R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit

Wie geht eigentlich Ruhestand? Das muss Tom Baldwin, der Held von R. C. Sherriffs Glücksfall von wiederentdecktem Roman Vor uns die Zeit erst noch lernen. Bis dahin leiden wir mit dem ehemaligen Angestellten mit, dem es sichtbar schwer fällt, sich mit der neugewonnen Freiheit zu arrangieren. Aber man wäre nicht in einem Roman von R. C. Sherriff, wenn sich nicht doch alles noch irgendwie fügen würde…


Es gibt gelungenere Symbole als das einer Uhr, die der Angestellte Tom Baldwin an seinem letzten Arbeitstag von den Kollegen überreicht bekommt. Ist es ein Zeichen, dass seine Zeit abläuft, ein Hinweis auf die verbleibende Lebensspanne? Oder vielleicht doch eher ein Geschenk mit der Intention, dem Beschenkten vor Augen zu führen, wie viel Zeit er nun hat?

Dass es ganz schön schwierig sein kann, mit der nun neugewonnenen Zeit im Ruhestand umzugehen, das muss Tom Baldwin schon recht bald erkennen. Denn nun ist er auch tagsüber zu Hause in seinem kleinen Häuschen im Londoner Vorort Brondesbury Park zusammen mit der Hausangestellten Ada und seiner Frau Edith. Statt Harmonie und neugewonnener Zeit mehren sich aber schon bald die atmosphärischen Störungen zwischen den Eheleuten und mit der Hausangestellten.

Willkommen im Ruhestand

Dabei hatte er sich alles so schön ausgemalt, auch im Hinblick auf Vorbilder in Sachen Schaffenskraft im Rentenalter:

Das goldene Zeitalter lag für einen Mann, wenn er vernünftig gelebt hatte, zwischen sechzig und fünfundsiebzig. Männer hatten sich in dieser Zeit aus Tälern zu Berggipfeln emporgeschwungen. Hindenburg zum Beispiel, 1914 ein Soldat im Ruhestand, weltberühmt mit siebzig, Präsident von Deutschland mit fast achtzig. Oder Gladestone, der mit sechsundsiebzig an die Macht zurückgekehrt, mit , mit dreiundachtzig noch ein großer Premierminister war… oder Dutzend andere … Shaw schrieb mit siebzig Meisterwerke, und da war er, der als Pensionist nach Hause kam und dachte, er stünde mit achtundfünfzig mit einem Fuß im Grab!

R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit, S. 22

Weder die Versuche des Studiums historischer Bücher noch die Gartenarbeit führen zu einem erfüllten Dasein Baldwins, im Gegenteil. Sogar bei so profanen Dingen wie der Nutzung eines Besens geraten sich die drei Hausinsassen in die Haare. Immer unglücklicher wird dieser Tom Baldwin und es scheint sich zu bestätigen, was ihm schon eine Zeitungsmeldung auf dem letzten dienstlichen Heimweg in der Bahn einst vor Augen führte. Denn damals stolperte er über die Zeitungsmeldung eines Mannes, der im Ruhestand angesichts des nun vor ihm liegenden unstrukturierten Zeithorizonts keine Lösung außer einem Suizid wusste.

Im Milieu der kleinen Leute

R. C. Sherriff - Vor uns die Zeit (Cover)

Ganz so dramatisch kommt es in R. C. Sherriffs Vor uns die Zeit aber nicht, da der Autor von einer großen Hingabe und Sympathie zu seinen Figuren getragen ist und diese mit Geschick und Wohlwollen durch die Handlung lenkt.

Wie schon bei seinem ersten wiederentdeckten Roman Zwei Wochen am Meer spielt auch dieser Roman im Milieu der kleinen Leute. Es sind keine spektakulären Wendungen oder Ereignisse, die der 1896 geborene Brite in den Mittelpunkt seiner Bücher rückt. Vielmehr sind es die kleinen Dinge im Leben wie ein Strandurlaub oder im vorliegenden Fall der Ruhestand und die Frage, welche Wagnisse man im gesetzten Alter noch einzugehen bereit ist.

Mit viel Liebe zu seinen Figuren beschreibt Sherriff in seinem 1936 unter dem Titel Greengates erschienenen Roman das vertraute Miteinander der Eheleute Baldwin, ihre kleinen und größeren Sorgen und Nöte – und gönnt ihnen einen Neuanfang zu zweit (ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen). Dabei lebt das Buch von seiner Atmosphäre zwischen den Figuren und dem Optimismus, der dem Buch trotz der leicht niederschmetternden ersten Hälfte doch innewohnt.

Neben der Wärme und dem Optimismus ist es aus heutiger Sicht auch eine ganz große Portion Nostalgie, die Vor uns die Zeit innewohnt. Denn nicht nur der Erzählton stimmt nostalgisch, auch der ruhige Gang des Lebens oder Umstände wie ein Renteneintritt mit 58 Jahren oder Kaufpreise von 850 oder 1100 Pfund für ganze Häuser in und um London herum lassen heute wehmütig schmunzeln bei der Lektüre.

Fazit

Wie schon in seinem ersten wiederentdeckten Roman ist auch Vor uns die Zeit (diesmal benachwortet wie auch übersetzt von Rainer Moritz , der einen besseren Job gemacht hat als sein Kollege der Übertragung von Zwei Wochen am Meer) ein warmherziger Roman aus der Welt der kleinen Leute.

Möchte man den Roman in der originellen Zuordnung einpassen, die eine der Romanfiguren, nämlich ein Pfarrer unter dem schönen Titel Bücher zum Lesen und Bücher zum Feuermachen anbietet, muss man Vor uns die Zeit unbedingt in die erstere Kategorie packen.

Eine wundervolle Wiederentdeckung ist dieses Buch – nicht nur für kurz vor der Rente stehenden oder in dieser Sinn suchenden Leser, sondern für alle Fans warmherziger und gut beobachtete Literatur der alten britischen Schule, wie sie auch ein J. L. Carr oder Reginald Arkell schrieben!


  • R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit
  • Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Moritz
  • ISBN 978-3-293-00635-5 (Unionsverlag)
  • 336 Seiten. Preis: 26,00 €
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