteiabzeichen. Und freuen sich wie Kinder.

Kerstin Specht – Mittelberge, S. 112 f,

Die literarische Erschließung Nordoberfrankens

Kerstin Specht - Mittelberge (Cover)

Die Zeit mit den amerikanischen Besatzern spielt ebenso eine Rolle wie die dann beginnende Zeit des Wirtschaftswunders, die für Sophie auch mit ihrem eigenen Erwachsenenwerden zusammenfällt.

Mittelberge erscheint in einer Zeit, in der auch Franken literarisch wieder eingehender erschlossen wird. Die Titel von Martin Oswald, Annegret Liepold oder Nadine Schneider stehen für diese Entwicklung, zu der sich nun auch Kerstin Specht mit ihrem Roman gesellt.

Ähnlich wie Tommie Goerz‘ Roman Im Schnee ist auch Mittelberge die Beschau einer Lebenswelt, die heute allenfalls in Spurenelementen noch sichtbar ist. Die bittere Armut, die Abgeschiedenheit, die Rituale wie Hausschlachtungen oder die Hochzeit im schwarzen Kleid, die körperliche Arbeit im Steinbruch, die Fortbewegung allein per pedes oder die Zeit der Kinderverschickung während des Zweiten Weltkriegs – die von Kerstin Specht beschriebene Lebenswelt tritt in ihrem Roman noch einmal plastisch vor Augen, auch wenn sie schon wieder Geschichte ist.

Ein sprachlich ganz eigener Ton

Im Gegensatz zu Tommie Goerz Roman weist Mittelberge allerdings einen sprachlich raueren, einprägsameren und eigenen Ton auf. Eingebettet in das Erzählen, das mit seinen rhythmischen kurzen Sätzen und der wohldosierten Erzählökonomie besticht, ist der Text auch immer wieder von kurzen Gedichten und lyrischen Skizzen durchbrochen, die den Erzählraum weiter öffnen.
Zudem wendet Kerstin Specht neben stellenweise eingeflochtenen Zitaten aus der Literatur auch einen leichten Dialekt an, der ihr Erzählen noch anschaulicher und glaubhafter macht.

Der Mond ist aufgegangen. über allen Wipfeln ist Ruh. Im Haus beginnt die Unruhe. Sophie sucht ihre Schuhe und ihre Jacke. Der Vater wuchtet schon den Zentnersack Getreide auf die Schubkarre. Das eiserne Rad rumpelt über die Steine im Hof. Es soll lautlos vor sich gehen. Es geht nicht. Die Nachbarn dürfen nichts hören. Sie hören alles.
Sophie und ihr Vater laufen den Wiesenweg, dann den Waldweg hinauf. Erst leuchten die Kieselsteine weiß im Mondlicht wie bei Hänsel und Gretel. Die Krähen schlucken nur Luft und schreien nicht. Dann kommt der dumpfe dunkle Waldweg mit aufspringenden Wurzeln und quer liegenden Ästen. Dann ein See mit sumpfiger Umrandung, da hacken die Krähen in den Weg.
Der Vater verläuft sich. Die Adern auf seinen Armen werde immer dicker und die Beine des Kindes müde.
Endlich ein Schimmer Licht. Unten am Wasser liegt die Mühle. Der Vater klopft an die eichene Tür. Schlurfende Schritte. Der Müller schiebt sein Gesicht zur Tür heraus.

Kerstin Specht – Mittelberge, S. 88

Diese Sprache hebt den Plot um das Erwachsenwerden eines Mädchens im 20. Jahrhundert dann vollends über das Gros thematisch ähnlich gelagerter Romane hinaus. Die kurzen Kapitel funktionieren sowohl für sich als erzählerische Miniaturen, wie auch in ihrer Abfolge, die das Erwachsenwerden des Mädchens unter schwierigen Bedingungen nachzeichnen.

So wird aus diesem Roman ein eindringlich Leseerlebnis, ein Sprachfest, die Feier weiblicher Widerstandskraft und die logische Fortführung eines künstlerischen Werks, das Oberfranken und den Herausforderungen, denen sich die Landbevölkerung in vielfacher Hinsicht gegenübersah, nun in Form dieses Romans ein Denkmal setzt!

Fazit

Es ist ein Glücksfall, dass sich Kerstin Specht zu dieser gelungenen Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte entschieden hat (gewidmet ist Mittelberge ihrer eigenen Mutter, deren Foto auch das Cover ziert) – und dass das Buch beim unabhängigen Verlag Stroux Edition ein Zuhause gefunden hat, auf dass man nun tief in diese exemplarische Lebensgeschichte eintauchen und sich an der Sprachmacht seiner Autorin erfreuen darf!


  • Kerstin Specht – Mittelberge
  • ISBN 978-3-948065-50-8 (Stroux Edition)
  • 244 Seiten. Preis: 26,00 €
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