Tad Williams – Die dunklen Gassen des Himmels

Von Engeln und Dämonen

Man muss nicht der größte Fan des Fantasy-Genres sein, um an „Die dunklen Gasse des Himmels“ seinen Gefallen zu finden. Das Buch hat alles, was eine mitreißende Lektüre braucht: Liebe, sinistre Verschwörungen, Action und jede Menge Humor.
Seinen großen Reiz zieht das Buch vor allem aus seiner Grundidee: Alles, was die Religionslehre des Christentums besagt, stimmt: Es gibt die Hölle und es gibt den Himmel. Bei unserem Ableben müssen wir uns vor vor einem himmlischen Richter verantworten und es wird abgewogen, ob man in den Himmel oder Hölle oder doch eher ins Fegefeuer muss.
Die Anwälte des Himmels sind dabei Engel wie etwas Bobby Dollar, der eigentlich auf den Namen Doloriel hört und ein für einen Engel ziemlich atypisches Leben führt. Abhängen in Bars, permanentes Herumblödeln und eine eher widerwillige Arbeitsmoral kennzeichnen sein tägliches Leben.
Das bei seinem Beruf auch eine gehörige Dosis Action auf der Tagesordnung steht, ist vor allem seinem Temperament und seiner großen Klappe geschuldet. So erleben wir Bobby Dollar gleich zu Beginn des Romans, wie er sich in bester Bruce-Willis-Manier durch einen Bürokomplex ballert und kämpft.
Das mag auf dem Papier alles nach einem kruden Amalgam aus Action-Versätzen gepaart mit Dantes „Divina Commedia“ klingen, doch „Die dunklen Gassen des Himmels“ ist ein rundes und überzeugendes Gesamtkunstwerk, das den Auftakt zu einer Trilogie um Bobby Dollar darstellt. Die Geschichte des ersten Bandes präsentiert sich allerdings abgeschlossen und verknüpft alle losen Fäden miteinander.
Das Buch ist – auch dank der gelungenen Übertragung ins Deutsche durch Cornelia Holfelder-von der Tann- ein einziger Lesegenuss, der weder mit Pointen noch mit Action geizt und dabei auch die Grundidee von Himmel und Hölle schlüssig erklärt. Nach und nach wird man von Bobby Dollar, dem Ich-Erzähler, in die Geheimnisse des Himmels und der Hölle und die Besonderheiten der verschiedenen Engel und Dämonen eingeführt.
„Die dunklen Gassen des Himmels“ ist beste Fantasy-Lektüre auch für diejenigen Leser, die normalerweise diesem Genre nicht allzuviel abgewinnen können. Ein großartiger Lesespaß, der auf eine möglichst kurze Wartedauer für Bobby Dollar 2 hoffen lässt.          

Tuomas Kyrö – Bettler und Hase

Von Kaninchen und Bettlern

„Ihr haltet mich für jemand anderen. Für jemand Wichtigen. Das bin ich nicht. Ich bin Vatanescu, aus Rumänien.“ (S. 222)

Mit „Bettler und Hase“ legt Tuomas Kyrö einen etwas anderen Entwicklungsroman vor. Mit zahlreichen euphorischen Zitaten auf dem Schutzumschlag versehen kommt die Geschichte vom Bettler Vatanescu und seinem Kaninchen daher. Aber um es gleich vorneweg zu sagen – ob „Bettler und Hase“ den „Lachnerv der ganzen Nation“ trifft sei einmal dahingestellt.
Inhaltlich geht es um den mittellosen Bettler Vatanescu, der von Rumänien aus kommend eigentlich in Finnland das Ziel verfolgt, das Geld für Stollenschuhe für seinen Sohn zu bekommen. Zahlreiche neue Verwicklungen durchkreuzen diesen Plan aber immer wieder und sorgen für einige humorvolle Szenen.
Auf seiner Odysee begegnen Vatanescu unter anderem ein Kaninchen, das er adoptiert, ein dickes finnisches Ehepaar mit Häuschen in der Einöde und ein chinesischer Koch, dessen Speisen so gut sind, dass selbst xenophobe Finnen kurzerhand ihre Gesinnung ändern, sobald sie dessen Essen gekostet haben.
In seiner Satire versucht Kyrö vieles – er will Sozialkritik mit einem modernen Märchen verschmelzen, seinen Landsleute den Spiegel vorhalten und darüber hinaus noch eine Parabel erzählen. All diese Zutaten funktionieren nur bedingt, denn oftmals wirkt die Sozialkritik aus Sicht des Bettlers Vatanescu zu bemüht um sich wirklich in den Fluss des Buches einzupassen. Gerade zum Ende hin verlässt Kyrö den bisherigen Pfad, auf dem er wandelte hin zu einem ziemlich überzogenen Ende, was nicht unbedingt jedermanns Geschmack sein dürfte.
So ist „Bettler und Hase“ ein originelles Büchlein mit gerade einmal 316 Seiten – ob es wirklich so schreiend komisch ist sei einmal dahingestellt – das eine Sozialkritik und Märchen ist. Der Roman beschert dem Leser einige nette Stunden, wenn man sich auf die eigenwillige Geschichte einlässt – als hätte Tim Burton mit Aki Kaurismäki gemeinsame Sache gemacht.          

Monika Held – Der Schrecken verliert sich vor Ort

An die Nachgeborenen

Es ist wahrlich keine leichte Kost – und von unterhaltender Literatur möchte ich fast auch nicht sprechen – die uns Monika Held in „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ präsentiert. Unbarmherzig legt sie ihren Finger in die kollektive Wunde des zweiten Weltkriegs und vermittelt einen erschreckenden Eindruck eines Systems, das wir heute schon wieder teilweise verdrängt haben.

Angesiedelt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt Monika Held von dem eigenwilligen Paar Lena und Heiner. Sie eine quirlige, lebenslustige junge Übersetzerin und er ein ehemaliger Auschwitz-Insasse, die sich bei einem Prozess zu den Kriegsverbrechen von Auschwitz kennenlernten.

In der Folge erzählt die Autorin von den Gräuel, die Heiner und seine Freunde im Vernichtungslager erleiden mussten und wie sie es dennoch geschafft haben, aus diesem Wahnsinn zu entkommen. Zusammen mit Heiner besucht Lena Freunde der Solidarnosc-Bewegung, die in Auschwitz für ihr Leben gezeichnet wurden und erfährt, was ein Mensch alles ertragen kann.

Es ist keine leichte Lektüre und ich bezweifle, ob sich viele Leser dieses Buch freiwillig antun werden – wer will schon noch einmal mit den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und dem unermesslichen Leid konfrontiert werden? Dennoch ringt Held diesem bitteren Thema einen Roman ab, der trotz seiner ganzen Bitternis und Düsterkeit immer noch Funken der Hoffnung ins Dunkel schlägt.  

Der Schrecken verliert sich vor Ort ist gerade ob seines Inhalts fesselnd und spannend – wenngleich es keine Spannung ist, die man sich in seinem eigenen Leben jemals wünscht. Eine Lektüre an die Nachgeborenen, auf dass die Verbrechen der Vergangenheit niemals vergessen und erst recht nie wiederholt werden!          

Don Winslow – Manhattan

Senatoren und Suizid

Mit Manhattan veröffentlicht der Suhrkamp-Verlag erneut den aus dem Jahre 1996 stammenden Roman „Isle of Joy“ von Don Winslow. Wer nun aber einen schnell geschnittenen, hochtourigen Thriller im Stile der späteren Bücher Winslows erwartet, dersollte sich schnell getäuscht sehen.

Die Handlung von Manhattan dreht sich um Walter Whiters, einen vielschichtigen Angestellten – früher bei der CIA, nun bei der Firma Forbes and Forbes – und dauert genau eine Woche, nämlich vom 24. bis zum 31.12.1958. Walter verdient seine Brötchen eigentlich mit der Personenüberprüfung wird dann aber von seinem Chef mit einer delikaten Angelegenheit betraut. Er soll für einen ranghohen Senator als Sicherheitsmann aushelfen und wird prompt in eine gefährliche Lage manövriert. Sein Name taucht im Zuge des Selbstmordes eines Starlets auf und nun muss er all seine Talente aufbieten, um seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen.

Wer die letzten Bücher Winslows schätzte (Boone-Daniels-Reihe, Tage der Toten, Kings of Cool, etc.), dürfte sich bei Manhattan erst einmal verwundert die Augen reiben, wenn man keinen Blick ins Impressum geworfen hat. Sprachverknappnung, grimmiger Humor und detailliert beschriebene Action lassen sich in diesem Frühwerk Winslows nur in Ansätzen finden. Der Roman ist vielmehr eine klassische Spionage-Erzählung, die ihren Reiz aus der Verschwörung zieht, in deren Fäden sich Walter Withers verfängt.

Würde sich Winslow alleine auf seine Verschwörung als Grundgerüst der Erzählung verlassen, wäre Manhattan nicht viel mehr als solider Durchschnitt, denn durch sonderliche Innovationen weiß das Buch nicht zu überzeugen. Besonders ist die Erzählung dann aber durch ihre Referenzen zum New York der 1958, das Winslow hervorragend zu gestalten weiß. Manhattan ist mit Zeitgeschichte und Lokalkolorit nur so durchsättigt. Fast unverschleiert lässt er den Kennedy-Clan auftreten und verwickelt den aufstrebenden Senatoren in eine Liebesaffäre mit Marilyn Monroe, die auch kaum getarnt wird. HUAC, Mobster, Jazz, Hoover und Filmstars bilden eine interessante Melange, in der man das ein oder andere Mal den Überblick verlieren könnte – am Ende aber dennoch wieder bei Walter Withers ist, der sich in einem spektakulären Showdown eben durch Manhattan kämpft und sein Überleben sichern will.

Manhattan ist nicht das beste Buch Winslows, die späteren Werke sind da deutlich knapper und stringenter. Dennoch stellt das Buch einen interessanten Einblick in eine vergangene Epoche dar und man meint förmlich das swingende New York Sinatras vor sich zu sehen, wenn Walter Withers durch Manhattan streift.

Chris Cleave – Gold

Silbermedaille

„Gold: Always believe in your soul – You’ve got the power to know – You’re indestructible – Always believe in, because you are Gold“

Für wen könnte dieses Motto des Songs von Spandau Ballett besser gelten als für die Konkurrentinnen und Freundinnen Kate und Zoe, die beide Olympionikinnen sind und für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London kämpfen?
Die beiden Frauen könnten gegensätzlicher nicht sein und stehen für den zentralen Konflikt, der „Gold“ prägt. Kate, fürsorgliche Mutter, muss sich um ihre an Leukämie erkrankte Tochter Sophie kümmern, während sich Zoe durch ihre promiskuitive Art auch zahllose Probleme einhandelt.
Von Figur zu Figur springend erzählt Chris Cleave von all den Problemen, die die beiden Olympionikinnen, Sophie, Kates Mann und den Trainer der beiden umtreiben und mit welchen Hindernissen der Weg nach London 2012 gepflastert ist.
Das schriftstellerische Talent Chris Cleaves ist unbestritten, gelungen vermittelt er die Ängste und Sorgen der beiden Protagonistinnen, haucht ihnen Leben ein und lässt den Leser durch die Buchseiten spüren, wie unbarmherzig der Radsport sein kann. Auch wenn das Thema des Bahnradfahrens wohl kaum einen Leser vor der Lektüre vom Hocker gehauen haben dürfte, ist die Darstellung dieses Themas superb und hochinteressant.
Leider krankt das Buch in meinen Augen an einem neuralgischen Punkt: Der Kernkonflikt, der hinter „Gold“ steht, wird zur Mitte des Buches hin aufgelöst und ist für mich so absurd wie menschlich nicht nachvollziehbar. Da alle folgenden Geschehnisse auf diesem Ereignis basieren, war für mich die Glaubwürdigkeit des Buches leider dahingehend beschädigt. Ohne hier etwas davon zu verraten zu wollen muss ich sagen, dass das Verhältnis der beiden Sportlerinnen in meinen Augen so nicht mehr Bestand haben könnte.
Von diesem Makel abgesehen ist „Gold“ eine tolle und gefühlvolle Lektüre, die die Schattenseiten des Sports genauso wie das schwierige Familienleben mit einem kranken Kind beleuchtet und sensibilisiert. Dennoch genügt das Buch in meinen Augen nicht für die Goldmedaille, Silber ist es dennoch auf jeden Fall!