John Horne Burns – Galleria Umberto

Die Wiederentdeckung eines hierzulande so gut wie unbekannten Buchs: John Horne Burns reiht sich mit seinem Werk in die Riege von Joseph Heller und Norman Mailer ein. Sein (Anti)Kriegsroman erzählt von US-Amerikanern und Italienerinnen im Neapel unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs — und dem Ort, der sie alle verbindet: die Galleria Umberto.


Immer wieder kehren die Figuren, die John Horne Burns (1916-1953) nacheinander in sein erzählerisches Scheinwerferlicht rückt, in der Galleria Umberto in Neapel ein. Bei dieser Galerie handelt es sich um einen kathedralenähnlichen Bau im Herzen Neapels, der heute überwiegend als Shoppingcenter fungiert.
Mit einem höchst spektakulären Glasdach versehen zählt der Bau zum UNESCO-Weltkulturerbe und hat in Form dieses Romans aus dem Jahr 1947 auch ein literarisches Denkmal erhalten.

Und so ging ich immer wieder in die Galleria Umberto Primo, die Einkaufspassage im Zentrum der Stadt. Hier konnte man im August 1944 bereits sehen, dass die ganze moderne Welt in Trümmern lag.
Ich fühlte mich in der Galleria auf unbestimmte Weise aufgehoben, beinahe wie im Schoß meiner Mutter. Ich durchmaß das Kreuz, das sie bildete, in beide Richtungen, ich sag mich um, neugierig und staunend. Ich habe zusammengenommen bestimmt neun Monate meines Lebens in dieser Passage verbracht

John Horne Burns – Galleria Umberto, S. 438

Dieser diente, aus gutem Hause stammend, selbst einige Zeit als Soldat zunächst in Nordafrika, ehe er dann nach Neapel abgeordnet wurde. Diese Erfahrungen merkt man Galleria Umberto unmittelbar an. Denn nicht nur, dass dieser Roman eine Vielzahl von plastischen Figuren aufweist, denen Burns in leicht abgewandelter Form bei seinem Militärdienst begegnet sein dürfte, auch die zwischen die einzelnen Kapitel gesetzten sogenannten Spaziergänge dürften stark von seinen Erfahrungen geprägt sein.

Zwischen Casablanca, Algier und Neapel

John Horne Burns - Galleria Umberto (Cover)

So sind hier Casablanca, Algier und Neapel Stationen der Zwischenspiele, die häufig aus der Sicht von Militärpersonal erzählt sind und die den Roman weiter aufladen mit einer Stimmung, die wenig heroisch oder glorifizierend ist, im Gegenteil.

Liest man Galleria Umberto, dann betrachtet man die Seiten des Kriegs und seiner Nachwehen, die in Geschichtsbüchern und in der Militärgeschichte keinen Platz finden. John Horne Burns erzählt in seinem Roman vom Leben an der Bruchlinie zwischen Siegern und Besiegten, bei der die Seiten oftmals fließend sind. So drehen sich seine Porträts um eine Nachclubbesitzerin, die eine Kaschemme dort in der Galleria Umberto betreibt, bei der Schwule ein und ausgehen und in der der Vermouth in Strömen fließt.

Er erzählt von einem jungen Mädchen namens Giulia, die im Offiziersclub für die US-amerikanischen Truppen zu arbeiten beginnt und dort mit einem Hauptmann anbandelt — wobei sich die Machtverhältnisse auf interessante Art und Weise immer verschieben.

Zwischen der einheimischen Bevölkerung und den US-amerikanischen Besatzern wechselt John Horne Burns hin und her, wobei ihm bei seinem Erzählen auch in Sachen Militär eine erstaunliche Breite an Personen und Geschichten gelingt.

So nimmt er zwei Militärgeistliche unterschiedlicher Konfession in den Blick, die auf der Suche nach einem Absacker in einen besonderen Nachtclub geraten. Die Arbeit der Zensur ist ebenfalls Thema, wenn John Horne Burns im Kapitel „Das Blatt“ die Arbeit des Zensors Major Motes und dessen Führungsstil beschreibt, ehe er in der letzten, eindrücklichen Passage von einem einfachen Soldaten namens Moe erzählt, in dessen Geschichte Burns noch einmal all die Elemente von italienisch-amerikanischen Verbindungen, dem dreckigen Gesicht des Kriegs und dem Sehnsuchtsort Galleria Umberto aufgreift.

Kein Platz für Heroismus

Es sind wenig heroische Szenen, die sich im Roman abspielen. Wir werden Zeugen von Kriegsverbrechen, wenn US-Amerikaner kurzerhand einen deutschen Kriegsgefangenen erschießen. Ein großes Kapitel widmet sich auch der massenhaften Behandlung von Syphiliserkrankungen, der sich dutzende Soldaten auf einer eigenen Station unterziehen müssen. Hier ist wenig Raum für Heroismus oder große Kriegsmomente. Es dominiert der Realismus und ein feines Sensorium für die Zwischentöne von Gut und Böse.

Das macht aus dem Buch einen Kriegsroman, indem er dessen Ablauf aus dem Innersten von Militär und Zivilbevölkerung im Kulminationspunkt Neapel heraus erzählt. Zugleich ist dieses Buch aber auch ein starker Antikriegsroman, indem er die Sinnlosigkeit des Mordens und die dünne Trennlinie zwischen den Fronten besieht und damit auch in der Tradition eines Catch 22 von Joseph Heller oder Remarques Im Westen nichts Neues steht, worauf der Übersetzer Gregor Hens in seinem Nachwort zu Galleria Umberto völlig zurecht hinweist.

Generell muss das Wirken von Übersetzer Gregor Hens im Zusammenhang mit diesem Buch besonders gewürdigt werden. Es ist kein kleiner Verdienst, dass er dieses Buch in einer Zeit aus der Vergessenheit holt, in sich die öffentliche Wahrnehmung zusehends auf die Förderung nach mehr Aufrüstung und einer Stärkung des Militärs verengt.

Seine facettenreichen Neuübersetzung macht die unterschiedlichen Ebenen des Romans erfahrbar und zeigt, welches Verlustgeschäft Krieg für alle Seiten ist. Zudem steuert er auch gleich noch ein Nachwort zu Werk und Wirken dieses unglücklichen Schriftstellers bei, dessen Debüt viel Lob erhielt, unter anderem von Ernest Hemingway und dessen Ex-Frau Martha Gellhorn, die konstatierte, John Horne Burns schreibe „wie ein Engel“.

Besonders interessant ist auch der Aspekt zur deutschen Geschichte von Galleria Umberto, das zwar schon 1951 in deutscher Übersetzung erschien, dass aber ebenso in Vergessenheit geriet wie ihr damaliger Übersetzer Günther Birkenfeld.

Fazit

Diese hochinformativen Anmerkungen zum Wirken und Schreiben des heute vergessenen John Horne Burns runden die Wiederentdeckung von Galleria Umberto vollends ab. So stellt diese Neuausgabe des Werks dem Kanon an Antikriegsromanen einen weiteren wichtigen Beitrag zur Seite, der durch den frischen Zugang, der hier geschaffen wurde, hoffentlich viele Lesende erreicht!


  • John Horne Burns – Galleria Umberto
  • Aus dem Englischen von Gregor Hens
  • ISBN 978-3-8477-0493-5 (Die Andere Bibliothek)
  • 492 Seiten. Preis: 48,00 €
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