Auch wenn Papenburg auf dem Cover steht: mit seinem zweiten Roman kehrt Philipp Oehmke zurück zu jener Familie, die er in seinem Debüt schon ausgiebig umkreiste, sodass Schönwald II vielleicht der treffendere Titel gewesen wäre. Leider fehlt ihm im Buch nur der erzählenswerte Inhalt…
Dass mehr Geld Menschen nicht automatisch interessanter macht, das stellt Philipp Oehmke in seinem neuen Roman Papenburg eindrucksvoll unter Beweis. Denn darin führt er die Geschichte seiner Familie Schönwald fort und geht diesmal dahin, wo der „deutsche Jonathan Franzen“ erzählerisch schon mit seinem ersten Buch hinwollte, nämlich in die USA.
Der Einstieg zur Fortführung seines Familienromans ist diesmal ein indirekter, denn statt direkt um die Schönwalds geht es erst einmal um die ebenfalls recht komplizierte Familie Papenbrinck beziehungsweise Papenburg, wie sich Familienvater Thomas umbenannt hat, seitdem er in den USA residiert.
Seine Frau Katrin ist dem Alkohol verfallen, seine Tochter Emilia will mit dem Vater wie auch mit ihrer Mutter nichts mehr so recht zu tun haben, um die Enkelkinder Otis und August gibt es ein Gezerre mit ihrem Ex-Mann. So weit, so dysfunktional.
Millionen auf dem Konto, aber keine Pläne für das Leben
Einen rechten Lebenssinn hat Thomas Papenburg nicht mehr, seit er seine App-Entwicklungen gewinnbringend veräußert hat und seither über mehr Millionen als Pläne für sein Leben verfügt. So hat er sich in einem schwankenden New Yorker Wolkenkratzer eine Wohnung über drei Etagen gesichert, Joan Baez hat er ihr Zuhause für viele Millionen ebenfalls abgekauft, um das Anwesen mit Bunker, Swimmingpool und allen anderen Insignien der Tech-Elite in drei neuen Tiefgeschossen zu unterkellern.
Zwischen New York und Silicon Valley vagabundiert er hin und her und sucht ähnlich wie andere tatsächliche Silicon Valley-Größen à la Peter Thiel Orientierung bei obskuren Tech-Philosophen. Thomas Papenburgs Guru hört auf den Namen Urs Leuthard, dessen Präsenz sich Papenburg ebenfalls teuer erkauft hat, nachdem sein Vortrag unter dem disruptiven Titel Schöpferische Zerstörung Papenburgs Neugier geweckt hat.
Weil diese Familie mit ihrer Mischung aus abstoßendem Vermögen und teils lächerlichen Problemen aber nicht so wirklich tragen mag, kehrt Oehmke schon bald wieder zu der Familie zurück, die er in seinem Debüt auf über 500 Seiten bereits ausführlichst umkreiste, nämlich die Familie Schönwald. Der Konnex zwischen den Papenburgs und den Schönwalds ist Sohn Benni Schönwald, der Emilia Papenburg geehelicht hat, ehe diese dann mit den zwei Kindern aus dem gemeinsamen Zuhause in der Uckermark (dem Upstate Berlins, wie es in der ganz amerikazentrierten Logik des Romans heißt), nun nach Amerika übergesiedelt ist. Dort will man sich fortan im Nesting-Konzept um die gemeinsamen Kinder kümmern.
Zurück zu den Schönwalds
Damit ist Oehmke dann wieder bei seinen bekannten Figuren angekommen, deren Leben er weiter beobachtet. Zwar spielt Tochter Karolina im vorliegenden Roman keine Rolle mehr, dafür hadert der gefallene „Rockstar-Professor“ Chris weiter mit seiner Rolle als einflussreicher Einflüsterer der Trump’schen Maga-Bewegung und seinen Kontakten ins Weiße Haus, Sohn Benni schlurft sich zwischen „Rawdogging“ und Drogenmissbrauch durch den Roman und Hans-Harald und seine Frau Ruth mach sich schließlich auch aus Köln auf zum Hauptschauplatz des Buchs in New York, wo alle Figuren das Weihnachtsfest gemeinsam begehen wollen.
Das ist aber auch schon fast alles, was Papenburg an Handlung aufweist. Die Figuren wälzen allesamt ihre Probleme vor US-amerikanischer Kulisse, in Schwung kommt das Ganze aber nicht, obgleich der vorliegende Roman hundert Seiten weniger zählt als Oehmkes Debüt.
Das liegt in meinen Augen an zwei Umständen. Gegen die Realität eines sich schamlos selbst bereichernden US-Präsidenten, für dessen Clan und ihn Unterhaltung statt solider oder gar konziser Politik als oberste Maxime gilt, kann die Fiktion nur verlieren. Zwar greift Oehmke die strengen Einwanderungsrichtlinien, das Treiben der ICE-Agenten und das des neuen US-Sonnenkönigs auf, gegen die Realität und ihren Wahnsinn dringt das aber kaum durch, sodass auch der absurde überreiche Thomas Papenburg oder MAGA-Ideologe Chris Schönwald nur verlieren können. Als Figuren bleiben sie alle allzu blass.
Der Wille zum Great American Novel
Das zweite Problem ist, dass Philipp Oehmke unbedingt einen Great American Novel schreiben will und merklich von der US-amerikanischen Erzähltradition beeinflusst ist.
Er hatte sich eigentlich gefreut, ein paar Tage mit seinem Bruder in New York zu verbringen, wie sie es früher getan hatten, jetzt, wo sich Bennis Probleme zu lösen schienen. Es gehörte zu Chris‘ absoluten Lieblingsbeschäftigungen, anderen seine Stadt zu zeigen, er war ein geborener Städteführer. Als die Universität ihn entlassen hatte, hätte er Spaziergänge durch New York anbieten können, der Jahrestage-Spaziergang zu den Upper-West-Side-Schauplätzen von Uwe Johnsons legendärem, mehr als tausendseitigen Roman, dann, etwas allgemeiner vielleicht, den New York-Literature-Spaziergang, Wolfe, Ellis, McInerney, Chabon, Teju Cole, Yanagiharas Lispenard Street aus A Little Life natürlich, Lethem, obwohl er in flach fand, Franzens Correx, Salinger, Fitzgerald; oder wie wär’s mit dem NYC-Punkrock-Spaziergang (…)
Philipp Oehmke – Papenburg
Dass Philipp Oehmke diese Kultur schätzt, das macht sein Buch eindrücklich klar. Die hier wie schon auch im Debüt zitierten Correx, also Jonathan Franzens stilbildenden Familienroman Die Korrekturen, die vielen Verweise auf die US-amerikanische Popkultur, es steckt alles auch in diesem Roman. Und doch bleibt die Frage: kann seine Hommage an dieses Genre dem Genre selbst etwas Neues hinzufügen, andere Blickachse eröffnen und neben den etablierten Erzählern bestehen?
Begeisterung für US-amerikanische Kultur, fehlende Erzählinhalte
Dem ist leider nichts so, denn dem Buch fehlt interessanter Inhalt, der über angezweifelte Vaterschaften oder psychotherapeutische Erkenntnisse hinausgeht. Bestes Beispiel ist eine überaus lange Passage, in der Oehmke einfach noch einmal die schon in Schönwald ausführlich behandelte Episode um das zeitweise Entschwinden Ruth Schönwalds nach Hamburg erzählt, nur diesmal aus Sicht ihres Sohnes.
Neuen Erkenntniswert hat das Ganze nicht, selbst alleine auf Papenburg bezogen lässt diese sich sehr ziehende Schilderung den Roman auf der Stelle treten. Wo ist das Neue? Wo ist die Erzähllust, die die Figuren und damit auch uns durch das Buch treiben lässt? Ich konnte all das leider nicht ausmachen.
Mit Papenburg scheitert Philipp Oehmke am Vergleich mit seinen Vorbildern und der gegenwärtigen US-Realität. Recht uninteressante Figuren treffen auf kaum nennenswerte Handlung, sodass diesem Buch die erzählerische Luft ausgeht, noch ehe alles wirklich begonnen hat. So sad!
- Philipp Oehmke – Papenburg
- ISBN 978-3-492-07494-0 (Piper)
- 448 Seiten. Preis: 26,00 €
