Pointillismus á la Seethaler. In seinem neuen Roman Die Straße betrachtet der österreichische Romancier Robert Seethaler das vielfältige Treiben an und auf jenem Ort, blickt in Häuser und die Seelen ihrer Bewohner. Dabei meint er es allerdings mit der Reduktion ein wenig zu gut.
Die Heidestraße ist eine Straße, wie es sie in Deutschland oder Österreich vielfach geben dürfte. Mietshäuser, ein Altenheim, Läden, eine Statue, die als einzige bauliche Sehenswürdigkeit oder zumindest als Besonderheit gezählt werden könnte, dazu eine rühriger Ortsvorstand, der jährlich ein Straßenfest organisiert.
So weit so normal. Robert Seethaler nimmt nun seine Heidestraße und blickt durch die Augen ihrer Anwohner auf das Treiben dort – und das über mehrere Jahre hinweg. Daraus entsteht ein Reigen, der vom Sterben, vom Tod, vom langsamen Abschied, aber auch vom Neuanfang erzählt.
Aus dem Innersten seiner Figuren blickt er auf das, was sie umtreibt, was sie sich wünschen und wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen. Da ist beispielsweise ein junger Mann, der einen Leerstand in der Heidestraße in ein Antiquariat umwidmen möchte und dabei feststellt, dass das Geschäft mit alten Büchern alles andere als rentabel ist.
Die Leiterin des Altenheims wacht streng über die Einhaltung der Regeln in ihrer Einrichtung, Geflüchtete werden von den ansässigen Anwohnern misstrauisch beäugt, es kommt zu einem Todesfall vor Ort, das Straßenfest eskaliert, darüber hinaus gibt es noch viele weitere Volten, die das Leben hier so schlägt.
Ein Chor der Stimmen
Das Besondere an Seethalers Roman ist nun die Erzählweise. Denn das gefällige Erzählen seines letzten Bestsellers Das Café ohne Namen hat Seethaler hinter sich gelassen und kehrt zu jenem Erzählen zurück, das er schon in Das Feld kultivierte. Statt einer durchgehenden Erzählinstanz gibt es hier nun wieder einen Chor der Stimmen, der durcheinander spricht, sich widerspricht und der dem Lesenden selbst die Aufgabe gibt, aus den kurzen Dialogen oder Gedanken, versetzt mit bürokratischen Schreiben, Hausordnungen und weiteren kleinen Einsprengseln.
Heiliger Jolander, bitt für mich, denn ich denke an Marija Malyntschyna. Wir wohnen Tür an Tür und ich frage mich, was sie macht, während ich in meinem Bett liege und der Stille lausche oder in meinem Zimmer herumlaufe wie ein gefangener Wolf. Seit sie bei uns eingezogen ist, sind meine Nächte voll Unruhe. Manchmal wache ich auf und glaube ihre Bettgeräusche zu hören, ich bilde mir sogar ein, die Wärme ihres Körpers zu fühlen, aber das ist natürlich Unsinn, die Wände sind dick und ich weiß ja nicht einmal, ob ihr Schlafzimmer an meines grenzt. Und doch… obwohl ich sie erst zweimal im Treppenhaus gesehen habe, glaube ich sie zu kennen. Nein, ich bin mir sicher! Ich kenne sie und weiß nichts von ihr und denke an sie, heute und morgen und an jedem anderen Tag…
Robert Seethaler – Die Straße, S. 41
Damals war es ein Friedhof, dessen Bewohner den erzählenden Chor bildeten, aus deren Stimmen sich die Leser*innen das Geschehen selbst ein Stück weit zusammenreimen mussten, nun ist es eben die Straße, die den erzählerischen Rahmen bildet. Die Idee der Straße als erzählerischem Mikrokosmos ist dabei allerdings nicht ganz neu.
Das Motiv der Straße als erzählerischer Dauerbrenner
Schon Autor*innen wie Ann Petry oder John Lanchester nutzten die Chancen, die bei solchem erzählerischen Setting ja wirklich auf der Straße liegen. Der Straße bildet einen Makrokosmos, innerhalb dessen man hervorragend von gesellschaftlichem Gefällen und den Sorgen und Nöten der einzelnen Anwohner erzählen kann, um diese Einzelstimmen dann zu einem Ganzen zu verdichten.
Auch Seethaler nutzt diese Chancen der Straße und rückt mit seinem Erzählen die Menschen in den Mittelpunkt, die sonst in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eher ausgespart werden. Rentner, Geflüchtete, Obdachlose, sie alle bekommen ihren Platz im Buch, was wirklich nicht nur im Sinne der Repräsentanz höchst lobenswert ist.
Leider vergisst es Seethaler dabei, seine Einzelstimmen zu einem Ganzen zu runden. Natürlich, es gibt einzelne Erzählelemente oder Motive, die immer wieder aufgegriffen werden. Dennoch übertreibt es Seethaler in meinen Augen hier mit seinem hingetupften Erzählstil. Mit diesem erzählerischen Pointillismus, losgelöst von jeder erklärenden äußeren Handlung ist es ein wenig wie mit dem Kinderspiel des Jenga-Towers.
Statt einen durchgängigen Text mit klarer Figurenführung vorzulegen, zieht Seethaler ein Stöckchen nach dem anderen aus seinem literarischen Turm. Leider wackelt dieser Turm ganz gehörig und kollabiert in sich, statt mit seiner luftigen Stabilität zu überzeugen.
Fazit
Im Falle von Die Straße wohnt man einem Beispiel für einen überschrittenen Kipppunkt in Sachen Reduktion bei. Was bleibt, ist ein Leseerlebnis des Lückhaften, das die Erschließung des Kontexts und der Hauptlinien seines Erzählens den Leser*innen selbst aufbürdet. Wenn man sich das antun mag, bekommt man es mit einem collagierten und vielstimmigen Erzählen zu tun, in dem man selber Ordnung schaffen kann, um so einen Durchblick zu bekommen. Man darf sich aber auch wünschen, dass Seethaler diese Reduktion nicht ganz so radikal vorangetrieben hätte…
- Robert Seethaler – Die Straße
- ISBN: 978-3-546-10033-5 (Claassen)
- 229 Seiten. Preis: 25,00 €
