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Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva

Wie ein Buchtitel täuschen kann. Statt um die männlichen Hinterbliebenen einer Stadt in Kanada zu kreisen, präsentiert der Autor Sven Heuchert in seinem Roman Die Witwer von Chaltouva einen ganz eigenen historischen Roman, der vom Fischfang, Männerfeindschaften und einem wüsten Dorf erzählt.


Wenn es ein literarisches Thema gibt, das Sven Heuchert in all seinen Romanen bespielt, dann ist es fraglos das Thema der Provinz. Einst schrieb er Kriminalromane der Gattung Country Noir, die im Niemandsland spielten, dann wendete er sich mit Werken wie Alte Erde oder Das Gewicht des Ganzen der Eifel und später Kanada zu. Die Begeisterung für Einsamkeit der Wildnis fernab der Zivilisation, sie blieb über alle Genregrenzen hinweg.

Sein neuer Roman ist am ehesten der Gattung des historischen Romans zuzuschlagen, weist aber auch wieder Elemente des Kriminalromans auf — vor allem aber spielt er wieder in der Provinz. Denn auch wenn man beim titelgebenden Städtchen Chaltouva an einen Ort in Kanada denken könnte, ist sein neuer Roman doch in deutschen Landen angesiedelt, genauer gesagt im Landstrich um die fiktive Stadt Vierheilig, die schon in Heucherts Roman Alte Erde Erwähnung fand.

Dort in der Eifelregion geht es reichlich düster und archaisch zu, oder wie es Sven Heuchert es selbst formuliert:

Es war immer schon ein raues Land. Dunkle Wälder: Versumpfte Talgründe. Schroffe Felsen und Procipissen. Ein Landstrich wie von den Göttern ausgeschissen, in ewiges Graubraun getaucht, im Nebel der Ville gelegen, erstreckt er sich von der unbedeutenden Seite des Rheins bis ins Bergische.

Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva, S. 13

In einer düsteren Zeit

Sven Heuchert - Die Witwer von Chaltouva (Cover)

Ebenso wie die Region nicht näher eingegrenzt wird, bleibt auch der zeitliche Bezugsrahmen nur im Ungefähren. Ähnlich wie zuletzt bei seinem Schrifstellerkollegen Ralf Westhoff ist es eine diffus frühere Epoche, die den erzählerischen Rahmen der Geschichte bildet. Fernab von Chaltouva regiert ein König, die Kolonien locken in der Ferne – doch im Dorf überhört man diesen Ruf, niemand geht fort von hier.

Die Männer sitzen beim Wirt, saufen Bier, fressen die Fettwürste des Metzgers Kronewald und schwingen Reden, während die Frauen daheim am Herd schuften, um die Familien irgendwie durchzubringen, niedergehalten von ihren Männern.

Das größte Ereignis im dumpfen Jahresreigen stellt das Wettangeln nach den sogenannten Witwer-Fischen dar. Diese ziehen durch den nahen Fluss Ville und werden von den Männern des Dorfs jedes Jahr aufs Neue aus dem Fluss gezogen, was zugleich auch einen Initiationsritus im Dorf darstellt.

Eine beschauliche Jagd nach der größten Forelle oder anderer Trophäenfische ist diese Angeln allerdings mitnichten. Eher gleicht das Angeln einem Kampf auf Leben und Tod, denn Heucherts Witwer sind wahre Karwentsmänner von Fischen. Dies belegt auch der fiktive Wörterbucheintrag, den er in Sachen Witwer den Leser*innen seines Romans mitgibt.

Das Urbild unserer Familie, unser Witwer, zeichnet sich aus durch nackten Rumpf, kurze Rückenflosse ohne Stachelstrahlen, sehr lange Afterflosse, weites Maul und in Binden gereihte, hechelförmige Zähne auf Zwischen-, Unterkiefer und Pflugscharbeinen. „Dieß scheußliche Thier“, sagt unser alter Freund Geßner, „möcht ein teutscher Wallfisch genennt werden. Ist ein sehr scheußlicher, grosser Fisch, hat ein schußlich weit Maul vnd schlauch, grossen Kopff, keine Zän, sondern allein rauhe Kynbacken, ist an der gantzen Gestalt nit vngleich einer Trüschen, so grosse ding kleinen zu vergleichen sind, hat keine schüppen, sondern eine glatte schlüpfferige Haut.“

Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva, S. 38

Auf der Jagd nach dem Witwer

In diesem Jahr soll auch Max, der Sohn des Metzgers, in den Kreis der Männer eingeführt werden. Doch sein eigentliches Interesse gilt weniger dem Witwer-Angeln als Klara, mit der er sich nachts heimlich auf dem Friedhof unter einer Buche trifft. Die Heimlichkeit der beiden ist durch die Feindschaft ihrer Väter bedingt – und in einem wüsten, archaischen Dorf wie Chaltouva steht die Möglichkeit von Versöhnung überhaupt nicht im Raum.

Als nun aber nach dem Wettangeln ein Toter gefunden wird, gerät etwas zuvor unter der Oberfläche des Dorfs brodelndes zum Ausbruch. Ein Ermittler aus den Kolonien trifft im Dorf ein, die Männer tratschen und über allem liegt die Frage: was ist in der Nacht des Wettangelns passiert und wer trägt Schuld am Tod?

Eine klare Zuordnung Die Witwer von Chaltouva fällt gar nicht so leicht, denn Sven Heuchert mengt in seinem Roman viele Zutaten zusammen. Da ist die Liebesgeschichte gegen die Widerstände, die Beschreibung der Dorfriten und die spät einsetzende Krimihandlung um den Toten und den zugereisten Ermittler, der es selbst kaum vermag, hinter die Mauern des Dorfes zu blicken. Auch findet mit der Jagd nach dem Witwer fast auch etwas Übersinnliches in den Roman, eine düstere Version des Kleinen Wassermanns gewissermaßen.

Ein historischer Roman mit eigenem Ton

Ebenso rau wie die Landschaft ist auch die Montage des Romans. Mal gibt es Kapitel, die nur aus im Dialekt gesprochenen Dialogen bestehen, dann gibt es fiktive Lexikoneinträge in altem Deutsch, es wird der zunächst wie ein weiterer Fremdkörper wirkende Teil über einen Rückkehrer aus den Kolonien eingeschoben, ehe sich die im Fortgang des Buchs Teile verbinden.

Ist man glatt erzählte, sprachlich eher biedere historische Kost gewohnt, dann wirkt vielleicht vieles so ruckelig wie die Reise in einer Kutsche, die sich auf den steinigen Weg nach Chaltouva macht.

Und auch die Sprache stellt in Sachen Ruckeligkeit keine Ausnahme dar. Neben den schon erwähnten Passagen um fiktive Wörterbucheinträge und ganze Kapitel, die in direkter Rede gestaltet sind, fällt auch der Ton ins Auge, der ebenfalls recht archaisch ist und den Schmutz dort in Chaltouva in allen Schattierungen besieht und beschreibt. Alte Begriffe wie die des Kommiss oder dem Beruf des Kopfschlächter stehen Erfindungen von Sven Heuchert wie dem Witwer-Fisch, der in seinem Königreich herrschenden Währung des Reppa oder dem Initaitionsritus des Grobels.

Fazit

Diese Eigenerfindungen fügen sich in den Gesamteindruck des Buchs, das die patriarchal geprägte Welt voller Schmutz und Gewalt detailreich beschreibt. Wer historische Romane lieber clean und frei von hygienischen wie gesellschaftlichen Unbillen möchte, der greife zu anderen Büchern.

Wer aber eigenwillige, sprachlich herausragende Unterhaltung mit ganz eigener Note schätzt, die quer zu Erwartungen und Gewohntem steht wie ein Witwer im Strom von Ville, für den ist ist dieser düstere Einblick in eine fremde Epoche sicherlich einen Blick wert. Und wer die literarische Vermessung der Provinz schätzt, der ist bei Heuchert eh an der richtigen Adresse!


  • Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva
  • ISBN 978-3-550-20265-0
  • 282 Seiten. Preis: 23,99 €