Fernando S. Llobera – Der Profi

Spannung, wo bleibst du?

Ein eiskalter italienischer Killer, angeheuert von der russischen Mafia, im Einsatz im spanischen Madrid – da hat jemand das Prinzip des globalen Verbrechens verstanden!
In Fernando S. Lloberas Buch wird Lucca Corsini, der einzige Profi unter den Mafia-Stümpern, nach Madrid entsendet um dort zu ermitteln. Binnen weniger Tagen wurden drei hohe vory, also russische Mafiosi, zielgerichtet ermordet. Keine Spuren weisen zum Täter und so muss sich Luca aufmachen, den Hintermännern ein für alle Mal das Handwerk zu legen. Dies möchte aber auch seine Gegenspielerin Cruz, eine Hilfskommissarin, die von Mallorca nach Madrid entsendet wird, um ebenfalls Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei bleibt es natürlich nicht aus, dass sich die Wege von Lucca und Cruz kreuzen.

Mafia, Morde und ein abgebrühter Killer – die Zutaten für einen spannenden Roman sind alle vorhanden. Nur leider verkocht Llobera das ganze zu einem ziemlich faden Süppchen. Zwar ist durch die zynische Figur des Lucca Corsini noch eine ganze Menge Humor gegeben, doch die Spannung findet sich nur in homöopathischen Dosen. Man merkt dem ganzen Buch den beruflichen Hintergrund des Autoren deutlich an, wer mit Finanzthemen, Geldwäsche, Consulting und Co. nichts anzufangen weiß, für den sollte das Buch nicht unbedingt erste Wahl sein.
Leider wird das Lesevergnügen auch in meinen Augen durch die im Übermaß vorhandenen Klischees noch weiter geschmälter: Trottelige Nerds aus der Buchhaltung, heiße Frauen aus dem Sekretariat, Hacker mit dicken Brillen, der Mafiosi verliebt sich in die Ermittlerin, und so weiter und so fort.

Das macht im Ganzen leider ein mäßig spannendes Buch, das keine Angst vor Klischees hat und so nicht über Mittelmaß hinauskommt.

Michael Manning – Das Erwachen: Dunkle Götter 1

Durchschnittliche Phantasy

Angesiedelt in einer fiktiven Welt, die stark am Mittelalter orientiert ist erzählt Michael G. Manning vom jungen Schmied Mordecai, genannt Mort, der adoptiert wurde und dessen Herkunft nebulös ist. An der Burg des Herzogs erlebt er Abenteuer und macht die Erfahrung, dass in ihm magische Kräfte ruhen müssen.
Wie der Titel ja schon andeutet, ist „Das Erwachen“ nur der erste Teil dieser mehrbändigen Reihe, die ursprünglich als E-Book veröffentlicht wurde und dann als Printprodukt auch bei uns erschien. Und wie das so bei E-Books manchmal ist, leidet hier auch die literarische Qualität ein bisschen zugunsten der Oberflächlichkeit. Die Charaktere sind ohne jegliche Tiefe und die Rollen zwischen Gut und Böse sind klar verteilt. Mit einfacher Sprache erzählt Manning seine Geschichte und vermeidet dabei das Kratzen an der Oberfläche – die Geschichte kommt sehr vorhersehbar daher.

Die Twists und Überraschungen, die Manning in seinen Roman einbaut, vermögen den erfahrenen Leser nicht so richtig zu überraschen – dazu ist das Buch wirklich zu vorhersehbar angelegt. Wenn man aber keine großen Ansprüche an seine Lektüre stellt, dürfte „Dunkle Götter – Das Erwachen“ ein netter Zeitvertreib sein.
In großer Schrift gesetzt und mit großzügiger Kapiteleinteilung versehen ist das knapp 350 Seiten starke Buch ein Fantasyroman, der sich nicht vor Klischees scheut und den Leser nicht überfordert.

Ob ich mir den zweiten Band zu Gemüte führe, ist mehr als fraglich.

Louis Bayard – Algebra der Nacht

Gelungener Spagat

Mit „Algebra der Nacht“ gelingt Louis Bayard der Spagat zwischen amerikanischem Akademikerroman und historischem Roman aus dem Alten England, zwischen Schatzsuche und englischer Dichtung und zwischen Info und Spannung.
Angesiedelt in Washington im Jahr 2009 erzählt Bayard von Henry Cavendish, der nach dem Tod seines besten Freundes Alonzo Wax, der sich als bibliophilen Sammler englischer Literatur des 17. Jahrhunderts verdingt hat, über einen rätselhaften Brief stolpert. Dieser führt ihn zur legendären „Schule der Nacht“, die um 1600 zusammengetreten sein soll und zu deren Mitgliedern angeblich Größen wie Thomas Ralegh, Shakespeare, Christopher Marlowe und Thomas Harriot zählten.
Letzterer scheint nicht nur einer der ersten Forscher in der neuen Welt gewesen zu sein – vielmehr scheint er auch einen großen Schatz irgendwo in England hinterlassen zu haben. Diese Informationen stacheln natürlich den Ehrgeiz von Cavendish an und so entspinnt sich eine Schnitzeljagd zwischen Amerika und England und zwischen Gegenwart und Vergangenheit.
Mit Henry Cavendish und dem verstorbenen Freund Alonzo Wax stellt der amerikanische Autor dem Leser zwei hochinteressante Figuren vor, die in ihrer akademischen Unbeholfenheit überaus komisch sind. Gerade der verstorbenen Alonzo Wax, der in Rückblenden vorgestellt wird, ist ein Charakter, für dessen Darstellung Johnny Depp geradezu prädestiniert wäre.
Der Verdienst von Louis Bayard ist es, dass er in „Algebra der Nacht“ nicht nur eine spannende Geschichte erzählt, sondern dass man nach der Lektüre des Buches das Gefühl hat, einiges gelernt zu haben. So erfährt man nicht nur, dass Thomas Harriot, der Charakter, der den Mittelpunkt der Erzählung ausmacht, unter anderem für die Algebrazeichen < und > verantwortlich ist, sondern erhält auch Einblick in die damalige Lebenswelt des Englands um 1600.
Es ist Bayard hoch anzurechnen, dass das Buch nicht zu einem trockenen Sachbuch mit Krimi-Tünche wird, sondern dass Info und Schnitzeljagd gut austariert sind. Das Buch ist unterhaltsam und spannend im besten Sinne.
Wer an „Algebra der Nacht“ sein Freude hatte, dürfte auch mit „Das Geheimnis des schwarzen Turms“ des Autoren gut beraten sein. Dort steht allerdings nicht das England um 1600 sondern Paris im Jahr 1818 im Mittelpunkt.

Horst Eckert – Schwarzlicht

Im Herzen der Macht

Der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens liegt tot in seinem Swimmingpool – war es Mord oder ein Unfall? Vor seinem Verschwinden hatte er noch in einem Spähskandal eine Ehrenwort-Erklärung abzugeben – und die Wahl in NRW kurz bevor …
Das Setting kommt Ihnen merkwürdig bekannt vor? Das darf es auch, schließlich spielt Horst Eckert -einer der wohl besten deutschen Krimiautoren – gekonnt mit Chiffren und Anspielungen und verhüllt auch die Vorbilder zu seinem fiktiven Ministerpräsidenten Castorp nicht. Von Uwe Barschel bis Christian Wulff sind einige wichtige Politiker in die Figur des Ermordeten eingeflossen und geben dem Roman „Schwarzlicht“ eine besondere Brisanz.

Die Qualität von Horst Eckerts Roman ist es nun, sich nicht auf der bloßen Beschreibung des Wulff/Barschel/Öttinger/etc.-Ministerpräsidenten auszuruhen, sondern diese Figur in einen großen Krimi einzubetten, der weit mehr als eine schiere Ermittlung im Falle des toten Ministerpräsidenten ist. Bauspekulation und Korruption sind genauso Themen wie die Identitätsfindung des ermittelnden Kommissars Vincent Veihs.
Dieser Vincent Veih ist das Gegenstück zu all den anderen blassen Kommissaren, Ermittlern, Gerichtsmedizinern und Privatdetektiven, die allzu oft die Kriminalprosa bevölkern. Der junge Kommissar wirkt alles andere als antistatisch und am Reißbrett gezeichnet – viel zu interessant ist seine Biographie: Großvater Nazi, Mutter RAF-Terroristin und der Sohn? Dieser spannende Konflikt gibt „Schwarzlicht“ eine zusätzliche interessante Note, der unweigerlich zu dem Wunsch führt, mehr von Vincent und seiner Entwicklung zu erfahren.

Die anderen Protagonisten kennen Eckert-Leser schon aus den anderen Büchern des Düsseldorfers und wie stets hat man das Gefühl, bei der Lektüre dem Leben eines eigenen Organismus beizuwohnen. Es wird intrigiert, vertuscht und um Posten geschachtert, dass es nicht mehr feierlich ist. Und gerade dieses Gefühl des In-Der-Realität-geerdet-Seins gibt dem Roman seine unvergleichliche Authenzität und hebt „Schwarzlicht“ aus dem Sumpf des platten und konstruierten Mainstream-Einheitsbreis heraus.

Dieses Buch zählt zu den besten (nicht nur deutschsprachigen) Kriminalromanen dieses Jahres und ist so viel besser als das, was ansonsten in Regalmeter die Regale des Spannungssegments in Bibliotheken und Buchhandlungen verstopft. Für mich der beste Beweis, dass Deutschland durchaus zur Produktion anständiger Spannungsliteratur mit Köpfchen in der Lage ist!

Liz Jensen – Die da kommen

Kein Kinderspiel

Wenn Kinder zu Mördern werden – diesen Gedanken spielt Liz Jensen in ihrem zweiten auf deutsch bei dtv-premium erschienenen Roman „Die da kommen“ auf beängstigende Art und Weise durch.
Irgendwo zwischen Dystopie, Krimi und Phantasy angesiedelt erzählt die Engländerin von Hesketh, einem Mann, der ebenso ungewöhnlich wie sein Vorname ist.
Als Anthropologe mit Asperger-Syndrom reist er im Auftrag seiner Firma eine Serie von scheinbar widersprüchlichen Sabotageakten aufdecken. Mehrere Menschen haben offenbar ohne Grund ihre Arbeitgeber an den Rande des Ruins gebracht und anschließend versucht, sich selbst umzubringen.
Und wie der manische Hesketh schon bald herausfindet, sind diese Taten nur der Auftakt zu einer Pandemie unter Kindern, die sich gegen ihre Eltern wenden und diese umbringen.

Wie das Cover schon suggeriert, wird hier nicht mit Details gegeizt. Jensen beschreibt die Taten der Kinder auf erschreckende Art und Weise, wobei nicht die Taten sondern der Grundgedanke hinter diesem Verhalten schockierend sind.
Sie zeigt, wie ohnmächtig wir eigentlich einer solchen Katastrophe gegenüberstehen und wie wenig wir reagieren könnten. Das macht „Die da kommen“ zu einer ungewöhnlichen Dystopie, die sich eher auf Beschreibung denn auf Spannung konzentriert.

Das Buch ist deshalb auch in meinen Augen weniger als Krimi oder als Thriller zu lesen, vielmehr ist es eine packende Vision einer Welt, in der die Kinder in einer eigenen Welt leben und sich gegen die Erwachsenen erheben. Eine Roman, der nicht mit Antworten aufwartet, sondern dem Leser selbst die Bewertung und Einordnung überlässt.