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Johanna Sebauer – Popóm

Ceci, n’est pas un Popóm. Johanna Sebauer konfrontiert einen recht durchschnittlichen Mann aus heiterem Himmel mit seinem Doppelgänger – und macht aus der tollen Idee leider viel zu wenig.


Mit Johanna Sebauer schreibt sich eine Autorin in die österreichische Literaturgeschichte ein, die sich besonders dem Skurrilen und Außergewöhnlichen verschrieben hat. So erzählte sie in ihrem Debüt Nincshof von einem Dorf in der österreichisch-ungarischen Grenzregion, das kurzerhand verschwinden will und dabei allerlei Anstrengungen unternimmt, um sich von der übrigen Welt abzukapseln. Ein Jahr nach ihrem Debüt nahm sie im Jahr 2024 beim Wettlesen im Rahmen des Bachmannwettbewerbs teil.

Mit ihrem Text Das Gurkerl errang Sebauer den 3sat-Preis sowie den BKS-Bank-Publikumspreis als auch das Stadtschreiber-Stipendium der Stadt Klagenfurt. Der Biss in eine Essiggurke zeitigt hier ungeahnte Folgen, da dieser zunächst nur einen Spritzer säuerlichen Gurkensafts auslöst, dann aber in großen Turbulenzen münden.

Nachts im Kiosk

Auch Popóm, ihr zweiter Streich in Sachen Roman, weist wieder jene skurrile Ideen auf, die schon jetzt wie ein Markenzeichen des Sebauer’schen Schreibens sind. Da ist Hendrik Popóm, der eines Tages beim abendlichen Einkaufen auf seinen Doppelgänger trifft.

Es war Abend, frühe Nacht. Im Kiosk lief deutscher Rap aus den 90ern, die Bodenfliesen waren frisch gewischt und glänzten noch leicht feucht, ein Mitarbeiter füllte Bier im Kühlschrank nach. Man stimmte sich ein auf die Nachtgestalten, die hier jeden Augenblick einrauschen würden, herdenweise. Ich wanderte durch die Regalreihen, ließ mir Zeit, studierte die Ecke mit den teuren Süßigkeiten aus aller Welt und das Regal mit den verstaubten Weinflaschen. Ich griff nach einer Packung Sonnenblumenkerne, las auf der Rückseite die Produkthinweise in einer mir unbekannten Sprache, schlenderte vorbei an Hygieneprodukten und Fertiggerichten in abenteuerlichen Geschmacksvariationen, mein Kopf nickte sanft zum Beat. Schließlich fand ich Anjas gewünschte Schokolade und die Limo, nahm noch eine Dose gerösteter Pistazien für mich selbst, wollte mich aufmachen Richtung Kasse, doch dann. Direkt vor mir.

Johanna Sebauer – Popóm, S. 5

Er, das ist Hendrik Popóm. Er sieht – obgleich etwas älter als der Ich-Erzähler mit seinen fast 30 Jahren, ähnlich aus wie er und löst in ihm das starke Gefühl von Ähnlichkeit aus. Eine Verfolgung des Unbekannten folgt ebenso wie eine erste Kontaktaufnahme. Immer wieder wird Popóm Popóm begegnen, bis er sogar dessen Zuhause und Arbeitsstelle ausgemacht hat, wo Popóm Pfeifen verkauft.

Das ist natürlich ein schöner Bezug auf René Magritte und dessen Symbolismus, allen voran die berühmte Abbildung einer Pfeife unter dem schönen Titel „Ceci n’est pas une pipe“, die nicht nur Magrittes Bild ziert, sondern auch das Covermotiv des Romans von Johanna Sebauer ziert.

Der doppelte Popóm

Johanna Sebauer - Popóm (Cover)

Aber obschon das Cover Kunst schreit und das eingeführte Doppelgänger-Motiv ja die Kunst- wie auch Literaturgeschichte von Fjodor Dostojewski bis hin zu Theodor Storm prägt, so ist Popóm selbst leider kein allzu überzeugendes Kunstwerk.

Natürlich lädt eine Doppelgängergeschichte immer ein zu Reflektionen: was stimmt, was ist Fantasterei, wer ist der echte Doppelgänger, was erkennt man alles in der Spiegelung des Individuums? Solche Fragen interessieren Johanna Sebauer leider nur peripher. Vielmehr konzentriert sie sich auf die Beziehungen, die in Hendriks Umfeld enden und neu beginnen.

Seine Freundin trennt sich von ihm, um mit einem griechischen DJ aus Thessaloniki durchzubrennen. Dafür gibt es in seiner Werbeagentur eine neue, recht verschlossene Mitarbeiterin namens Fritzi, die Henriks Interesse weckt und die auf seine außerdienstlichen Angebote von Treffen eingeht. Auch der andere Popóm weckt seine Neugier, bis hin zur Obsession, wenn er diesem nachschleicht oder rennend durch die Straßen der Stadt verfolgt.

Leider ist das alles recht schal und zu keinem Zeitpunkt zwingend. Dass es natürlich ein gutaussehender Südländer mit musikalischem Talent ist, der dem recht schluffigen Hendrik die Partnerin abspenstig macht, dass sich Fritzi als lesbisch herausstellt und in Hendrik nur einen Gesprächspartner sieht, obschon er sich derweil Hoffnung auf deutlich mehr macht, na ja. Es sind zumeist Klischees, die Sebauer aufbietet – und auch aus der Doppelgänger-Idee macht sie recht wenig.

Es plätschert ohne Esprit dahin

Nicht nur, dass das Umfeld von Hendrik die Ähnlichkeit zu seinem Doppelgänger Popóm recht kaltlässt, auch entwickelt die Geschichte keinerlei spannende Ideen oder neue Erzählansätze.
Man hängt ab im Pfeifengeschäft des anderen Popóms, dieser entwickelt sprachliche Eigenheiten und zwischen missinterpretierten Dates am verstaubten Sushi-Förderband und Wohnungseinzug plätschert die Handlung vor sich hin und verärgert ob des nicht genutzten Potenzials.

Selbst die Dialoge, die Johanna Sebauer aus dem übrigen Text ausgegliedert hat, plätschern ohne Esprit dahin. Dass die Sprache keinen besonderen Sound oder gar Drive entwickelt, fügt sich ins restliche Bild ein.
Zwar gibt es ein paar schöne Austriazismen wie das Adjektiv „patschert“, sonst aber bietet Popóm sprachlich wenig auf, das das Buch besonders oder gar erinnerungswürdig machen würde.
Kein literarisches Spiel mit dem Doppelgänger-Motiv, kein besonderer Sprachrhythmus oder Klang, der die Literatur aus Österreich sonst gerne einmal kennzeichnet. Die weltbilderschütternde Schlag, sich plötzlich selbst gegenüberzustehen und sich in einem anderen zu erkennen, er ist nur im perkussiven Po-Póm im Nachnamen ihres Helden angelegt, im Buch vernimmt man ihn leider kaum.

Das ist ausnehmend schade, denn die Anlage von Popóm böte ja durchaus die Möglichkeit, auf den Spuren großer Literaten und Künstler zu wandern. So ist das Präsentierte leider deutlich zu wenig, als dass es in irgendeiner Form überzeugen könnte.

Ganz anders sieht das beispielsweise der Literaturkritiker Carsten Otte. Er bescheinigt Johanna Sebauer mit ihrem Popóm in seiner Kritik ein „humoristisches Meisterstück mit literaturphilosophischem Tiefgang“.


  • Johanna Sebauer – Popóm
  • ISBN 978-3-7558-0079-8 (Dumont)
  • 224 Seiten. Preis: 24,00 €