Burkhard Spinnen – Rückwind

Eine moderne Variante des Hans im Glück erzählt Burkhard Spinnen in seinem Roman Rückwind. Er erzählt von Hartmut Trössner, dem der Erfolg unversehens vor die Füße fällt. Wie geht es einem, der zunächst alles gewinnt, um es dann wieder zu verlieren? Rückwind versucht darauf eine Antwort zu geben.


Die Energiewende: seit dem Reaktorunfall in Fukushima ein großes Schlagwort, das mit ebenso vielen Debatten einhergeht. Wie kann es gelingen, dass sich unser Strom aus erneuerbaren Energien speist? Dass fossile Brennstoffe wie Gas oder Erdöl obsolet werden?

Eine große Rolle spielt(e) in dieser Debatte die Windkraft. Doch während dank der bayerischen 10H-Regel der Ausbau der Windenergie gerade zu versanden droht (siehe hier), beschwört Burkhard Spinnen in seinem Buch die Glanzzeiten dieser Energiesparte noch einmal herauf.

Sein Held heißt Hartmut Trössner. Vom Vater als logischer Erbe der im Familienbesitz befindlichen Firma vorgesehen, hat er eigentlich keine Lust auf den Job. Lieber möchte er mit Freundin durch die USA reisen und sich in der Mimikry des American Way of Life versuchen. Doch die Nachricht vom Tod seines Vaters zwingt ihn zurück in die Heimat. Dort verkündet er in einem Moment kühner Selbstermächtigung, das Erbe seines Vaters antreten zu wollen.

Wider alle Vernunft setzt er auf das Thema Windenergie und Windräder, bei dem sich – Verzeihung – schon bald der Wind drehen soll. Der immer lauter werdende Ruf der Ökologie befeuert den Run auf regenerative Energie. Und so beginnt ganz unverhofft. der Aufstieg Hartmut Trössners in die unternehmerische Elite der Bundesrepublik. Eine bezaubernde Frau, politischer Einfluss, Eigenheim autark dank eigenes eingespeister Windenergie. Es scheint, als hätte dieser Mann den Rückenwind gepachtet. Wie ein Wiedergänger Utz Classens wirkt dieser Trössner zu seinen Bestzeiten. Doch dann Katastrophe, Absturz, Konfusion.

Eine Handlung im Rückwind

Wie es so weit kommen konnte, das muss man sich als Leser*in erst einmal erschließen. Denn Rückwind beginnt höchst konfus. Da erzählt einer von Hartmut Trössner, steckt dann aber auch noch als eine Art Über-Ich in Trössner selbst drin. Immer wieder springt dieser Erzähler zwischen personaler und auktorialer Schilderung hin und her. Die Welt ist im Kopf könnte man sagen, um mit einem Buchtitel Christoph Poschenrieders zu sprechen..

Wir lernen Hartmut Trössner kennen, der völlig verlottert und heruntergekommen gerade offenbar aus einer Anstalt oder einem Krankenhaus entkommen ist. Nachlässig gekleidet, mit einem wilden Vollbart wirkt er wie auf der Flucht. Nach dem Kauf eines Zugtickets begibt er sich auf die Reise nach Berlin. Dort im Zug lernt er eine junge Frau kennen, die ihm nach und nach die Geheimnisse seines Lebens entlockt. Dabei schwebt immer das kommentierende Über-Ich mit im Raum, das dieses Leben im Rewind- bzw. eben Rückwind-Modus noch einmal vom Spielfeldrand aus einordnet. Klingt zunächst kompliziert, ist es auch erst einmal, glättet sich dann aber doch schnell beim Lesen. Gerade die Rückblenden sind sehr verständlich – und auch an diese merkwürdige Erzählinstanz in Trössners Kopf gewöhnt man sich bald.

Schön ist es, dass Burkhard Spinnen sich im Vorfeld über die Konstruktion und Erzählweise seines Romans Gedanken gemacht hat. So hat dieser so doppeldeutig gewählte Titel Rückwind tatsächlich Einfluss auf die narrative Struktur. Hier kommen Form und Inhalt wirklich prima zusammen.

Obwohl es vordergründig natürlich vorwärts gen Berlin geht, springt das Buch in Wahrheit doch immer wieder zurück. So verfestigen sich die verschiedenen Facetten, die wir so als Leser*innen nach und nach erhalten, zu einem Bild. Und dieses Bild namens Rückwind ist dann doch überraschend vieles: so steckt in Spinnens Roman eine Mediensatire, ein Unternehmerroman, eine Geschichte der Windenergie, ein Männerporträt, eine leicht touchierte Geschichte der politischen letzten 30 Jahre BRD.

Fazit

Hier erzählt ein Autor, der seinen Stoff beherrscht (wenngleich für mich der Strang um die PPC-Erzählung und das Ende etwas überzogen und artifiziell wirkt, ohne hier zu viel verraten zu wollen). Gerne schaut man diesem Wunderkind Trössner zu, das doch in seinem Glück dazu verdammt ist, alles wieder zu verlieren. Sprachlich ist Spinnens Buch großartig und auch die Idee eines quasi dissoziativen Erzählers ist gut gemacht und überraschend. Ungewöhnlich und in meinen Augen definitiv ein übersehener Kandidat für die Longlist des Deutschen Buchpreises – all das ist Rückwind. Ein Buch, das viel Rückenwind und Aufmerksamkeit verdient.


Weitere Besprechungen des Buchs gibt es bei Stefan von Bookster HRO, Kulturnews und ein völlig konträres Urteil bei Deutschlandfunk Kultur von Enno Stahl.

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