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Leh-Wei Liao – Glaszeit

Das nennt man wohl Einstand nach Maß. Mit ihrem Debütroman Glaszeit gelingt der Autorin Leh-Wei Liao gleich einmal der Sprung auf die Nominierungsliste des Bayerischen wie auch des Deutschen Buchpreises.
Sie erzählt darin die Geschichte der Ärztin Novana, die nach in Taipei praktiziert, von ihrem Aufwachsen in Köln und von dem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, einer vielbeachteten Künstlerin.


Just in einer unterirdischen Mall begegnet die Ärztin Novana auf den ersten Seiten von Leh Wei Liaos Roman Glaszeit ihrer Mutter. Es ist aber keine persönliche Begegnung im hektischen Gedränge, vielmehr entdeckt sie ihre Mutter auf einem Werbedisplay.

Als ich M. an einem lauen Februarabend in der unterirdischen Taipei Mall sehe, erkenne ich sie nicht sofort. Es gibt eine Latenzzeit von mehreren Sekunden. Ihr Körper erscheint vor mir, überlebensgroß und hell erleuchtet.
Es gibt keinen Grund, stehen zu bleiben.
Menschen drängen sich um mich herum. Glänzende Regencapes und tropfende Schirme. Ränder aus Wasser und Schmutz auf den glatten Bodenkacheln, das halbe Profil einer Sohle.
Qīn’ài de bǎobèi.
Eine Handvoll Sekunden. Erinnerungen. Ich zögere. Ich könnte einfach weitergehen, immer weiter den langen Gängen folgen, vorbei am meterlangen Laternenfest-Mosaik, an Modegeschäften, Nintendo-Pop-up-Stores, Wahrsager:innen, Friseur:innen, Masseur:innen, Imbissen mit Beef Noodle Soup, Popcorn Chicken, frittierten Snacks, Currys, Egg Waffles, Tofupuddings, Bubbleteas, Taro Balls, Moon und Sun Cakes und Mochis. Durch hallengroße Bereiche, die die Passagen wie Marktplätze unterbrechen, etagenweise Rolltreppen, Hauptstraßen, Schluchten, Brücken. Irgendwann würden Berge kommen, und dahinter liegt das Meer.
Ich bleibe stehen.
Ein hochaufgelöstes, strahlendes Werbedisplay.

Leh-Wei Liao – Glaszeit, S. 7

Der Umstand, dass Novana vom Anblick ihrer Mutter völlig aus allen Routinen gerissen wird, erklärt sich neben dem ungewohnten Anblick auch durch Novanas Geschichte, die uns Leh-Wei Liao im Folgenden Stück für Stück präsentiert. Denn einst wuchs Novana bei der Familie eines Kindheitsfreundes in Köln auf, nachdem ihre Mutter sie als Kind in der Domstadt zurückgelassen hatte.

Sie, die von Novana nur als M. bezeichnet wird, ist eine radikale Performance-Künstlerin irgendwo zwischen Marina Abramovic und Florentina Holzinger, die dem künstlerischem Werk den Vorzug vor der gelebten Mutterschaft gegeben hat. So ist die Ankündigung zu einer neuen Kunstaktion auch sehr symbolisch zu sehen, bei der M. den eigenen Uterus präparieren und ausstellen will. Mein Uterus ist ein Objekt, das in meiner künstlerischen Praxis einen neuen Kontext finden muss, so drückt es die Aktionskünstlerin selbst aus.

Ein Neuanfang in Taipei

Leh-Wei Liao - Glaszeit (Cover)

Nun hat Novana wiederum fast alle Brücken hinter sich abgebrochen und hat im Heimatland ihrer Mutter den Neuanfang gewagt. In einem Krankenhaus in Taipei arbeitet sie nun auf einer Frühchenstation und betreut dort die kaum lebensfähigen Neugeborenen intensivmedizinisch.

In den wenigen Pausen, die ihr der herausfordernde Job lässt, durchstreift Novana Taipei, wagt sich auf Dates aus und hört in ihrer Freizeit ausgiebig einen Pädiatrie-Podcast zur Entspannung.

Neben allem ruhe- und ziellosen Treiben durch die Stadt gibt ihr der Job als Ärztin halt (ein Beruf, den Novana mit der Autorin Leh-Wei Liao teilt). Dementsprechend finden sich auch viele von medizinischer Fachsprache geprägte Passagen, die Novanas Kampf um das Überleben der Frühchen schildern.

Meirongs Eltern standen beide am Inkubator, als ich Blut abnehmen wollte. An ihrem Körper lagen ein Endotrachealtubus, ein Nabelvenenkatheter sowie Pulsoxymetrie- und EKG-Kabel an. 1515 g wog sie jetzt. Sie hatte ihr Gewicht geschafft und konnte nun doch an die ECMO angeschlossen werden.

Leh-Wei Liao – Glaszeit

Doch nicht nur die Medizin prägt das Leben von Novana und die Sprache des Buchs. Durch die erstarkende Beziehung zur Aktivistin Sihan findet auch eine politische Komponente in Glaszeit. Denn Sihan betätigt sich in der taiwanesischen Unabhängigkeitsbewegung und zieht dadurch auch Novana in den politischen Konflikt hinein, bei dem sich zeigt, dass nicht nur die Beziehung zu ihrer Mutter höchst Fragil ist, sondern auch auf westliche Partner, allen voran die USA, in diesen Zeiten auch kein Verlass mehr ist.

Eine Fülle von Themen

Glaszeit ist ein Roman voller Themen. Die taiwanesische Unabhängigkeitsbewegung, die Frage nach Mutterschaft in all ihren Facetten, die herausfordernde medizinische Arbeit, die immer wieder tief in Novanas Privatleben hineinstrahlt, dazu auch die Fragen nach den eigenen Beziehungen und dem sexuellen Mäandern zwischen Männern und Frauen, Leh-Wei Liao hat in diesem Debütroman wahrlich nicht an Themen gespart.

Ihr Roman fügt sich ein in eine ganze Riege von Mutter-Tochter-Beziehungsromanen, wie sie der deutsche Buchmarkt zuletzt in hoher Schlagzahl hervorbrachte, kann sich aber durch den Schauplatz und die genauen Schilderungen von Novanas Arbeitsleben und den politischen Hintergrund der Erzählung vom Gros anderer Romane abheben. Ob es zum Gewinn des Bayerischen Buchpreises reicht, nachdem Glaszeit bei der Erstellung der Shortlist des Deutschen Buchpreises keine Berücksichtigung mehr gefunden hat, vermag ich nicht zu sagen.

Ein Beweis, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur mehr als nur Dorfromane und Autofiktion kann, ist Leh-Wei Liaos welthaltiges Debüt aber allemal!

Weitere Besprechungen zu Glaszeit finden sich unter anderem bei Kommunikatives Lesen und Lust auf Literatur.


  • Leh-Wei Liao – Glaszeit
  • ISBN 978-3-630-87839-3 (Luchterhand)
  • 288 Seiten. Preis: 24,00 €