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Martha Baillie – Besondere Vorkommnisse

Nutzer, die am Boden liegen, Nutzer, die per Teebeutel den Verkehr dirigieren und Nutzer, die übergriffig werden. In ihrem Roman Besondere Vorkommnisse lässt die kanadische Autorin Martha Baillie eine Bibliotheksangestellte Bericht erstatten und gibt einen Eindruck, mit welchen vielfältigen Herausforderungen sich Bibliotheken im 21. Jahrhundert auseinandersetzen müssen.


Als ich vor zwei Jahren in Hamburg auf der BiblioCon, früher auch bekannt unter dem Namen Bibliothekartag, sprach Professor Carsten Brosda als lokaler Bildungssenator ein Grußwort. In diesem erinnerte er an den kürzlich zuvor verstorbenen Soziologen Oskar Negt, den er mit dem Ausspruch zitierte, dass Demokratie die einzige Staatsform sei, die immer wieder gelernt werden müsse. Und diese Orte – so Brosdas Gedanke – seien eben Bibliotheken, an denen dieses Lernen und demokratische Teilhabe unmittelbar erlebbar wären.

Liest man Martha Baillies Roman Besondere Vorkommnisse, so fügt sich dieser Roman in diese These bestens ein, nicht nur aufgrund des Zitats von Ray Bradbury, das dem Roman vorangestellt ist und der mit dem Ausspruch zitiert wird, dass es ohne die Bibliothek keine Zivilisation gäbe. Ihr Roman zeigt den Lern- und Begegnungsort Bibliothek und untermauert die These der zivilisationsstiftenden Kraft von Bibliotheken, indem sie das vielfältige Leben in einer Bibliothek schildert – und die Bindungskräfte zeigt, die ein solches Haus auf ganz unterschiedliche Menschen ausübt.

Eine Bibliothekarin berichtet

Martha Baillie - Besondere Vorkommnisse (Cover)

Erzählt ist Baillies Roman in Form von Berichten, wie sie das Formblatt verlangt, das dem Buch vorangestellt ist. Mithilfe solcher Formblätter soll das Serviceteam der Bibliothek besondere Vorkommnisse protokollieren, etwa wenn störendes Verhalten, Diebstähle aus der Bibliothek oder Vandalismus festgestellt wurde. Dass es solche Fälle in der Allan Gardens Public Library zuhauf gibt, das zeigt der Erzählbogen des Romans dann auch sehr deutlich, da dieser aus 144 Berichten geformt ist, die sich alle in ihrer Länge unterscheiden.

Manche der Berichte sind kurze, nur wenige Zeilen lange Notate, andere erstrecken sich über mehrere Seiten und geben einen Eindruck davon, mit welchen Herausforderungen sich Bibliotheken in diesen Tagen auseinandersetzen müssen, da sie sich von reinen Buchausleihstationen zu Begegnungsorten wandeln.

Es sind Erkenntnisse, die auch ich persönlich im Laufe meiner nun auch schon über dreizehn Jahre dauernden Tätigkeit im öffentlichen wie wissenschaftlichen Bibliotheksdienst machen durfte. Verhaltsoriginelle bis verhaltensauffällige Nutzer scheinen diese Häuser magisch anzuziehen, was in Kanada nicht anders ist, wie man nach der Lektüre von Martha Baillies Buch feststellt.

Das absonderliche Treiben in der Allan Gardens Public Library

Die im Beratungsdienst tätige Bibliothekarin Miriam listet darin feinsäuberlich das bisweilen doch recht absonderliche Treiben in der in Toronto beheimateten Bibliothek auf. Man darf davon ausgehen, dass Martha Baillie hierbei auch reichlich aus ihrer eigenen bibliothekarischen Erfahrung geschöpft hat.
Denn Baillie ist seit über dreißig Jahren für die Toronto Public Library tätig, unter anderem als Geschichtenerzählerin in Schulen und Geflüchtetenunterkünften und dürfte von daher auch viele der Situationen kennen, die sie in Besondere Vorkommnisse schildert.

Nutzer, die Angestellte der Lüge bezichtigen, weil sich die Ordner zur Berufsinformation als schwarz und nicht lila entpuppen, Nutzer, die nach bibliothekseigenem Toilettenpapier für den Privatgebrauch verlangen, wunderliche Kunden wie der „Schachzausel“ oder ein Paar, das mit einem Rollstuhl die Bibliothek aufsuchen, wobei zunächst ein Nutzer seine Partnerin im Rollstuhl schiebt, um nach der Ausleihe dann die Rollen zu wechseln.

Durch ihren Auskunftsdienst steht Miriam an vorderster Front, wenn Suchbegehren, Einsamkeit und erschreckend oft auf der pure Irrsinn an ihrem Schalter anbranden. Skurrile Begebenheiten ereignen sich dort in der Bibliothek, davon legen die Berichte eindrücklich Zeugnis ab. Es kommt aber auch zu latent bedrohlichen Szenen, wie sich im Lauf des Buchs zeigt. Denn nicht nur, dass Baillie ihre Geschichte mit einer sich anbahnenden Romanze versieht, auch lässt ein Nutzer Miriam an unterschiedlichen Orten in der Bücherei immer wieder Notizen zukommen, die sich auf die Oper Rigoletto beziehen. Wer hinter diesen Stalkingattacken steckt, es ist ein Rätsel, das die Spannung in Baillies Buch hochhält.

Liest man Besondere Vorkommnisse, bekommt man einen Eindruck von den sozialen Randfällen und psychologischen Ausnahmezuständen, die den meisten von uns im täglichen Leben selten so geballt gegenübertreten dürften, wie es im Auskunftsdienst bei Bibliotheken der Fall ist. Welche Arbeit diese leisten und wie wichtig sie als Bildungs-, Aufenthalts- und Begegnungsorte sind, das wird aus Baillies Schilderungen deutlich.

Fazit

Zwischen Hausverweisen, Übergriffen, Suchanfragen und Kontaktbedürfnissen muss sich Miriam im Alltag hindurchmanövrieren und zeigt, dass bibliothekarisches Arbeiten weit mehr ist, als nur das passende Buch oder die nächste Ermahnung zur Einhaltung von Stille parat zu haben. Wie sich das Tätigkeitsfeld von Bibliotheken gewandelt hat und welche wichtige Grundlagenarbeit diese Begegnungsorte für unsere Gesellschaft leisten, Besondere Vorkommnisse führt es eindrucksvoll vor Augen!


  • Martha Baillie – Besondere Vorkommnisse
  • Aus dem kanadischen Englisch von Ludger Tolksdorf
  • ISBN 978-3-8031-3393-9 (Wagenbach)
  • 208 Seiten. Preis: 24,00 €