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Joey Goebel: Ich gegen Osborne

Ulysses an der Highschool

Joey Goebel zählt zu den interessantesten jungen amerikanischen Autoren der Gegenwart. Sein neuestes Werk „Ich gegen Osborne“ macht da keine Ausnahme – ganz in der Tradition eines John Dos Passos oder James Joyce beschreibt er in diesem Buch einen einzigen Tag im Leben des Zwölftklässlers James Weinbach.

Dieser Ich-Erzähler nimmt es im Roman mit Osborne auf – seiner Highschool, der er mehr als kritisch gegenübersteht. Von dem anfänglichen Versuch, eine Freundin zu fragen, ob sie ihn zum Abschlussball begleite, ausgehend entwickelt Goebel schnell das Porträt eines Tages, nach dem im Leben James‘ Weinbach nichts mehr so ist, wie es war.
Mit „Ich gegen Osborne“ hat Joey Goebel einen Roman vorgelegt, der der amerikanischen (Schul-) Gesellschaft den Spiegel vorhält. Lustvoll seziert James Weinbach, der sich an seiner Highschool als Primus inter Pares versteht, seine Mitschüler und deren Leben.
Vor seinem gnadenlosen Augen findet niemand Gnade, grimmig nimmt er seinen Kampf gegen seine bestenfalls mittelmäßigen Mitschüler auf und versucht auch in puncto Abschlussball ein für ihn bequeme Lösung zu finden.
Das liest sich größtenteils sehr humorvoll – „Ich gegen Osborne“ strotzt nur so vor zitierwürdigen Passagen:

„Die Person im Wagen neben meinem ließ das Fenster ein wenig herunter, und da wurde mir klar, dass ich mit einem Song beschallt wurde, der vermutlich den Titel „Make ‚em say Uhh“ trug, ein Lieblingslied – eine regelrechte Hymne – meiner Mitschüler. Mir war dieser Sonh so verhasst, dass ich das Leben verabscheute, wenn ich ihn nur hörte. Der Refrain bestand hauptsächlich aus Grunzgeräuschen, bei denen man unwillkürlich an Lust und/oder Verdauungsprobleme dachte. Der schlechte Geschmack von Menschen meines Alters erschütterte mich, und die Jugendkultur generell bewirkte, dass ich mir am liebsten in die Hände gekotzt hätte.“ (S. 16)

Hier spricht ein vom Leben und seinen Altersgenossen angeekelter junger Mann, der sich durch seinen Highschooltag schleppt (und an manchen Stellen leider auch der Roman) – und der durch Abgrenzung wieder Originalität erhält. Man sieht den jungen Schüler förmlich vor sich, wie er sich durch die Gänge seiner Highschool schleppt, gewandet in einen Anzug seines verstorbenen Vaters.
Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag
Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Kennzeichnend, wenn James einmal äußert: „Satan, dein Name ist Pubertät.“ – wohl jeder kann den Schüler verstehen und an der ein oder anderen Stelle dürfte sich wohl jeder in diesem Roman wiederfinden.

Ein epischer Tag an der Highschool ganz wie meine eigenen Erfahrungen der Schule – lustig, nachdenklich und manchmal auch ein bisschen zäh. Aber am Ende hat man garantiert etwas gelernt!

Arne Dahl: Bußestunde

Eye in the sky

Mit „Bußestunde“ beschließt Arne Dahl nun seine zehnbändige Reihe um die A-Gruppe der schwedischen Polizei. Sein abschließendes Werk vereint noch einmal mehr oder minder alle Ermittler, die jemals in der A-Gruppe mitgewirkt haben und liest sich streckenweise wie ein kleines Best-Of seiner anderen neun Romane. Deshalb gleich zu Beginn ein kleiner Hinweis: Man muss zwar nicht alle neun Romane des Schweden vorher gelesen haben, allerdings ist „Bußestunde“ so voller Anspielungen und kleinerer Spoiler, dass sich der optimale Lesegenuss erst entfaltet, wenn man wenigstens den ein oder anderen Vorgängerband gelesen hat.
Inhaltlich fährt Arne Dahl noch einmal alles auf, was sein Dezett auszeichnet: Vertrackte, komplexe Plots, verschiedene Erzählstränge und die besten aller Ermittler, die in der A-Gruppe gemeinsam ermitteln. Diesmal geht es vorgeblich zunächst um den Überfall auf einen Videoladen, der schon bald zum Aufhänger für eine viel größere Reihe von Verbrechen wird. Und dann wäre da noch Paul Hjelm, der in der Tradition eines Spions das Verschwinden eines Geheimdienstchefs auf eigene Faust aufklären muss.
Wie gewohnt verknüpft Arne Dahl seine diversen Plots in „Bußestunde“ immer mehr und webt diverse Subthemen in seinen Roman ein. Anorexie, der Überwachungsstaat, Bachs h-Moll-Messe und die Arbeit von Geheimdiensten in unserer Zeit sind Nebenschauplätze, die der Autor vortrefflich zu bedienen weiß. Einzig zu kritisieren habe ich nur die Veröffentlichungspolitik des Piper-Verlags.
Da zwischen dem vorletzten Band „Opferzahl“ (2006) und dem finalen Roman „Bußestunde“ (2007) bereits die beiden Bände des OPCOP-Quartetts („Zorn“ und „Gier“ (2011/12)) erschienen sind, wird „Bußestunde“ schon deutlich die Spannung genommen, da man aus den beiden anderen Bänden weiß, wie es mit allen Protagonisten weitergeht. Hier hätte ich eine chronologische Veröffentlichung, sprich zunächst das A-Gruppen-Dezett und dann das OPCOP-Quartett, befürwortet. So sind beide Reihen etwas auseinandergerissen – an der Qualität der „Bußestunde“ ändert dies allerdings nichts!
Hier zur besseren Übersicht noch einmal die Reihenfolge der zehn Bände:
  1. Misterioso
  2. Böses Blut
  3. Falsche Opfer
  4. Tiefer Schmerz
  5. Rosenrot
  6. Ungeschoren
  7. Totenmesse
  8. Dunkelziffer
  9. Opferzahl
  10. Bußestunde

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe

Was für ein Debüt

Was für ein Debüt: Mit „Adams Erbe“ hat Astrid Rosenfeld einen Roman vorgelegt, der sofort Anklang bei den Kritikern und Lesern fand. Sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises hat die junge deutsche Autorin es geschafft. Und um es vorwegzunehmen: Auch mich hat dieses im Diogenes-Verlag erschienene Buch mehr als begeistert.
Geschickt verknüpft Astrid Rosenfeld die Lebensgeschichten von Eddy Cohen, einen Teenager unserer Tage, der mit seiner Mutter und deren Freund herumvagabundiert. Sein Leben erhält eine Wendung, als ihm Dokumente seines verschwundenen Großonkels Adam in die Hände fallen.
Dieser lebte in Deutschland zusammen mit Adams Familie in Deutschland im Dritten Reich, ehe sich die Wege der Familie und Adams trennten.
Man kann die Autorin nur für ihre Prosa bewundern. Wie dahingetupft, mit feinem Humor durchzogen schildert sie zwei Lebensgeschichten ihrer beiden Protagonisten. Mit „Adams Erbe“ zeigt sie auf, wie man auch über die Schicksale von Menschen im Dritten Reich schreiben kann – das Leben im Warschauer Ghetto gerät bei Astrid Rosenfeld zu einem tragikomischen und melancholischen Stück Geschichte, das neu mit Leben füllt, was vielen nur noch als Text aus dem Geschichtsbuch bekannt sein dürfte.
Höchst verblüffend und beeindruckend, wie es Astrid Rosenfeld gelingt, stets souverän die Waage zwischen Ernsthaftigkeit und Humor zu halten und nie an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Mit einem klugen Aufbau versehen ist „Adams Erbe“ zurecht zu einem höchstgelobten Roman geworden, der viele Leser verdient. Nicht nur seine Geschichte unterhält, auch die Dialoge und die teils schrulligen Protagonisten sind hervorragend gestalten und machen „Adams Erbe“ zu einem runden Gesamtkunstwerk. Der Roman unterhält auf großartige Weise und ist zu keinem Zeitpunkt belanglos. Eines der stärksten Debüts der letzten Jahre und ein Buch, das man ruhigen Herzens weiterempfehlen kann!

Robert M. Edsel: Monuments Men

Der etwas andere Kulturkampf

Robert M. Edsel hat mit „Monuments Men“ einer schon lange vergessenen Spezialtruppe des amerikanischen Militärs ein Denkmal gesetzt. Die Aufgabe dieser Monuments Men war es, im zweiten Weltkrieg beziehungsweise zu dessen Ende hin, die von den Nazis verschleppten und versteckten Kunstwerke aufzuspüren und wieder an ihre angestammten Plätze zurückzuführen.
Heute ist die Existenz dieser Gruppe nur noch eine Fußnote der Geschichte – Grund genug für Edsel seine langjährigen Recherchen in ein populärwissenschaftliches Sachbuch umzuwandeln. Zudem soll das Buch als Vorlage für einen Film mit George Clooney und Daniel Craig dienen. Der bald in den Kinos zu sehen wird. Und wenn man das Buch des amerikanischen Autors so liest, bekommt man schnell das Gefühl, dass eine Visualisierung der Historie durchaus für die große Leinwand geeignet sein dürfte.
Auch wenn „Monuments Men“ über 500 Seiten lang ist, ist die Geschichte, die der Historiker erzählt, durchaus spannend und fesselt über die Länge des Buchs. In den Mittelpunkt seines Werks stellt er die titelgebenden Monuments Men und deren individuelle Lebenswege im zweiten Weltkrieg sowie die Aufgaben, denen sie sich widmenten.
Auf Nebensächlichkeiten wie Fußnoten mit Fußzeile verzichtet Robert M. Edsel komplett, die Quellen muss man sich aus dem umfangreichen Anmerkungsapparat erschließen.
Auch sonst ist Edsels Werk eher eine romanhaftes Sachbuch als eine sachliche wissenschaftliche Quelle, denn der Amerikaner lässt seine Figuren denken und leiden, wenngleich dies auch an manchen Stellen unverbürgt ist. So entsteht definitiv ein Gefühl der Nähe zu seinen Protagonisten, auf der anderen Seite stellten sich mir manchmal, durch die wissenschaftliche Brille betrachtet, die Nackenhaare auf.
Wer aber keine Forschungsliteratur will, sondern sich für die Hintergründe des größten Kunstraubs der Geschichte und dessen Rückführung interessiert, der wird mit den „Monuments Men“ definitiv glücklich!         

Jordi Puntí: Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz

Vater Morgana

Davon könnte sich sogar Boris Becker eine Scheibe abschneiden: Der titelgebende Spediteur Gabriel Delacruz hat persönlich den europäischen Gedanken „Alle Menschen werden Brüder“ verstanden und selbst hart an der multilateralen Verständigung gearbeitet:
In vier verschiedenen Ländern hat er vier verschiedene Söhne, die alle auf den Namen Christof hören: In Deutschland hat er einen Christof, in Frankreich einen Christophe, in England einen Christopher und in Spanien schließlich einen Cristòfol gezeugt.
Erst mit dem Verschwinden des Vaters erhalten die vier Brüder Kenntniss voneinander und treffen zusammen, um die Geheimnisse ihrer Mütter und ihres Vaters zu lüften. Dies ist zugleich der Ausgangspunkt dieses Romans von Jordi Punti.
Eine bestechende Grundidee und ein Plot, der in den Händen Jordi Puntis zu einem dicken Buch geworden ist: Mit über 600 Seiten ist ein Roman entstanden, der ein überbordendes Familienporträt ist. In diesem Buch spannt Jordi Punti fabulierfreudig einen großen Bogen um die Vita des verschwundenen Vaters und seiner vier Söhne. Der Roman ist eine mäandernde Biografie um eine Vater Morgana, die sich manchmal in Anekdoten zu verirren droht, stets aber wieder auf den Pfad der Haupterzählung einschwenken kann.
Manchmal erinnert der Roman an eine geschwätzige spanische Marktfrau, die sich mit Vergnügen dem aktuellen Klatsch hingibt, manchmal changiert die Erzählung in den Tonfall der „Fabelhaften Welt der Amelie“. Dies offenbart an einigen Stellen auch die Schwäche des Textes – der durchaus auch ein paar Seiten weniger vertragen hätte. So sind einige Längen vorhanden, die zwar für die Erzählökonomie nicht gerade vorteilhaft sind, dafür aber das Panorama des Gabriel Delacruz und seiner Söhne noch etwas bunter machen.
Wer etwas Zeit in einen Roman investieren möchte, der deutlich mehr über eine einfache Biographie oder Familiengeschichte hinausgeht, der dürfte bei „Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“ fündig werden. Wer lieber schlanke Plots schätzt dürfte dieses Buch als überladen empfinden – es unterhält aber auf jeden Fall!