Castle Freeman – Ein Mann mit vielen Talenten

Was würden Sie sich wünschen, hätten Sie die berühmten drei Wünsche frei? Taft, der eigenwillige Held von Castle Freemans Roman Ein Mann mit vielen Talenten hat da gleich als erstes einen ebenso konkreten wie unkonventionellen Wunsch: vier neue Radkappen für seinen Pick-Up sollen es sein. Doch wer sich einmal mit dem Teufel einlässt, der wird ihn nur schwer wieder los – selbst wenn man im Hinterland von Vermont wohnt.

Faust in den Wäldern Vermonts

Dabei beginnt in Castle Freemans Erzählung aus dem Jahr 2015 alles schon sehr rätselhaft. Ein Mann namens Dangerfield wird in seinem Auto von einer jungen Polizistin angehalten. Es entwickelt sich ein Rededuell – doch als die Polizistin die Daten des Mannes überprüfen will, ist dieser spurlos verschwunden.

Dafür taucht er daraufhin bei Taft auf. Dieser ist ein Eigenbrötler reinsten Wassers. Abgeschieden lebt er in einem Tal von Vermont, wo er mit Vorlieben mit seinen wenigen Freunden palavert und die Tage gerne im Schaukelstuhl verbringt.

Doch mit der Ruhe im Tal ist es nicht weit her, als Dangerfield als Teufel im Tal (so der Originaltitel des Buchs) auftaucht. Dieser macht ihm ein verlockendes Angebot, das Taft nicht ablehnen kann. Sechs Monate sollen alle Wünsche und Anliegen des Mannes erfüllt werden, danach gehört seine Seele Dangerfields Boss, dem Chief – dem CEO – wie er sich auszudrücken pflegt. Auf Drängen von Taft werden aus den sechs Monaten sieben – mit Stichdatum 12. Oktober, dem Columbus Day.

Seine neugewonnene Macht setzt Taft nun ein, um Schulden zu tilgen und unheilbare Krankheiten von Kindern zu kurieren. Er entwickelt sich zum titelgebenden Mann mit vielen Talenten, was auch Tafts Freunden nicht verborgen bleibt. Und auch Calpurnia, einer hochbetagten aber geistig regen Dame im lokalen Altenheim entgehen Tafts neue Talente keineswegs. Sie wird sich auf besondere Weise für den Eigenbrötler einsetzen.

Eine neue Bearbeitung des Faust-Mythos

Castle Freeman - Ein Mann mit vielen Talenten (Cover)

Im Kern ist Ein Mann mit vielen Talenten eine weitere Bearbeitung des alten Faust-Mythos, die Castle Freeman hier präsentiert. Der Mann, der dem Teufel seine Seele verkauft, um sich Unmögliches doch noch zu erfüllen, dieses Motiv reicht von der bayerischen Version des Boandlkramers und des Brandner Kaspar (Franz von Kobell) bis hin zu Goethe und Christopher Marlowe. Dass ein Zitat aus dessen Faust-Dichtung von 1604 den Auftakt des Buchs bildet, das erscheint nur logisch, so konsequent wandelt Freeman auf diesen Spuren.

Schon seine Krimis rund um den Sheriff Lucian Wing (hier zuletzt Herren der Lage) zeigen einen Autor, der das Skurrile schätzt und dessen Thriller zwischen Komik, Ernst und viel Lokalkolorit aus dem Vermonter Hinterland oszillieren. Dadurch erschrieb sich Freeman eine wachsende Fangemeinde, die sich schließlich auch im Wechsel vom kleineren Nagel & Kimche-Verlag hin zum renommierten Hanser-Verlag manifestierte.

Komik und pointierte Dialoge

Diese Mischung aus Ernst und Komik, versehen mit trockenen und pointierten Dialogen, sie zeigt sich auch in Ein Mann mit vielen Talenten. Hier gelingt es Freeman, den eigentlich recht grotesken und abenteuerlichen Plot um den Seelenhandel von Taft und Dangerfield stringent im Hinterland von Vermont zu inszenieren.

Großartig die Zwiegespräche von Taft und Dangerfield, der ganz als Mephistopheles’scher Geist für andere unsichtbar Taft Dinge eingibt und zuflüstert. Wie Taft diesen dritten Part in Gesprächen mit anderen kaum kaschieren kann, das fasst Castle Freeman gekonnt in Worte, von denen er gar nicht viele braucht, um die Charaktere zu setzen (typisch auch für Freeman die Kürze seiner Geschichten. Diese hier umfasst nur 184 Seiten).

Egal ob die greise aber hellwache Calpurnia im Altersheim, Taft im Gespräch mit dem Geist, der stets verneint, oder die kurzen Szenen mit der jungen Polizeioffizierin. Castle Freeman gelingt eine gewitzte, kurzweilige und besonders in den Dialogen pointierte Neudeutung des alten Fauststoffs.

Fazit

Das passt zur aktuell grassierenden Debatte rund um die Abschaffung des Goethe’schen Faust, der in Bayern nun als verpflichtende Schullektüre von den Lehrplänen gestrichen wurde. Mit Castle Freeman hält man eine neue und moderne Interpretation des Stoffs in den Händen, die zwar auf gar keinen Fall Goethes Epos ersetzen kann, will oder sollte – aber eine gelungene Hinführung auf den Klassiker darstellen kann. Insofern eine Empfehlung auch für diejenigen, die mit Thrillern und Krimierzählungen wenig anfangen können und die hier Castle Freeman außerhalb seines üblichen Schaffens kennenlernen können.


  • Castle Freeman – Ein Mann mit vielen Talenten
  • Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
  • ISBN 978-3-446-27075-6 (Hanser)
  • 184 Seiten. Preis: 20,00 €
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