Tanja Šljivar – Nationaltheater

WEISST DU ÜBERHAUPT, WAS DAS NATIONALTHEATER IST? Diese Frage stellt nicht nur Tanja Šljivars Text auf Seite 80, sondern auch ich stellte mir nach der Lektüre von Nationaltheater diese Frage.
Was ist dieses Nationaltheater und was will es uns sagen? Leider kann ich es nach gut 240 Seiten an wildem Stil- und Figurendurcheinander nicht beantworten.


In den 1990er Jahren erlebte das Nationaltheater von Serbien seine Blütezeit, so schreibt es die studierte Dramaturgin und Theaterautorin Tanja Šljivar in ihrem Debütroman Nationaltheater. Der Grund war allerdings weniger im Künstlerischen zu suchen. Die hohe Auslastung erklärte sich vielmehr mit dem Umstand, dass das Theater eines der wenigen Gebäude war, das in Belgrad noch ordentlich geheizt wurde, während um das Haus herum das ehemalige Jugoslawien im Kriegstaumel versank.

Die Erfahrung der Gewalt und des unübersehbaren Chaos scheinen sich in den Mauern des Hauses eineschrieben zu haben, wenn man sich in die wilde Welt dieses Romans hineinbegibt, dessen Gravitationspunkt das Gebäude im Herzen Belgrads bildet.

Die neue Schauspieldirektorin

Tanja Šljivar - Nationaltheater (Cover)

Im Laufe des 240 Seiten starken Romans lernen wir das Gebäude kennen, das noch nicht einmal sein Personal in Gänze zu kennen oder verstehen scheint. Erzählerischer Fixstern ist dabei die junge Dramaturgin Dina, die in Tanja Šljivars Fiktion genauso wie die Autorin in der Realität einst selbst, zur Schauspieldirektorin des Hauses wird.

Es ist eine Position, für die sich bislang keine geeignete Kandidatin finden lassen wollte, ehe die Intendantin Dina die Position antrug. Zusammen mit dem Sicherheitschef des Hauses, einer Art derbem Geheimdienstmann, der wie ein zwielichtiger Mitarbeiter des jugoslawischen Geheimdiensts erscheint, hat sich die Intendantin für Dina entschieden und darf nun mit dieser in einer der ersten Szenen das ganze Haus inspizieren.

Dabei tritt Wunderliches zutage. Ein Tattoostudio findet sich im Nationaltheater ebenso wie viele Schauspieler, die schon Jahre lang nicht mehr auf der Bühne standen, aber fleißig ihre Gage einstreichen. Kostüme werden verkauft, die Putzfrau in den Kulissen widmet sich eher dem Fernsehen als der Reinigung des Bühnenbodens und die Stelle des Theaterkomponisten ist gleich doppelt besetzt.

Je weiter man sich durch diese seltsame Theaterwelt bewegt, umso absurder wird es. Eingemauerte Köpfe in den Wänden des Theaters, haufenweise theatrale Vergewaltigungen auf der Bühne, die dann sogar als „Spielzeit der Vergewaltigungen eingeht“, von der serbischen Autorin mit einigen ausführlichen Beispielen untermauert, dazu noch Hakeleien und Intrigen unter den Mitarbeitenden: es ist ein großes Durcheinander.

Erzählerisches Durcheinander, platte Figuren

Nicht leichter zu durchschauen wird dieses Durcheinander, da Tanja Šljivar auf so etwas wie eine Handlung oder einen erzählerischen roten Faden verzichtet. Noch dazu bestückt sie ihren Text weniger mit echten Figuren denn mit Stellvertreterfiguren, die von ihr allenfalls einen Namen spendiert bekommen. Da ist die Brecht-liebende Intendantin mit ihrem Hamster Lubitsch, ein Narzisst, ein Dissident, der Sicherheitschef, die Staatsschauspielerin mit Tochter und der Staatsschauspieler, dessen Tod am Anfang des Romans steht.

Liest man Nationaltheater, fühlt man sich des Öfteren, als müsste man sich selbst schnell auf einer rotierenden Theaterdrehbühne bewegen, während die alle Figuren um einen herum nach einer undurchschaubaren Ordnung wirbeln, manchmal den Weg versperren und beständig neu gruppieren.
Eine Übersicht und eine sichere Position für die Ergründung des Ganzen lässt sich zu keinem Zeitpunkt wirklich gewinnen.

Erinnert die Anlage von Tanja Šljivar Roman an den 1998 erschienen Opernroman von Petra Morsbach, so zeigen sich bei der Lektüre des knapp dreißig Jahre später entstandenen Textes schnell gravierende Unterschiede.

Erinnerungen an Petra Morsbachs Opernroman

War auch schon Morsbachs Roman stilistisch von einer gewissen Heterogenität gekennzeichnet, so bot der Opernroman doch noch eine klare Übersicht und Erzählabsicht, die Nationaltheater zumindest in meinen Augen völlig fehlt. Morsbach erzählte entlang der Produktion verschiedener Musiktheater von der Welt des Theaters, während Šljivar ein solches erzählerisches Konzept in Gänze abgeht (Übersetzung aus dem Serbokroatischen von Maša Dabić).

Gewiss, Dina wird der Job als Schauspieldirektorin angetragen, wir blicken mit ihr hinter die Kulissen des Hauses und am Ende steht eine Entscheidung ob ihres weiteren Karrierewegs. Alles dazwischen ist aber von einem solchen Chaos und Durcheinander, dass man sich wirklich auf das Wagnis der Lektüre einlassen muss. Nicht umsonst bezeichnet Barbi Marković auch in ihrem auf dem Klappentext abgedruckten Blurb als „völlig verrückt“.

Mails, Stream of Consciousness, historische Rückgriffe, immer wieder kurze Einblendungen unter dem Titel „Was das Nationaltheater ist“, dazu Dialoge zwischen Dina und einer Figur Dica, die sich doch eher als Monologe entpuppen, Nationaltheater bietet viele Formen und Themen auf, ohne sich aber für einen Erzählansatz wirklich zu entscheiden. Die Magie des Theaters, die Wirkkraft von gesprochenen und gespielten Texten auf der Bühne, dieser Roman kann und will ihn vielleicht auch gar nicht vermitteln.

Fazit

So bleibt die Frage offen, wovon Tanja Šljivar wirklich erzählen möchte. Ist das Nationaltheater als Stellvertreter der serbischen Gesellschaft zu lesen? Will das Buch eine Satire auf den Theaterbetrieb oder eine literarische Verarbeitung von Šljivars eigener Zeit als Schauspieldirektorin sein?

Vielleicht muss man aber auch einer Interpretation bemühen, die eine Schauspielerin im Gespräch äußert.

„Ich kann und ich will außerhalb des Theaters arbeiten, aber das Theater ist eine Droge, und da ist dann auch meine Sucht nach Aufmerksamkeit, so ist das. Und hier bin ich also, jetzt mit Ihnen.“

Tanja Šljivar – Nationaltheater, S. 178

Das Theater als Droge, die Arbeit von Dina als bewusstseinserweiternder Trip, bei dem Mauern durchbrochen werden und stilistische wie auch formale Grenzen gesprengt werden? Eine wirklich schlüssige Lesart erschloss sich mir nicht.

Vor allem kann all dies auch nicht dabei helfen, die eingangs zitierte Frage nach dem Wesen dieses Nationaltheaters zu beantworten. Am Ende dieser kraftraubenden Lektüre muss ich gestehen, dass ich immer noch nicht weiß, was dieses Nationaltheater ist oder sein soll. Nur eines weiß ich: So schnell werde ich dieses Nationaltheater sicher nicht wieder besuchen.


  • Tanja Šljivar – Nationaltheater
  • ISBN 978-3-518-43217-4 (Suhrkamp)
  • 236 Seiten. Preis: 25,00 €
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