Lize Spit – Und es schmilzt

Eine Frau fährt mit einem Eisblock in einer Tiefkühlbox durch die flämische Provinz. Wie es dazu kam und was hinter der Aktion steckt, das erklärt Lize Spit in ihrem Debüt Und es schmilzt, das in Belgien sage und schreibe ein Jahr an der Spitze der Bestsellercharts stand.

Spit fährt in ihrem Roman zweigleisig. Die Rahmenhandlung bildet die Kurierfahrt des Eisblocks, die Eva frühmorgens beginnt. Immer wieder springt Spit mit der Angabe der aktuellen Uhrzeit zurück zu dieser Fahrt durch Belgien. Den Hauptanteil nimmt aber ein großer Flashback ins Jahr 2002 ein – es war ein Sommer, der Eva und ihre Freunde immer verändern sollte. Und am Ende dieses Sommers wird dann auch klar, warum sich nun Eva mit dem Eisblock im Gepäck auf den Weg gemacht hat – denn die Vergangenheit zieht ihre Kreise bis in die Gegenwart.

Stellenweise war ich während der Lektüre geneigt, in Lize Spit eine flämische Schwester von Charlotte Roche zu sehen, mit solcher Hingabe blickte sie im Detail auf Bereiche unserer Leben und Körper, die man normalerweise ausspart. Da wird die eigene Sexualität erforscht oder aus abgestanden Pfützen (Kaulquappen inklusive) getrunken. Das Personal ihres Buches sind Metzgersöhne, vernachlässigte Kinder aus dysfunktionalen Familien und generell Menschen, die man gemeinhin mit dem wenig treffenden Ausdruck sozial schwach versieht.

Und es schmilzt fordert den LeserInnen vieles ab – die ekligen Szenen sind das eine, zum Ende des Buchs kommen weitere explizite Schilderungen hinzu, auf die hier nicht tiefer eingegangen werden soll, um die Lesefreude nicht zu schmälern. Durch diese Passagen wird das Geschehen dann rund und verfugt die Vergangenheit mit den aktuellen Geschehnissen. Die psychologisch eindringlich gelungenen Szenen berühren und machen nachdenklich – und ließen mich das Buch dann schlussendlich unschlüssig zuklappen.

Stößt das Buch jetzt ab oder fasziniert es? Es ist wohl eine Mischung aus beidem, und darin liegt auch für meine Begriffe der Reiz des Buchs. Die Knausgard’sche Detailfülle entführt den Leser geradewegs zurück in die eigene Teenagerzeit und ruft mannigfaltige Erinnerungen wach. Auch der Kniff um den Eisblock im Kofferraum von Eva ist dazu angetan, den Leser bei der Stange zu halten. Und diese Qualitäten überwiegen für mich in der Endabrechnung trotz einer manchmal zu krassen und plakativen Schilderungswut der jungen Autorin.

Ich prophezeie dass sich an diesem Buch sicherlich die Geister scheiden werden. Es gibt gute Argumente sowohl für Lobeshymnen als auch für Kritik oder gar Verrisse. Sicherlich ein Buch, das Potential für Debatten hat und das die Diskussionen der Feuilletons in diesem Bücherherbst dominieren könnte – und wie stets empfehle ich gerne, sich auch in diesem Fall einen eigenen Eindruck zu verschaffen und die Meinungen auch gerne hier kundzutun!

4 comments

  1. Für mich steht die Frage, warum soll man sich dieses Buch eigentlich antun?
    Von ähnlichen Ereignissen wie die geschilderten Grausamkeiten erfahren wir täglich aus den Medien, wissen also, das es sie gibt.
    Wo ist der Mehrwert, wenn sie literarisch verpackt werden? Wird es demnächst auch gefeiert, wenn ein Stapel schwerer Autounfälle in sprachlich wertvoller Form detailreich geschildert wird?
    Das Buch hat mich weder emotional berührt, noch mir irgendetwas vermittelt, noch hat es mich unterhalten. Auch sprachlich finde ich es nicht weltbewegend. Wozu also so ein Buch?
    Aus meiner Sicht ist es schlichtweg unnütz.

    1. Bei dem Einwand, dann könne man ja auch einen Autounfall als Literatur schildern bin ich prompt wieder bei der in der Rezension schon erwähnten Charlotte Roche und erinnere an ihr Buch „Schoßgebete“, indem auch ein Autounfall eine zentrale Rolle spielt. Dieses Thema ist also bereits in die Literatur eingeflossen und somit auch schon einmal dagewesen.

      Generell ist natürlich die Frage, ob Literatur nütze ist und wenn ja in welchem Umfang.

      Für mich ist Literatur auch immer eine funktionierende Zeitmaschine, die mich reisen lässt und in andere Zustände versetzen kann. Lize Spit ist das mit ihren Schilderungen bei mir zumindest stellenweise gelungen und hat mich auch über meine eigene Jugend nachdenken lassen.

      Wenn Sie „Und es schmilzt“ weder berührt noch unterhalten hat, ist das natürlich schade. Dem Buch seine Existenzberechtigung würde ich deswegen allerdings noch nicht absprechen.

      Beste Grüße,
      Marius Müller

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