Monthly Archives: März 2014

Justin Go – Der stete Lauf der Stunden

Über die Berge und das Meer

Sie wollen mal wieder so richtig in einem Buch versinken, mit den Protagonisten um die Welt reisen und ganz in einer Geschichte versinken? Dann greifen Sie zum Debüt „Der stete Lauf der Stunden“ von Justin Go, dem Debüt des zweiunddreißigjährigen Amerikaners.
In zwei Erzählsträngen erzählt er parallel von einer großen Liebe, die in England vor dem Ersten Weltkrieg ihren Ausgang nimmt, und vom jungen Tristan. Dieser lebt in Kalifornien und macht sich, da eine erkleckliche Erbschaft lockt, auf die Suche nach seinen Wurzeln und Dokumente über seine Großmutter. Dabei reisen die Protagonisten und mit ihnen der Leser auf den Mount Everest, in den Ersten Weltkrieg, nach Schweden, Berlin und an viele weitere Orte.
„Der stete Lauf der Stunden“ ist ein bunter, ergreifender und vielschichtiger Bilderbogen, der nicht nur mit einer starken Story sondern auch mit schriftstellerischer Klasse aufwarten kann.
Man folgt dem Debütautor durch die Schützengräben an der Somme, ins Berghain und bis in die Weite Islands staunend ob des Talents und gefesselt von seiner Geschichte. Plastisch lässt Justin Go vor dem inneren Auge des Leser ganze Welten entstehen und erzeugt einen Roman, der keinen einzigen Durchhänger aufweist. Besonders das Ende – oftmals neuralgischer Punkt zahlloser Erzählungen – gelingt Go ausgezeichnet und so konstatiere ich: ein fabelhafter Schmöker und ein verheißungsvoller Autor, der noch von sich Reden machen wird! 
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Joe R. Lansdale – Ein feiner dunkler Riss

Ein typischer Lansdale

Wann ist ein Autor ein Großer? Wenn seine Schreibe unverkennbar ist, wenn man schon auf den ersten Seiten den Eindruck hat, heimzukehren und wenn der Autorenname nicht auf dem Cover stehen müsste, um ihm das Buch zuordnen zu können.

Joe R. Lansdale zähle ich definitiv zu den großen Krimiautoren unserer Tage – und sein Roman Ein feiner, dunkler Riss stammt definitiv aus der Feder des Romanciers. Ursprünglich schon 2002 erschienen hat es das Buch nun beim Suhrkamp-Verlag ins Taschenbuch-Format geschafft (Übersetzung Heide Frank)

Der Roman wird vom Ich-Erzähler Stanley als Kindheitserinnerung erzählt (auch so ein typischer Lansdale-Kniff) und enthält alle Zutaten, die die Bücher Lansdales kennzeichnen: ein unschuldiges Kind in Texas wird im Laufe des Buchs zum Erwachsenen, ein Verbrechen aus der Vergangenheit wird aufgeklärt, das Kind tritt dem Rassismus entgegen. Im vorliegenden Fall entdeckt Stanley eine Kiste mit alten Liebesbriefen und stößt auf ein verlassenes Haus, das nur der Auftakt zu größeren Abenteuern ist. Zusammen mit seinen Freunden und dem alten farbigen Filmvorführer Buster, der er sich als ehemaliger Polizist entpuppt, ermittelt er um den Geheimnissen seines Städtchens auf die Spur zu kommen.

Ein solides Buch aus der Feder Lansdales, aber kein Meisterwerk

Mit Ein feiner, dunkler Riss ist Lansdale erneut eine spannende und wehmütige Hommage an ein lang vergangenes Texas gelungen. Zwar kommt Ein feiner, dunkler Riss nicht an Lansdales Meisterwerke Die dunklen Wälder am Fluss und Der Teufelskeiler heran, dennoch wieder ein grandioser Roman übers Erwachsenenwerden und die Erinnerungen an die Kindheit.

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Robin Sloan – Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Zwischen Buchdruck und Google


Vielleicht hat mir das Buch – im Gegensatz zu vielen anderen hier – besonders gut gefallen, da ich als studierter Bibliothekar in der Materie, in die „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ vorstößt, bereits beschlagen bin? So oder so konnte mich die Erzählung von Robin Sloan fast überzeugen. In seinem Debütroman versucht der Amerikaner den ganz großen Brückenschlag zwischen Buchdruck und E-Book, eine kleine Tour durch die Gutenberg-Galaxie quasi.
Rahmen seiner Erzählung bildet die titelgebende Buchhandlung des Mr. Penumbra, bei der sich der geschasste IT-Experte Clay Jannon sein täglich Brot verdient. Schon bald irritieren den Computer-Nerd die Besonderheiten der Buchhandlung und er beginnt, die Geheimnisse dieses sonderbaren Bücherhauses zu erkunden. Dabei kommt er einem Geheimbund auf die Spur, verliebt sich und muss einige Abenteuer bestehen.
Zugegeben – manche Dialoge schwanken zwischen hölzern und albern, manchmal denkt man während des Lesens, dass Sloan in seiner Jugend zu viele Mantel-und-Degen-Filme gelesen hat. Die krampfhafte Symbiose aus Google und Buchdruck ist an manchen Stellen überzogen – und dennoch hat das Buch seinen Reiz. Die atmosphärischen Beschreibungen der Buchhandlungen und Bibliotheken gefielen mir außerordentlich, auch nicht-buchaffine Leser erfahren noch einiges über Typografie, E-Books und die Herstellung von Lettern. Mit seinem Debüt-Roman ist Sloan eine Hommage an die Häuser des Wissens und ihrer kommerziellen Ableger gelungen, ein Buch das zwischen Bücherstaub und Pixeln oszilliert.
Meine ungeschlagene Nummer Eins in Sachen Bücher über Bücher ist zwar immer noch „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafon. Wer sich aber eingehender mit Büchern, deren Digitalisierung plus einer Prise Geheimbünde beschäftigen möchte, der kommt an „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ nicht vorbei.

 

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