Monthly Archives: Dezember 2013

Oliver Pötzsch – Die Burg der Könige

Ein Ausflug ins Mittelalter

Oliver Pötzsch dürfte dem geneigten Leser wahrscheinlich schon von seiner Henkerstochter-Reihe bekannt sein (mit der er übrigens auch auf dem amerikanischen E-Book-Markt äußerst erfolgreich ist). Auch einen zeitgenössischen Thriller hat er vorgelegt, ehe er nun mit seinem Opus magnum wieder ins Mittelalter zurückkehrt.
Mit knapp 940 Seiten ist das Buch äußerst umfangreich und ein echter Schmöker, der alles bietet, was man weithin mit dem Mittelalter assoziiert: Schöne Burgfräulein, Intrigen, Mönche, Kämpfe und finstere Verschwörungen.

Pötzsch erzählt von der jungen, unabhängigen und rebellischen Agnes, der Tochter eines Burgvogts, die auf der Burg Trifels in der Kurpfalz lebt. Diese legendäre Burg, auf der Kaiser Barbarossa einen Schatz verborgen haben soll, steht auch im Mittelpunkt der bunten Geschichte, da die Lebensläufe der Protagonisten immer wieder mit der Burg verwoben sind. Die Burg wird ebenso zum Schicksal des jungen und revolutionären Burgschmieds Mathis und es scheint, als berge der Trifels tatsächlich Geheimnisse, die auch Jahrhunderte später
Im Hintergrund behandelt Pötzsch große Themen wie die Bauernaufstände und die Machtkämpfe um den Kaiserthron (hier verlangt der bayerische Autor seinen Lesern etwas Aufmerksamkeit ab). Auch kreuzen große historische Gestalten die Wege der Protagonisten – so hat z.B. Götz von Berlichingen genauso wie die damaligen Könige und Kaiser einen Gastauftritt.

Kleinere Fehler im Text

(c) Godwi_ /Flickr

Trotz aller löblichen Ambitionen, die man in „Die Burg der Könige“ erkennen kann, soll auch hier noch ein kleiner Kritikpunkt meinerseits geäußert werden. Was mich am Roman stets etwas störte, waren die Dialoge und das Verhalten der Charaktere. Die emanzipierte Haltung von Agnes erschien mir für den damaligen Ständestaat genauso übertrieben wie die Dialoge. So beschimpfen sich die Protagonisten gegenseitig als „Kanaille“ (dieser Begriff wurde im Deutschen erst zwei Jahrhunderte später verwendet), kennen bereits Viertelstunden und reden von „x-beliebigen“ Dingen. Diese sprachliche Ungenauigkeiten störten mich im Kontext etwas, wer hierauf aber keinen gesteigerten Wert legt, der bekommt eine wendungsreiche, spannende und bunte Geschichte serviert.

Gelungene Buchgestaltung

(c) Smajaa / Flickr

Ein besonderes Wort will ich auch hier über die äußerst gelungene Gestaltung des Buches verlieren: Schon das Cover weckt Erinnerungen an mittelalterliche Codices und im Inneren wird das Motiv einer Handschrift bzw. Inkunabel weitergeführt. Die großen Kapitel ziert am Beginn eine rubrizierte Kapitale, als ein schön gestalteter Großbuchstabe. Darüber hinaus gibt noch einen umfangreichen Anmerkungsapparat mit Wandertipps, Infos über die Protagonisten des Buchs und weitere Infos. Die rot gestalteten Vorsatzblätter zeigen die geographische Verortung des Romans und Dies rundet den Gesamteindruck des Buches positiv ab und hebt das Buch aus dem Gros der Mittelalterschmöker heraus. 

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Hakan Nesser – Himmel über London

Kulmination

Die Wolken ballen sich und kulminieren gewaltig über London: verschiedene Personen versammeln sich zu einem letzten Geburtstag, die Menschen haben völlig unterschiedliche Schicksale, die Motive sind unklar und dann schleicht auch noch ein Serienmörder durch die wolkenverhangene englische Metropole. Alles andere als auf den ersten Blick durchschaubar ist das Handlungsgerüst, das „Himmel über London“ zugrunde liegt – und dann springt Nesser auch noch in der Zeit und in den Erzählebenen herum – dies verlangt dem Leser schon Einiges ab.

Wohlweislich prangt das Signet „Roman“ auf dem tollen Cover, denn wer sich vom Namen Hakan Nesser zur Annahme verleiten lässt, dass es sich hierbei um einen Krimi handelt, dürfte sich enttäuscht sehen. Zwar geht es auch noch peripher um einen Serienmörder, der bei seinen Opfern eine kaputte Uhr hinterlässt, dies ist aber der wohl nichtigste Erzählstrang.

Stattdessen ist „Himmel über London“ die Studie eines todkranken Mannes inklusive dessen Familie, ein Spionageroman und eine Verneigung vor der titelgebenden Stadt London. Jeder der einzelnen Gäste, die Leonard Vermin auf seiner letzten Geburtstagsfeier begrüßt, hat einen eigenen Erzählstrang und über das ganze Buch hinweg schafft es Nesser, den Leser im Ungewissen zu halten, was diese Personen im Innersten zusammenhält.

Wer an den Romanen von Ian McEwan oder William Boyd seine Freude findet, der dürfte auch mit „Himmel über London“ gut beraten sein.
Mit seinem neuesten Roman gelingt Hakan Nesser eine andere Tonlage als sie sonst in seinen Van-Veeteren- und Barbarotti-Krimis herrscht. Wer sich von Erwartungen losmacht, überraschen lässt und genügend Konzentration mitbringt, der erhält mit „Himmel über London“ einen eigenwilligen und vielschichtigen Roman aus der Feder eines der besten skandinavischen Autoren!

Alexander Söderberg – Unbescholten

Zwischen den Fronten

„Unbescholten“, das ist die junge Krankenschwestern Sophie Brinkmann zu Beginn des Romans von Alexander Söderberg. Doch nicht nur sie wird ihren unschuldigen Charakter im Laufe des Buches einbüßen und sich tief in kriminelle Machenschaften verstricken.

Ohne hier zu viel von der Handlung des 470 Seiten starken Romans vorweg nehmen zu wollen: mit der Pflege des charismatischen Verbrechers Hector Guzmann beauftragt schlittert die Krankenschwester zwischen Gangstern und Polizei. Von beiden Seiten wird sie zu vereinnahmen versucht und muss um ihr Überleben kämpfen.

Gefühlt hundert neue skandinavische Krimis überschwemmen von Jahr zu Jahr den Krimimarkt. Wenn man sich vom Gros der Literatur abzuheben will, muss man da schon ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen.Wenn man das Alleinstellungsmerkmal von „Unbescholten“, dem Auftakt zu einer geplanten Trilogie, sucht, dann dürfte das wohl die Angleichung von Gut und Böse sein. Die Grenzen verschwimmen und die Polizei ist um keinen Deut besser als die Verbrecher, die sie zu bekämpfen versucht. Trotz dieser überraschend negativen Darstellung der Polizeikräfte kommt das Buch nicht über unteres Mittelmaß hinaus. Das liegt vor allem an den Charakteren, die das Buch bevölkern.
Von diesen bekommen die meisten vom Autor nichts außer einem Namen mit. So etwas wie Eigenschaften, Brüche oder Identifikationspunkte bietet so gut wie keine Figur. Die Polizei ist böse, die Gangster sind manchmal charismatisch, aber auch meist böse und Sophie Brinkmann stolpert anfangs wirklich so blauäugig durch die Handlung, dass man sich ärgert.

All das verleidete mit die Freue an „Unbescholten“ und sorgt so dafür, dass ich diesem Buch leider nur eine allzu mittelmäßige Bewertung zukommen lassen kann – sehr schade!