Wie kippt Aktivismus in Radikalismus, was rechtfertigt Gewalt? In ihrem neuen Roman Orca erzählt Franziska Gänsler von einer jungen Frau, die durch eine Freundschaftsbande in gewaltbereite Aktivistenkreise gezogen wurde, und die auf interessante Art und Weise mit ihren Loyalitäten zu kämpfen hat.
Mit ihrem neuen Roman würdigt Franziska Gänsler einen in der Literatur hierzulande kaum repräsentierten Beruf, nämlich den der Fleischereifachverkäuferin. Cora geht diesem Beruf nach, sortiert mit Übersicht und Effizienz das Angebot in der Fleischauslage, wiegt für ihre Kundschaft grammgenau das Gewünschte ab, bereitet die Theke in der Früh auf den Kundenansturm vor und sorgt als gesichtslose Servicekraft für einen reibungslosen Ablauf ihrer Abteilung im Supermarkt.
Abwechslung verheißen ihr nur sogenannte Angel Numbers, also besondere Zahlenkombinationen oder Schnapszahlen, die scheinbar zufällig beim Abwiegen der Fleischwaren auftreten und die sie als mögliche Botschaften des Universums interpretiert.
Was recht stupide und nicht unbedingt erzählenswert erscheinen mag, bekommt aber durch Coras Lebensgeschichte eine ganz eigene Wucht. Es ist eine Wucht, die auch die junge Frau ganz unmittelbar trifft, als sie nach einer Schicht im Supermarkt ihren Newsfeed checkt. Darin ist die Rede von der Verhaftung der Aktivistin Olympia Mitterwald, die als CEO-Mörderin betitelt wird.
Die Nachricht trifft Cora deshalb so unmittelbar, da sie einst mit Olympia befreundet war. Die Freundschaftsbande zu Olympia und zwei weiteren junger Frauen war einst derart intensiv, dass sich die vier als Zeichen ihre Freundschaft sogar das Akronym ihrer vier Vornamen tätowieren ließen, nämlich die titelgebende Buchstabenkombination ORCA.
In Rückblenden blickt Franziska Gänsler auf diese Freundschaft, die sich intensiviert, als Cora als Stipendiatin eines Elite-Gymnasiums auf Cora trifft, die sie zwar von früher kennt, durch die unterschiedlichen Lebenswege und die inzwischen aufgetretene Pandemie aus den Augen verloren hatte. Nun begegnen sich die beiden Frauen wieder – und das mit einem Knall oder besser gesgt einem Schlag. Denn bei ihrem ersten Aufeinandtreffen erlöst Olympia ein sterbendes Kaninchen, das Cora aufgefunden hat, mit einem Schlag auf dessen Schädel.
Eine Geschichte der Gewalt
Schon in dieser initialen Begegnung ist ein Element der Gewalt eingeschrieben, das das Buch auch im Folgenden prägen wird. So nimmt Olympia Cora mit zu einem Haus in der Villengegend ihrer Stadt, das Olympia für den Hausbesitzer über einen längeren Zeitraum hüten soll.
Doch auch als der Auftrag mit dem Ende des Sommers ausläuft, suchen die beiden Frauen das Haus weiterhin auf, obwohl nun neue Menschen dort ein und ausgehen. Durch das Engagement des Hausbesitzers entwickelt sich sein Haus schon bald zu einer zentralen Anlaufstelle für Aktivist*innen jeglicher Couleur.
Dort machen die beiden die Bekanntschaft mit den Klimaaktivistinnen Ariel und Rena, mit denen die zwei schon bald eine verschworene Bande bilden. Inmitten der Luxusanwesen entsteht allmählich ein Zentrum des Widerstands.
Und auch die jungen Frauen planen den Widerstand, trainieren und schmieden Pläne, in deren Zentrum vor allem die Lobbyistin Dr. Eleonore Brecht rückt (deren Nachname wiederum eine schöne Referenz an Gänslers Geburtsort Augsburg ist).
Jene Eleonore Brecht steht als begüterte Lobbyistin der Fossilwirtschaft für genau jenes Feindbild, das die Aktivist*innen aus der Villa unbedingt bekämpfen wollen. Doch schnell sitzt vor allem Cora zwischen allen Stühlen. Denn während ihre Freundinnen auf einen entschiedenen Angang gegen die Lobbyistin drängen, freundet sich Cora mit Lilian, der Tochter der Eleonore Brechts an und kommt dieser immer näher.
Wem gehört Coras Loyalität?
Wem gehören Coras Loyalitäten? Wo gehört man im Leben hin, in welchen Milieus sucht man Anschluss und welchen Preis ist man bereit zu zahlen, um durch Freundschaft verbunden zu sein? Wann ist ein Kipppunkt in Sachen Radikalisierung erreicht? Orca untersucht neben vielen anderen auch diese Fragen. Anschaulich schildert Gänsler die Suche nach Orientierung im Leben, die Cora durch eine nahtlose Anpassung an das begüterte Milieu ihrer Mitschülerinnen sucht. Während diese Cora als Schülerin „zweiter Klasse“ im Förderprogramm des Eliteinternats betrachten, versucht Cora dem Stigma ihres einfachen Elternhauses und ihrer Klasse zu entkommen, indem sie eine hohe Perfektion in Sachen Produktfälschungen an den Tag legt.
Mit einem genauen Auge für preisgünstige, aber perfekte Fälschungen versucht sie den Makel ihrer relativen Armut zu tilgen und sich mit Kopein von Designergegenständen perfekt an ihr Umfeld anzupassen. Ein Verhaltensmuster, das sich bis zur Freundschaft mit Olympia fortsetzen soll.
Wie weit gibt man sich selbst auf, um dazuzugehören, wie findet man Orientierung? Diese Themen umkreist Gänslers Roman, der auch in seinem Gespür für ethische Dilemmata seine ganze Klasse entfaltet – und dabei dicht am Puls der Zeit ist.
Mit Sinn für Widersprüchlichkeiten
Welcher Widerstand ist erlaubt und wie sieht unser Umgang als Gesellschaft mit Protest aus? Während Menschen bei ihren Klimaprotesten in Form von Straßenblockaden hierzulande mit Wut und Gewalt überschüttet wurden, flogen und fliegen derweil dem CEO-Mörder Luigi Mangione die Herzen zu, dessen Mord an einem Versicherungsvorstand in den USA teilweise als Tat eines modernen Robin Hood gefeiert wurde.
Diese Widersprüchlichkeit greift auch Orca auf, indem Cora aus ihrer heutigen und damaligen Sicht auf die Geschehnisse blickt, die schließlich zu Olympias Verhaftung unter dem Label der CEO-Mörderin führen sollten. Immer wieder hin und herwechselnd zwischen der aktuellen Version Coras hinter der Fleischtheke und der einst Orientierung suchenden Schülerin entfaltet sich ein spannender Konflikt, den Gänsler auf vielen Ebenen durchdekliniert, bis hin zum Blick in Innere einer Aktivistengruppen und den Dynamiken, denen solche Gruppen unterliegen.
Das macht auf Orca eine wirklich spannende, gut erzählte und mit vielen ethischen Dilemmata und Fragestellungen aufgeladene Lektüre, die in ihren Themen der Suche nach Zugehörigkeit und die zunehmende Radikalisierung ebenso relevant wie zeitlos wirkt. Auch eignet sich Gänslers Buch für ältere Klassenstufen ganz hervorragend als ebenso themenreiche wie auch diskussionswürdige Lektüre, die zu keinem Zeitpunkt ihr jugendliches Personal verrät.
Fazit
Wo gehöre ich hin im Leben und wie weit gehe ich, um dazuzugehören? Hochspannend umkreist Franziska Gänsler diese Fragen in Orca und schafft damit ein Buch, das zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht. Mit ihrem dritten Roman erweist sich die Autorin als große Zeitdiagnostikerin und Psychologin, die hier noch einmal einen großen Schritt in Sachen schriftstellerischer Entwicklung gemacht hat. In der noch jungen Karriere der Augsburger Autorin ist dieses Werk zweifelsohne ein Höhepunkt, das das Kunststück schafft, sowohl ganz zeitgeistig als auch zeitlos zu sein.
Ihr Buch ist eine Lektüre, die viele Fragen an ihre Leser*innen stellt, ohne überladen daherzukommen oder in der Charakterisierung ihres jugendlichen Personals fehlzugehen.
- Franziska Gänsler – Orca
- ISBN 978-3-0369-5099-0 (Kein & Aber)
- 364 Seiten. Preis: 25,00 €
