Preti Taneja – Wir die wir jung sind

Von den Schwierigkeiten einer geordneten Firmenübergabe, von Familienkonflikten und vom neuen Indien – davon erzählt Preti Taneja in ihrem Roman Wir die wir jung sind. Ein Buch, das mitten hineinführt in die Verwerfungslinien, die die indische Gesellschaft und Familien durchziehen (übersetzt aus dem Englischen von Claudia Wenner).


Eigentlich hätte alles still und leise abgehen können: Devraj Bapuji hat den Mischkonzern The Company groß gemacht. Bis nach Kaschmir erstreckt sich sein Firmenimperium, das Schwerindustrie, Hotelkomplexe, Textilfabriken und dergleichen mehr umfasst. Nachdem er den Zenit der Schaffenskraft überschritten hat, soll die Macht an seine Töchter übergehen. Drei an der Zahl, die nun bedacht werden wollen. Und dann gibt es auch noch Ranjjit Singh, seinen Begleiter aus alten Tagen. Auch er hat zwei Söhne, die in der Nachfolgeregelung bedacht werden wollen.

Eine komplexe Gemengelage, bei der Konflikte vorprogrammiert sind. Denn schon die drei Töchter Devrajs sind mehr als unterschiedlich. Studienaufenthalte im Ausland, verschiedene Talente und Temperamente und eine Tochter, die vor ihrem Vater gleich zu Beginn des Buchs ins Ausland flieht. Und dann gibt es ja auch noch die beiden Söhne Singhs, die ebenfalls höchst unterschiedlich sind.

Sie alle eint die Situation der Nachfolge, die sie alle anders gestalten wollen. Für die einen ist die Nachfolge Bürde, für die andere Chance. Alle haben sie unter dem despotischen Devraj gelitten, alle sind sie andere Wege gegangen. All diese Wege führt Preti Taneja nun im Laufe ihres Buchs zusammen. Jedes der Kinder bzw. Stiefkinder wird in den sechs Großkapiteln des Buchs vorgestellt. Dazwischen flicht Taneja immer wieder Reflektion Devrajs ein, der über sein Schaffen, seine Töchter und die Kinder seines Begleiters Ranjit räsoniert.

König Lear reloaded

Die Folie, auf der Wir die wir jung sind erzählt wird, ist klar erkennbar. Shakespeares König Lear stand Pate für eine Neuinterpretation des Ganzen. Devraj als König Lear mit seinen drei Töchtern, Ranjit Singh als Graf Gloucester – die Anleihen sind deutlich. Auch die Handlung orientiert sich mit den Verbannungen, Intrigen und Machtkämpfen stark an Shakespeares Werk. Das geht soweit, dass sogar die in Shakespeares Stück grundierte Invasion Britanniens durch die Franzosen in Tanejas Buch aufscheint. Diesmal ist der Hintergrund allerdings der Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der im Buch durch einen Hotelbau in dieser Region immer wieder thematisiert wird.

Dabei ist die Idee eines König Lear reloaded gewissermaßen nicht vollkommen neu. Zuletzt hatte auch Edward St. Aubyn im Rahmen des Shakespeare-Hogarth-Projekts eine Interpretation des klassischen Stoffs veröffentlicht. Bei ihm wurde Shakespeares Ausgangsstück zu Dunbar und seine Töchter. Dabei ist der Titelheld ein Medienmogul, der ebenfalls die Macht übergeben möchte. Dies versucht er mit zwei seiner Töchter, die ihn dann in ein Sanatorium abschieben. So kann es gehen.

Zugegeben, die Idee einer Neuinterpretation von König Lear hat auch ihren Reiz. Dass sie auch gelingen kann, hat zuletzt ebenjener Edward St. Aubyn mit seinem Werk eindrücklich gezeigt. In Preti Tanejas Fall funktioniert das Ganze für meine Begriffe aber nicht optimal. Denn wenn Tanejas deutscher Verlag das Adjektiv „episch“ verwendet, um ihr Buch anzupreisen, dann sollte man das wirklich ernst nehmen. Mit über 620 Seiten hat das Buch einen enormen Umfang, die für meinen Geschmack deutlich zu lang ist. Das jung im Titel könnte auf alle Fälle durch „lang“ ersetzt werden.

Wir, die wir lang sind

So nimmt sich Preti Taneja ausführlichst Zeit, ihre einzelnen Charaktere vorzustellen. Beginnend bei Ranjit Singhs Sohn Jivan wirft sie die Leser*innen gleich in die Handlung hinein. Langsam erschließen sich die Familienbeziehungen und das enorme Personengefüge. Hier ist es alles andere als leicht, den Überblick zu behalten. Denn C. H. Beck hat es leider versäumt, dem Buch ein Dramatis personae zu spendieren. Man muss schon enorm aufpassen, bei Kritik Sahib, Jivan Singh genannt Jon Singh, Jeet Singh, Kashyap, Devraj Punj, Gargi, Bubu, Radha und dergleichen mehr den Überblick zu behalten.

Neben den ungewohnten indischen Namen sind es auch die ständigen Anreden, Floskeln und ganze Sätze, die teilweise unübersetzt im Text stehen. Zwar ist ein Register der Termini angefügt, allerdings wurde ich des Blätterns mit der Zeit auch überdrüssig. Ganze Dialoge auf Hindi machten es mir so manches mal schwer, dem dramatischen Geschehen zu folgen.

Das größere Problem, das bei mir zu Problemen mit dem Buch führte, war das Fehlen von Spannkraft und Sogwirkung. Will mich ein Buch in eine andere Kultur mit einem anderen Weltsicht entführen, braucht es mir auch Widerhaken, die mich in die Geschichte hineinziehen. Charaktere, deren Konflikte ich nachvollziehen kann. Das gelang zum Auftakt bei Jivan noch gut, mit dem Fortschreiten des Buchs kam mir das alles aber belangloser vor. Ich konnte keine große Bindung zu diesen Figuren aufbauen, bei denen ich die Namen immer wieder durcheinanderwürfelte und langsam den Überblick verlor.

Deutliche Straffungen und Kürzungen hätten dem Buch in dieser Hinsicht deutlich besser getan. Auch kommen mir bei allem privaten Hickhack und den Streitereien die zeitgenössisch-gesellschaftlichen Betrachtungen des heutigen Indien zu kurz. Zwar kreist Taneja immer wieder um die Frage, wie sich Frauen und Männer in der indischen Gesellschaft definieren. So ganz überzeugen konnte mich das Ganze leider nicht.

Viel Potential, wenig Überzeugendes

Literatur aus Indien habe ich ja nicht gerade auf meinem alltäglichen Lesemenü. Viel zu selten gibt es in den Buchprogrammen indische Stimmen – weshalb ich mich über solche Lesemöglichkeiten ja sehr freue. Leider gelingt es Preti Taneja in meinen Augen zu wenig, aus ihrem Ausgangsmaterial etwas zu machen. Mich hat da Jhumpa Lahiris Tiefland zuletzt deutlich mehr überzeugt, als das bei Wir die wir jung sind der Fall ist. Schade!

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