Claus Cornelius Fischer: Nukleus
Selbstmordanschlag in Berlin
Auch in seinem zweiten Ella-Bach-Thriller packt Fischer sein ganzes Können in die Eröffnungssequenzen, die en Détail einen Selbstmordanschlag auf die Berliner U-Bahn und die anschließende Rettungsaktionen beschreiben. Doch nach dem hochtourigen Auftakt verflacht die 527 Seiten starke Erzählung zunehmend. Der Autor vermengt die Auswirkungen des Anschlags, Ella Bachs Privatleben und das Verschwinden von Ellas bester Freundin Annika zu einem mäandernden Erzählstrom, der nicht immer weiß, wo er hinwill. Dies ist der Spannung nicht unbedingt zuträglich, doch ohne hier allzuviel verraten zu wollen, kann ich feststellen, dass das letzte Drittel des Buchs wieder einiges herausreißt. Als mir klar wurde, wie der Hase läuft, konnte ich das Buch nicht mehr zur Seite und musste die Lektüre beenden, ehe ich schlafen gehen konnte.
Das filmreife Ende entschädigt auch für die phasenweise auftretenden Längen in „Nukleus“ und zeigt, was für ein talentierter Autor in Claus Cornelius Fischer steckt.
Natürlich ist es müßig, darüber zu debattieren, warum gerade eine Notärztin nun bereits zum zweiten Mal in eine globale Verschwörung stolpern und diese so gut wie alleine aufklären sollte. Wer sich an den zahlreichen Unwahrscheinlichkeiten nicht stört, die Fischer in seinem neuen Roman auffährt, wird mit einer ebenso spannenden wie aktuellen Lektüre belohnt.
Die Grundidee, die hinter „Nukleus“ steckt, dürfte jeden Leser, der das Internet und damit auch Google, Facebook und Konsorten häufiger nutzt, zum Nachdenken bringen. Zwar glaube ich noch immer an das Gute im Menschen, doch der Thriller liefert einige Denkimpulse und stark geschriebene Exkurse über das Internet und seine Konsequenzen.
Insgesamt ein lesenswerter und kluger Thriller, der im Gegensatz zu der üblichen Krimi-Dutzendware auch mit einigen Reflektionen und Denkanstößen aufwarten kann. Wer ein wenig aussagekräftiges Cover und kleine Durchhänger in der Mitte des Buches verkraften kann, bekommt mit „Nukleus“ die ganze Dosis: Außergewöhnliche Infos, jede Menge medizinisches Fachwissen und nicht zuletzt ganz viel Spannung – Empfehlung!
Rose Tremain: Adieu, Sir Merivel
Überzeugend bis zur letzten Seite
Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer
Panta Rhei
Karen Engelmann: Das Stockholm-Oktavo
Nur was für Fächerfans
Für ihren Debütroman hat sich Karen Engelmann eine Epoche und ein Sujet ausgesucht, das für eine amerikanische Autorin eher ungewöhnlich ist: Das Stockholm Oktavo spielt in ebenjenem besagten Stockholm Ende des 18. Jahrhunderts und hat die Monarchie unter Gustav III. von Schweden zum Thema. Die Begeisterung für dieses Thema erklärt sich bei Karen Engelmann dadurch, dass sie selbst acht Jahre in Malmö lebte. Nun möchte sie mit ihrem Roman den Leser oder die Leserin (letztere dürfte eher die Zielgruppe sein) in Welt des höfischen Adels am Königshof Gustavs von Schweden entführen. Das Problem an dem Stockholm Oktavo ist die Tatsache, dass sich Karen Engelmann so rein gar nicht für die Handlung ihres Romans interessiert.

Über Seiten werden Beschreibungen von Spielkarten, Fächern oder ähnlichen Requisiten des Romans ausgewälzt – und darunter geht die Spannung des Buchs für mich deutlich zugrunde. Ich ertappte mich während der Lektüre an zahlreichen Stellen, bei denen ich zwar gelesen hatte, das geschriebene Wort aber sofort während des Lesens auf der selben Seite schon wieder vergaß. Dieses vorbeiziehende Lesen ist bei mir immer ein Hinweis, dass mich das Buch nicht richtig packen konnte. Und bei dem Stockholm Oktavo war das leider Dauerzustand. Zwar erhält man Einblick in die höfische Welt und die damaligen Sitten, doch spannend ist das Ganze leider nicht. Mich interessieren Fächer und deren Verwendung, Komplotte um die Entourage eines Königs oder Duelle von Frauen nur dann, wenn sie packend geschrieben sind – und beim Stockholm Oktavo ist das leider nicht der Fall!
Wer auf Kostümfilme in Buchform steht und außerdem ein Faible für Kartenspiele, Fächer oder höfische Intrige hat, dem dürfte Das Stockholm Okatvo gefallen. Ansonsten überwog bei mir das Gefühl, dass Karen Engelmann lieber detailliert Szenen oder Charaktere beschreibt, als sich auf die Handlung zu konzentrieren. Das macht das Buch zäh und stellenweise wirklich redundant.
Es gibt deutlich bessere historische Romane!



