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Sara Gran: Das Ende der Welt

Abseits vom Krimi-Mainstream

Sie suchen einen spannenden Krimi, bei dem ein Mörder gesucht wird und eine Ermittlerin unbeirrt zur Wahrheit durchkämpft? Dann lassen Sie Ihre Finger bloß von diesem Buch!
Selten wurde in einem Buch ein verquerer Plot gelöst, so viel gekokst und so wenig zielführend ermittelt. Wie im mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Vorgängerbuch „Die Stadt der Toten“ ermittelt auch im zweiten Band wieder Claire DeWitt, die beste Detektivin der Welt. Und dies tut die charismatische Ermittlerin erneut auf die wohl unorthodoxeste Art und Weise, die momentan in einem Roman zu bestaunen ist.
Wie in einem Stream of Consciousnesslässt sie sich diesmal durch die verschiedenen Viertel San Franciscos treiben und versucht, dem Tod ihres Ex-Freunds Paul auf die Spur zu kommen. Dieser, ein halbwegs bekannter Gitarrist, wurde in seinem Haus erschossen und nicht nur fünf verschwundene Gitarren lassen Fragen aufkommen.
Claire DeWitt versucht nun dank ihrer eigenwilligen Ermittlungsmethoden, den Mörder Pauls dingfest zu machen. Zudem ermittelt sie im Fall verstorbener Minipferde und muss sich mit weiteren Nebenkriegsschauplätzen auseinander setzen.
Zudem konfrontiert Sara Gran den Leser erneut, wie in „Die Stadt der Toten“, in Rückblenden mit einem Fall aus Claires Jugendjahren. Das ist insgesamt alles andere als übersichtlich, trägt aber auch zur Faszination des Buches bei.
In der momentanen Krimilandschaft dürfte es kaum eine Person geben, die in ihrer Spleenigkeit und ihrer Radikalität an Claire DeWitt heranreicht. Wer, wie eingangs erwähnt, konventionelle Krimis sucht, die im täglichen Leben geerdet sind, der sollte einen möglichst großen Bogen um die Claire-DeWitt-Reihe machen. Alle anderen, die innovative, bunte und überbordende Romane lieben und auch den Gerichtsmediziner Doktor Siri aus der Feder von Colin Cotterill schätzen könnten ruhig einmal in dieses Buch hineinschnuppern. Krimikost abseits des Mainstreams – mir gefällt’s!

Will Wiles: Die nachhaltige Pflege von Holzböden

Pedanterie versus Chaos

Was Loriot in seinem unsterblichen Sketch Das Bild hängt schief ein Wohnzimmer war, das ist für den namenlosen Erzähler in Will Wiles Die nachhaltige Pflege von Holzböden gleich eine ganze Wohnung.
Das Buch, das im Übrigen auch einen Preis für den skurrilsten Buchtitel verdient hätte, berichtet vom unabänderlichen Chaos, das mit dem Ich-Erzähler in der Wohnung seines Freundes Oskar Einzug hält.
Dieser möchte seine Scheidung in die Wege leiten und muss hierzu in die USA fliegen. Da das Wort Pedant für ihn geschaffen wurde, beauftragt er seinen Freund, den Erzähler des Buches, in der Zeit seiner Abwesenheit die Wohnung zu hüten und diese in dem Zustand zu halten, in dem Oskar sie verlassen hat. Wie das Cover bereits sehr schön suggeriert, kann damit dann das Chaos beginnen. Sehr subtil bricht das sich das Chaos dabei zunächst in der Anwesenheit des Erzähler Bahn.
Angefangen von einem kleinen Weinrand auf einem Tisch stellt sich ein infernalisches Crescendo der Verwüstung ein, an dessen Ende die Wohnung nicht mehr das sein wird, was sie einmal war.
Die Geschichte, die Will Wiles in seinem Debüt erzählt, ist dabei sehr vorhersehbar und weist die ein oder andere Länge auf. Den Humor, den der Klappentext vollmundig verspricht, muss man allerdings auch mit der Lupe suchen (und ich halte mir vor, durchaus viele möglichen Spielarten der Heiterkeit zu erkennen).
Zwar ringt Wiles seinem Text die ein oder andere Pointe ab, doch gerade was Loriot im Eingangs erwähnten Sketch gelingt, schafft Wiles nicht. „Die nachhaltige Pflege von Holzböden“ ist stellenweise zäh und hätte trotz der nur knapp 300 Seiten einiges an Kürzungen vertragen. Die Idee, die hinter dem Roman steht, ist zwar sehr nett, allerdings trägt sie die Erzählung nicht und der Spannungsbogen reißt schon etwa in der Mitte des Buchs.
So ist das Buch ein mögliches Geschenk für jeden befreundeten Innenarchitekten. Werallerdings temporeichen Humor und eine flott erzählte Geschichte sucht, der wird in Die nachhaltige Pflege von Holzböden nur teilweise fündig!

Matthew Quirk: Die 500

Die dunkle Seite der Macht

Politik – dröge und langweilig? Nicht unbedingt, wie Matthew Quirk in seinem Debüt „Die 500“ beweist. Mit diesem Buch ist ihm ein schneller und spannender Thriller gelungen, der gerade zum Ende hin aber auch die Grenzen zum Realismus recht schnell hinter sich lässt.
Der Grundgedanke des Romans ist bestechend und auch recht entlarvend für die heutige Zeit: Statt der Politik hat in Washington schon längst eine graue Eminenz die Macht übernommen. Henry Davies hat mit seiner Lobbyfirma die 500 mächtigsten Menschen durch umfangreiche Dossiers in der Hand. Der gutgläubige Mike Ford ahnt davon nichts, als er in der Firma anheuert. Doch schnell wird dem recht sympathischen Protagonisten mit einem kriminellen familiären Hintergrund klar, dass sein Arbeitgeber mitnichten so redlich zu sein scheint, wie er sich gibt.
Als Mike seine Finger nicht von brisantem Material lassen kann und seinen Chefs hinterherspioniert, wird er rasch in ein tödliches Spiel um Macht und Einfluss gesogen.
Die Idee von Matthew Quirk ist zwar nicht bahnbrechend neu (nicht umsonst wird das Buch fast durchgängig mit John Grishams „Die Firma“ verglichen), doch mit gefiel die Umsetzung eigentlich recht gut. Mike Ford ist ein Protagonist, der den Leser mit seiner (nach)lässigen und entspannten Grundhaltung für sich zu gewinnen weiß. Auch sind einige Actionszenen gut gelungen, bis etwa die Mitte des Buchs erreicht ist.
Danach nimmt das Realitätsmaß ebenso wie die Glaubwürdigkeit rapide ab. Von einer Actionszene hangelt sich Ford zur nächsten, ohne jemals große Probleme zu bekommen. Seine Talente werden im Laufe des Buchs immer mehr und auch der konstruierte Plot zum Ende war mir etwas zu unrealistisch, um fesseln zu können.
So wird das Buch zum Ende hin ein typisch amerikanischer Reißer, der dem Leser einiges an Geduld abverlangt. Für den zweiten Teil dieser geplanten Serie ist es wünschenswert, dass Quirk ein bisschen mehr auf Inhalt statt auf Schauwerte setzt – ansonsten ein annehmbarer Thriller mit einem halbwegs originellen Setting, das mal ohne Serienmörder auskommt.          

Robert Hültner: Am Ende des Tages

Inspektor Kajetans Ende

„Am Ende des Tages“ ist der letzte Auftritt des großartigen Inspektor Kajetan. Von Robert Hültner ersonnen machte sich der ebenso unbequeme wie unangepasste Ermittler erstmals vor zwanzig Jahren im Roman „Walching“ auf die Suche nach der Wahrheit. In München und Münchner Umland forschend kämpfte Kajetan immer um die Wahrheit, um nun in „Am Ende des Tages“ sein letztes Rätsel zu lösen. Nebenbei zeichnete Hültner in den Bücher die schwierige Werdung Bayerns vom Ersten Weltkrieg beginnend durch die Räterepublik hindurch bis in die Zeit des erstarkenden Nationalsozialismus ohne dabei seine Krimis zu vernachlässigen.
Ein Abgesang auf den Protagonisten Kajetan ist das Buch dennoch nicht geworden, denn Hültner installiert parallel zu dem Münchner Kommissar den preußischen Versicherungsermittler Kull, der zeitgleich zu Kajetan den Absturz eines Flugzeugs in den Alpen untersuchen soll.
Kajetan verbeißt sich in München im Fall des im Zuchthaus einsetzenden Ignaz Rotter, der seine Frau auf einem abgelegenen Hof getötet haben soll, während sich bei Kull die Zeichen mehren, dass es bei dem Absturz in den Alpen mitnichten um einen einfachen Unfall ging.
Natürlich ahnt der Leser recht bald, dass die beiden Fälle der nicht gerade stromlinienförmig gebauten Ermittler irgendwie aneinander geknüpft sein müssen – doch wie sie das sind offenbart sich erst am Ende des Buchs.
Neben der wirklich gut konstruierten Handlung ist die Stärke Hültners auch sicherlich seine Fähigkeit glaubhafte Dialoge zu schreiben. Diese nehmen einen großen Teil des Romans ein und zeigen einen Autor, der dem Volk noch auf’s Maul schaut, um einen Allgemeinplatz zu gebrauchen. Bei Hültners Schreibe finden sich ebenso Anleihen vom traditionellen Bauerntheater wie auch von bayerischen Dramatikern vom Schlage eines Franz Xaver Kroetz. Mit einer spannenden und gut konstruierten Rahmenhandlung verknüpft wird so aus dem Buch wirklich ein ausnehmend guter Roman, an dessen Ende man es fast bedauert, dass dies Kajetans wahrscheinlich letzter Auftritt war.
Um es kurz zu machen: „Am Ende des Tages“ ist große Krimikunst. Handwerklich sauber geschrieben, von einer Fülle von zeitgeschichtlichen Informationen durchwirkt und nicht zuletzt Kajetan ein würdiges Ende bereitend. So ist der Roman leider höchstwahrscheinlich das letzte Glied in einer Kette von herausragenden Romanen, die weit über einen schieren Histo- oder Regio-Krimi hinausweisen. Dennoch: Packender kann man Zeitgeschichte nicht erzählen!       

Claus Cornelius Fischer: Nukleus

Selbstmordanschlag in Berlin

Also die Eröffnung seiner Romane kann er, der Claus Cornelius Fischer. Bewiesen hat er das nicht zuletzt in seinem ersten Thriller um die Notärztin Ella Bach, der im Jahr 2011 unter dem Titel „Erlösung“ erschien. Die ersten hundert Seiten dieses Romans zählten zu dem Packendsten, das mir im vor zwei Jahren unterkam. Das die Story danach etwas verflachte, verzieh man dem Autor dafür einigermaßen.
Auch in seinem zweiten Ella-Bach-Thriller packt Fischer sein ganzes Können in die Eröffnungssequenzen, die en Détail einen Selbstmordanschlag auf die Berliner U-Bahn und die anschließende Rettungsaktionen beschreiben. Doch nach dem hochtourigen Auftakt verflacht die 527 Seiten starke Erzählung zunehmend. Der Autor vermengt die Auswirkungen des Anschlags, Ella Bachs Privatleben und das Verschwinden von Ellas bester Freundin Annika zu einem mäandernden Erzählstrom, der nicht immer weiß, wo er hinwill. Dies ist der Spannung nicht unbedingt zuträglich, doch ohne hier allzuviel verraten zu wollen, kann ich feststellen, dass das letzte Drittel des Buchs wieder einiges herausreißt. Als mir klar wurde, wie der Hase läuft, konnte ich das Buch nicht mehr zur Seite und musste die Lektüre beenden, ehe ich schlafen gehen konnte.
Das filmreife Ende entschädigt auch für die phasenweise auftretenden Längen in „Nukleus“ und zeigt, was für ein talentierter Autor in Claus Cornelius Fischer steckt.
Natürlich ist es müßig, darüber zu debattieren, warum gerade eine Notärztin nun bereits zum zweiten Mal in eine globale Verschwörung stolpern und diese so gut wie alleine aufklären sollte. Wer sich an den zahlreichen Unwahrscheinlichkeiten nicht stört, die Fischer in seinem neuen Roman auffährt, wird mit einer ebenso spannenden wie aktuellen Lektüre belohnt.

Die Grundidee, die hinter „Nukleus“ steckt, dürfte jeden Leser, der das Internet und damit auch Google, Facebook und Konsorten häufiger nutzt, zum Nachdenken bringen. Zwar glaube ich noch immer an das Gute im Menschen, doch der Thriller liefert einige Denkimpulse und stark geschriebene Exkurse über das Internet und seine Konsequenzen.

Insgesamt ein lesenswerter und kluger Thriller, der im Gegensatz zu der üblichen Krimi-Dutzendware auch mit einigen Reflektionen und Denkanstößen aufwarten kann. Wer ein wenig aussagekräftiges Cover und kleine Durchhänger in der Mitte des Buches verkraften kann, bekommt mit „Nukleus“ die ganze Dosis: Außergewöhnliche Infos, jede Menge medizinisches Fachwissen und nicht zuletzt ganz viel Spannung – Empfehlung!