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Heike Geißler – Michaela Kohlhaas

Sagenfigur, lebend. In ihrem Roman Michaela Kohlhaas holt Heike Geißler den Mythos um den widerständigen Pferdehändler in die Jetztzeit und erzählt von einer Frau, die sich aus dem Trott des Alltags ausklinkt und inmitten der Metropole Leipzig den Aufstand probt. Mit ihrem Handeln stellt Michaela Kohlhaas die Systemfrage und wird zur Außenseiterin.


Zwei Rappen sind es, die in Heinrich von Kleists zum Klassiker gewordenen Novelle aus dem Jahr 1810 die Handlung in Gang setzen und schließlich zur Entleibung ihrer Titelfigur führen. Entwendet vom Junker Wenzel von Tronka will Kohlhaas um jeden Preis Gerechtigkeit für die entführten Pferde und vergisst dabei schon bald jegliche Verhältnismäßigkeit.

Ganz so radikal wie der Kleist’sche Kohlhaas in seinem Gerechtigkeitsfuror ist Heike Geißlers Michaela Kohlhaas da zunächst noch nicht. Unter den Augen einer Freundin, der Erzählerin des Buchs, praktiziert sie ein Quiet Quitting der etwas anderen Art. Ihren Job als Stellvertreterin des Friedhofchefs lässt sie ruhen und überträgt die Aufgaben wiederum ihrem Stellvertreter, um fortan auf festes Dach und alle Annehmlichkeiten einer bürgerlichen Existenz zu verzichten.

Was brauchte die beispielhafte Frau also für einen Anlass? Brauchte sie einen Anlass? Brauchte sie einen Motor, brauchte sie etwas, das ihr die Taschen füllte, bis sie platzen? Brauchte sie einen Sturm und das Regenwasser, das von den sanierten Dächern all der gut genährten ehemaligen Gutshäuser des Umlands abprallte, den weiten Weg in das Zentrum der Stadt überstand und auf dem Boden vor ihrem Bett landete? Die Anlässe waren ganz selbstverständlich da. Das Erstaunliche war nicht, dass die Kohlhaas aufbrach und ausbrach, sondern dass nicht viel mehr Leute es ihr nachtaten, dass niemand ihr gleich schon in die Öffentlichkeit geschobenes Leben, ihren dann in der Öffentlichkeit handelnden, leidenden, juckenden, jubilierenden Körper zum Anlass nehmen würde, es ihr nachzutun. Befragte die Kohlhaas sich selbst, hätte sie keinen Anlass für alles Kommende nennen wollen. Das wäre dem Versuch gleichgekommen, aus einer gut vermischten Farbe einzelne Pigmente herauszulösen.

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas, S. 34 f.

Michaela Kohlhaas vs. Tronka

Heike Geißler - Michaela Kohlhaas (Cover)

Einen Impuls zu diesem widerständigen Leben, das sie fortan führen wird, gab ihr ebenfalls ein von Tronka. Geißlers Tronka ist allerdings Galerist, der die Gentrifizierung Leipzigs mit freundlicher Unterstützung des Bürgermeisters gezielt vorantreibt. Die Kohlhaas will da aber nicht mitmachen. Sie fordert vom Galeristen wie auch im Vorzimmer des Bürgermeisters Gerechtigkeit – denn sie ist mindestens in dem Umfang Besitzerin von Grund und Boden, wie es der Galerist auch ist. So zumindest ihre Auffassung, die sie inhaltlich wie optisch immer stärker zu einem Paria macht.

Zwar ohne Pferde, damit ausgestattet mit einem Planwagen vagabundiert sie durch Leipzig, verzichtet auf übermäßige Körperpflege und erinnert mit ihrem Auftreten an die Brecht’sche Mutter Courage (den Augsburger Dichter zitiert Geißler dann auch prompt auf den ersten Seiten, hier ist es allerdings das bekannte Moritat von Mackie Messer, das die Kohlhaas auf den Lippen trägt).

Ähnlich wie in Lukas Bärfuß‚ Text Hagard werden wir in der Folge Zeuge, wie sich eine Frau binnen kurzen von der Gesellschaft loslöst, die wiederum nicht ganz von ihr lassen kann. Denn das neue Kohlhaas’sche Leben ist für viele zu provokant, als dass man sie ihr Leben leben ließe.

So wird ihr als Bewohnerin einer Datsche der Strom von den Mitbürgern abgestellt, kurze Zeit landet Michaela Kohlhaas in einem Käfig oder wird zu einer Talkshow eingeladen. Man schwankt zwischen Ekel, Ablehnung und Faszination für die Frau, die mit einem Schwert bewehrt durch Leipzig und das Umland zieht. Und auch die Erzählerin kämpft mit ihren Sympathien und dem Unverständnis für die neue Michaela Kohlhaas, die Land und Menschen durcheinanderbringt.

Unbeirrbare Heldin, schwankender Erzählton

Da ist es nur konsequent, dass Heike Geißler ihr Erzählen ebenfalls schwanken lässt. Zwischen kurzen Kommentierungen ihrer Ich-Erzählerin und langen, personalen Passagen, die von Kohlhaas‘ Werden erzählen. Und einem Tonfall, der den Brückenschlag zwischen Kleist’schem Historismus und Gegenwart wagt. Lange Sätze, ein betulicher Duktus, manchmal geradezu altertümliches Erzählhandwerk – und dann wieder gebrochen mit den stilistischen Mitteln der Moderne.

Es wirkte manchmal so, als gehörte Michaela Kohlhaas auf eine spezifische Art zur Stadt. Man sprach über sie, man kannte sie, aber man beschäftigte sich nicht weiter mit ihr, es gab viele wie sie, so lautete die öffentliche Meinung, es gab viele grölende, stinkende Frauen mit zerschlissener Kleidung und kruden Ideen. Sie war nur die mit dem größten Gefährt.

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas, S. 151

Damit bildet Heike Geißler im Tonfall ihres Erzählens das ab, was auch ihr Roman bebildert. Beispielhaft eine Szene, in der Michaela Kohlhaas mit ihrem Karren einen Defekt hat. Repariert wird das schadhafte Rad auf dem Leipziger Stadtfest stimmigerweise von einem Schmied, der in einer Art mittelalterlichem Re-Enactment am Lagertreiben im Herzen der Stadt beteiligt ist.
Während hier der historische Rahmen aufgebaut wird, bricht ihn Heike Geißler gleich wieder, als sie ihre Michaela Kohlhaas während der Reparatur aus dem Zelt des Schmieds hinaus zum Einkaufen schickt, namentlich in das dem Lager gegenüberliegenden Kaufhaus Sport Scheck, wo die Rebellin ein neues Paar Schuhe ersteht.

Gegenwart und Vergangenheit liegen bei diesem Erzählen nur eine Turnschuhbreite auseinander. Das macht den Reiz dieses Erzählens aus, das manchmal auch wirklich sperrig ist und mit seinem teilweise schon fantastisch wirkenden Setting zwischen Sozialkritik und Literaturgeschichte durchaus herausfordert.
An einigen Stellen wirkt es, als deute Heike Geißler mit ihrer Heldin das aus, was sie zuletzt in ihrem mit dem Bayerischen Buchpreis gekrönten Essay Verzweiflungen umkreiste – nur diesmal mit literarischen Mitteln in Romanform.

Fazit

Heike Geißler ist mit Michaela Kohlhaas ein Text gelungen, dessen Adaption man quasi schon vor sich auf den Theaterbühnen der Republik sehen kann. Viele Ansatzpunkte für unterschiedlichste Inszenierungen bieten sich an. Als kapitalismuskritisches Stück, als Kommentar auf Revoluzzer und Möchtegern-Revoluzzer wie Reichsbürger, die an der Systemfrage letztlich scheitern, oder als Zeitgeist-Analyse – Michaela Kohlhaas bietet viele Lesarten

Weniger aufständisch, dafür nicht minder beharrlich lässt sie ihre Heldin durch ein Land ziehen, das sie nicht mehr versteht und das auch sie nicht mehr versteht. In einem Ton, der sich auf Kleists Erzählen rückbesinnt, aber auch von kapitalismuskritischen Geist getragen ist, begleitet man diese Heldin, die zeigt, dass es nicht viel braucht, um als Revoluzzerin zu gelten und die soziale Norm zu sprengen.


  • Heike Geißler – Michaela Kohlhaas
  • ISBN 978-3-518-43280-8 (Suhrkamp)
  • 253 Seiten. Preis: 24,00 €