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Steffen Kopetzky – Die Harzreise

Wanderer, kommst du nach Wernigerode… In seinem neuen Buch Die Harzreise schnürt der Autor Steffen Kopetzky die Wanderschuhe, um sich zweihundert Jahre nach dem Erscheinen von Heinrich Heines Die Harzreise abermals auf die Route zu begeben, die Heine einst bereiste und deren Begehung auch zwei Jahrhunderte später noch viele Erkenntnisse über Land und Leute zutage fördert, wie Kopetzkys Buch zeigt.


Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Lebet wohl, ihr glatten Säle,
Glatte Herren! Glatte Frauen!
Auf die Berge will ich steigen
Lachend auf euch niederschauen.

Heinrich Heine – Die Harzreise, S. 1

So dichtet es Heinrich Heine in seinem 1824 entstandenen und 1826 veröffentlichten Frühwerk Die Harzreise.
Die „Stadt der Würste“, seine Studienstadt Göttingen, wollte er mitsamt der von ihm empfundenen Enge und Rückständigkeit hinter sich lassen und sich ganz in romantischer Tradition hinaus ins Offene begeben. Das Ergebnis seiner Wanderung verarbeitete Heine in seinem Bericht, den er Hoffmann und Campe-Verlag in Hamburg publizierte und der bis heute immer wieder aufgelegt wird.

Nun, zweihundert Jahre später, tut es der Autor Steffen Kopetzky Heine nach und wandert zu Fuß auf jener Route, die der 1797 geborene Heine einst in seiner Harzreise verewigte.

Kopetzky wandert

Steffen Kopetzky - Die Harzreise (Cover)

So geht es auch für Kopetzky aus Göttingen hinaus über Osterode und Clausthal über den Grenze von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt. Dort führt seine Wanderroute hinauf auf den Brocken, den er besteigt, ehe es von dort aus über Wernigerode bis nach Rübeland geht, wo Heines Aufzeichnungen der Harzreise dann abbrechen.

Kopetzky, der mit seinen historischen Abenteuerromanen in letzter Zeit viele Bestsellererfolge erzielte (unter anderem Monschau, Risiko, Atom) und gerne die schnelle Fortbewegungsarten beschrieb, etwa im von eigenen Erfahrung als Schlafwagenschaffner gestützten Großepos Grand Tour, setzt nun auf das entschleunigte Wandern.
Derlei Wanderbeschreibungen kennt man aus der Vergangenheit, etwa von Robert Louis Stevenson, der gemeinsam mit seiner Eselin Modestine die Cevennen durchwanderte, bis hin zu Hape Kerkeling in unseren Tagen, dem mit seinem Buch über seine Wanderung auf dem Jakobsweg einer der größten Bestseller der vergangenen Dekade gelang.

Kopetzkys Wandertour sucht sich nun ihr Plätzchen auf dem Regal der Wanderliteratur zwischen historischem Re-Enactment und gegenwärtiger Betrachtungen des Landes, wie sie auch Heinrich Heine ja schon in der Harzreise und auch im späteren Deutschland, ein Wintermärchen satirisch zu schildern wusste. Den Untertitel Eine Deutschlanderkundung nimmt das Buch nämlich durchaus ernst.

Eine Landschaft im Wandel, ein Land im Wandel

Obschon sich Kopetzky streng wie sein historisches Vorbild Heine fast ausschließlich auf Schusters Rappen auf überschaubaren Etappen fortbewegt, schwingt neben einer Schilderung des Wanderns auch immer eine Betrachtung der Umgebung im weiteren und weitesten Sinne mit. Wandern im Jahr 2026 bedeutet auch, dass man den Wandel in seinen unterschiedlichen Formen überall im Land wahrnimmt.

Das betrifft die Umwelt, deren Leid sich Kopetzky am eindrücklichsten rund um den Brocken zeigt. Dort krankt der Wald am starken Borkenkäferbefall, der zusätzlich zur steigenden Trockenheit den Baumbestand sichtbar dezimiert und so für ein deutlich unerfreulicheres Erscheinungsbild des Nationalparks sorgt, als er sich eins Heine geboten haben dürfte.

Aber auch politisch stellt der wandernde Autor einen Wandel fest. So erlebt Kopetzky den Harz mitsamt seiner Städte und Dörfer ebenfalls in Teilen als bedrohte Gebilde. Des Öfteren zeigt sich ihm das Stadtbild vor allem durch Leerstand und Entkernung bedroht. Alleine der Zuwanderung ist es geschuldet, rudimentäre Angebote in Sachen Gastronomie und Hotellerie dort im Harz noch aufrechtzuerhalten.
Auch die studentische Tradition hat sich seit Heines Zeit massiv gewandelt. So erfährt der wandernde Autor bei seinem Aufenthalt im Städtchen Clausthal, dass selbst dort in Mitteldeutschland die Hälfte der Studierenden der örtlichen Technischen Universität mittlerweile aus dem Ausland stammt. Wandel allerorten.

Es sind Erfahrungen, die in krassem Widerspruch zu wohl frappantesten Phänomen eines weiteren Wandels stehen, nämlich den des politischen Klimawandels der Gegenwart.

Bei seiner Harzreise wird der schreibende Wanderer dieser politischen Klimaveränderung in Form von Vertretern und Infostände der AfD ansichtig, deren destruktives Weltbild und Fremdenfeindlichkeit schon ins Denken so mancher Menschen vor Ort eingesickert sind, obgleich sich die Region eine solche Fremdenfeindlichkeit schon alleine aus eigenem Interesse gar nicht leisten kann.

Historisch informierte Wanderpraxis

Zwischen Politik und Geschichte, zufälligen Begegnungen und Überlegungen mäandert Kopetzkys Reisebeschreibung. Dabei ist auch die Vergangenheit immer wieder Thema, etwa wenn der Wanderer ein Bergbaumuseum oder die Historie des Brockens beleuchtet. Angereichert wird das Ganze auch mit einer Prise Bildungsbürgertum, etwa den Überlegungen zu Ernst Jüngers Buch Auf den Marmorklippen in Bezug auf seine Reise oder Verweise auf historische Literatur, etwa Friedrich Gottschalcks Taschenbuch für Reisende in den Harz aus dem Jahr 1806.

Das Ganze hat vielleicht nicht die größte analytische Tiefe, denn wer sich von dieser Wanderung eine hochdiagnostische Deutschlandvermessung erwartet, der dürfte vom soziologischen Erkenntniswert eher enttäuscht sein. Unbehagen am AfD-Stand, Bedauern über die sichtbaren Folgen des Klimawandels im Harz und eine Aufgeschlossenheit gegenüber dem Unbekannten, das sind Dinge, die Kopetzkys Überlegungen berühren und die doch wohl immer noch trotz allen Wandels für große Teile der Leserschaft konsensfähig sein sollten.

Als anregende Wanderungslektüre mit einem Blick auf das Große durch das Kleine funktioniert Die Harzreise aber wunderbar. Dem Pfaffenhofener Autor ist mit seinem Abgleich von Gegenwart und einstiger Heine’scher Wanderlust ein Buch gelungen, für das man vielleicht den Begriff einer bestens informierten historischen Wanderpraxis ersinnen könnte. Sein Buch ist ebenso unterhaltsam, wie es Lust auf eigenes Wandern und Erleben macht – und natürlich auch eine Erkundung des Harzes auf den Spuren der beiden Harzreise-Autoren.


  • Steffen Kopetzky – Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung
  • ISBN 978-3-7371-0256-8 (Rowohlt Berlin)
  • 240 Seiten. Preis: 23,00 €