Er ist wieder da
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Der Fledermausmann
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Kakerlaken
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Rotkehlchen
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Die Fährte
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Das fünfte Zeichen
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Der Erlöser
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Der Schneemann
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Der Leopard
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Die Larve
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Koma
Subjektive Buchkritik seit 2013
Zugegeben – vor diesem phantastischen Roman war mir der Begriff Marisha Pessl noch nicht untergekommen. Nach der Lektüre dieses Romans hat sich der Name der jungen Autorin aber nachhaltig in mein Gedächtnis eingeprägt.
Mit Die amerikanische Nacht ist ihr ein vielschichtiger, spannender und unheimlicher Roman gelungen, der den Leser erst nach über 780 Seiten freigibt und ihn stellenweise an seinem eigenen Verstand zweifeln lässt. Geschickt vermengt die Autorin fiktionale Dokumente, die sie in den Text einbaut, mit einer Handlung, die sich liest, als hätten sich Hitchcock, Luis Bunuel, Jorge Luis Borges und E.T.A. Hoffmann zusammengetan, um Pessls Ich-Erzähler, den Reporter Scott McGrath, in den Wahnsinn zu treiben.
Dieser war einst ein gefeierter Reporter mit einem legendären Gespür, ehe er über einen Bericht über den legendären Filmemacher Stanislas Cordova stolperte und nach einem Prozess seine Reputation verlor. Offenbar wurde er damals auf eine falsche Fährte gelockt, damit er nicht weiter im Umfeld des geheimnisumwitterten Starregisseurs schnüffeln konnte.
Doch als Cordovas junge Tochter Ashley tot im Aufzugsschacht eines verlassenen Gebäudes gefunden wird, erwacht der Spürsinn des Reporters erneut. Diesmal will er sich nicht von seinen Nachforschungen über Ashley und ihren berühmten Vater abbringen lassen und beginnt den Spuren des Cordova-Clans nachzuspüren. Doch McGraths Suche wird zu einem Trip, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen und an deren Ende nicht nur McGrath an seinem Verstand zweifeln wird.
Selten hat mich in letzter Zeit ein Buch so in seinen Bann gezogen und förmlich in die Geschichte hineinstürzen lassen. Wer einen simplen Krimi erwartet, in dem der Tod der jungen Tochter Cordovas aufgeklärt wird, sieht sich schon bald heillos überfordert. Blogeinträge, erfundene Filme, diverse Metaebenen und noch viel mehr mixt Marisha Pessl zu einem Cocktail in den düstersten Farben. Wie der Titel des Originals Night Films bereits suggeriert, widmet sich der Roman mit Vorliebe dem düsteren Schaffen des legendären (und sehr überzeugend erfundenen) Stanislas Cordova und schafft es, ein wild wucherndes Referenzgeflecht zu kreieren, in dem man sich heillos verfangen kann. Was stimmt nun, was ist Einbildung?
Für mich liegt genau darin die große Stärke des Romans, da man am Ende nicht definitiv sagen kann, was nun erträumt und was real gewesen ist. Pessl zieht den Leser in einen Strudel des Ungewissen, der zumindest mich auch noch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigte.
Auf jeden Fall eines der stärksten, faszinierendsten und dunkelsten Bücher dieses Jahres – wenn nicht das Beste 2013!
Mit „Abbey Road Murder Song“ macht William Shaw eigentlich alles richtig: Der Roman atmet den Esprit des Jahres 68 und ist zudem einfach ein richtig guter Krimi.
Honig (im Englischen Original als Sweet Tooth erschienen, übersetzt von Werner Schmitz) ist der neue Roman des gefeierten englischen Romanciers Ian McEwan, der mit Abbitte einen modernen Klassiker vorgelegt hat. Honig schafft es leider nicht, die Qualität von Abbitte zu erreichen, bietet aber genauso gute Unterhaltung und geschliffene Sprache.
Nachdem er in Solar einen Unsympathen in das Zentrum seiner Erzählung stellte, lässt McEwan nun in Honig wieder eine Frau die Hauptrolle spielen. Serena Frome heißt seine neue Heldin, 22 Jahre jung und Agentin im Dienste des MI5. Man muss die junge Frau nicht zur Gänze sympathisch finden oder mit ihr mitfühlen – denn dazu ist McEwan zu schlau.
Er lässt den Leser Position beziehen, während er die Erzählung durch Serenas Augen schildert. Er berichtet von ihrer Karriere im Geheimdienst, der im Gegensatz zu Film und Fernsehen deutlich weniger glamourös verläuft. Als passionierte Leserin wird sie für eine höchst subtile Mission angeworben und findet sich schon bald in jede Menge amouröse Fallstricke verstrickt.
Man betrachtet Serena, während sie von einem unbedarften Mädchen zu einer kühl kalkulierenden Frau reift und bekommt darüber hinaus noch einen Einblick in die Welt der 70er Jahre. Ian McEwan reichert seinen Honig mit einigen kürzeren Erzählungen seiner Akteure an, die ins Buch hineingeschnitten werden und vermengt das Ganze so zu einer Geschichte, die viel Raum für Interpretationen und Auslegungen lässt.
Die Klasse und kompositorische Finesse von Abbitte hat dieses Buch zu keinem Zeitpunkt, dennoch ein toller literarischer Roman im besten Sinne für den Herbst!
Die daraus resultierende Frage, ob die Autorin bei ihrem Output auch die Qualität ihres schriftstellerischen Schaffens sichern kann, ist deshalb auch nur eine rhetorische. Mit Figuren, platt wie Abziehbilder (auch Klischees werden gerne und häufig bedient), hölzernen Dialogen und einen Serienkillerkonzept, das brav dem Schema F folgt, ist es ihr nachhaltig gelungen, mir die Freude an diesem Buch zu vergällen. Die Grundidee, die „Schwesterlein komm stirb mit mir“ zugrunde liegt, finde ich gelinde gesagt auch etwas an den Haaren herbeigezogen und war nicht gerade dazu angetan, mich von diesem Machwerk zu überzeugen.
Natürlich ist der Serienkiller dreimal so schlau wie die Polizei, natürlich muss ein attraktiver Polizist und eine Psychologin ermitteln (die sich dazu auch noch in ihrer Einführung über die popkulturelle Inszenierung von Serienkillern echauffiert) und natürlich hat der Roman einen absurd hohen Body Count.
All diese Dinge – die ich in letzter Zeit einfach in zu vielen (deutschen) Thrillern gelesen habe, sorgten bei mir einfach für ein Übersättigungsgefühl und die unglaubwürdige Handlung tat ihr Übriges dazu.
Das gute alte „Weniger ist mehr“ sei deshalb an dieser Stelle auch Karen Sander bzw. Sabine Klewe angeraten, die meinetwegen gerne auf den ein oder anderen Titel verzichten dürfte, solange ihre Bücher etwas liebevoller und durchdachter gestaltet sind. Ich bräuchte so schnell nicht wieder ein Buch von Ihnen, Frau Klewe – nutzen Sie die Zeit und produzieren einen durchdachten Krimi – gerne auch mal ohne Serienkiller …