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Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur

Eine Schule des Sehens, die poetische und geradezu mikroskopische Vermessung des Jahreslaufs der Natur und schriftliche Bewahrung ihres „alderliefest“: die deutsche Erstausgabe des Buchs Ein Jahr in der Natur der US-amerikanischen Autorin Josephine Johnson zeigt eine genaue Beobachterin, sprachmächtige Porträtistin der Natur und damit eine der Gründungsmütter des heute so boomenden Genre des Nature Writing.


Alderliefest, ihr Allerliebstes, an dem das Herz schon am längsten hängt. So bezeichnet die Autorin Josephine Johnson in diesem nun erstmals von Bettina Abarbanell für die Andere Bibliothek übersetzten Buch ihren Garten in Ohio. Wobei das Wort Garten für die hektargroße Natur, die sie ihr eigen nennt, deutlich zu kurz greift. Die Betrachtung der Natur, die Beziehungsnetze und das Werden und Vergehen dort stehen im Mittelpunkt des Werks. Beginnend im Januar arbeitet sich Johnson mit ihren Beschreibungen und Meditationen durch die zwölf Monate im Jahreslauf, illustriert von der Künstlerin Andrea Wan.

Dieses Stück Land, knapp sechzehn Hektar Waldland, hat steile Hänge, zwei Bäche, Tausende von Bäumen und ein Netz aus kleinen Schluchten oder Senken.
Es gibt einen halben Morgen flaches Land, und darauf steht das Haus. Die Fenster, so breit wie die Wände, gehen auf das schmale, von einem Bach mit steilen Lehmufern geformte Tal hinaus. Das Bachbett wächst und weitet sich bei jedem Sturm, mal gen Osten, mal gen Westen. Wenn der Bach sich gen Osten bewegt, unterspült er den Hügel, auf dem das Haus steht. In stürmischen Nächten hört man im rauschenden Wasser die großen Steine knirschen, am Angang der Welt geborene Steine, einst der Grund gewaltiger Ozeane — jetzt von einem kleinen mittelwestlichen Sturm umgewälzt und flussabwärts gerollt und geworfen.

Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur, S. 7 f.

In diese wilde und unberührte Landschaft nimmt uns die 1910 geborene Josephine Johnson mit, die dem Gang der Natur folgt und mit uns ihr alderliefest durchstreift. Von der Kälte und Todesnähe des Winters über das langsam wieder erwachende Grün bis hin zum Jahr auf seiner Höhe reicht diese reiche Beschau von Flora und Fauna.

Eine genaue Beobachterin der Natur

Josephine Johnson - Ein Jahr in der Natur (Cover)

Johnson, die bis heute die jüngste Gewinnerin des Pulitzerpreises ist (mit gerade einmal 24 Jahren gewann sie für ihren Roman Die Novemberschwestern den Preis in der Kategorie Fiktion, vor drei Jahren erschien er ebenfalls im Aufbau-Verlag neu, auch hier zeichnete sich Bettina Abarbanell für die Übersetzung kenntlich), zeigt sich im Buch als genaue Beobachterin, die sogar den kleinsten Lebewesen im Garten, etwa den Blattläusen, viel Aufmerksamkeit zukommen lässt.

Wie diese leben, was die Blattläuse gefährdet und wie sie als Nahrung der Marienkäfer dienen, Josephine Johnson beschreibt es unter anderem und stellt sich damit auch in die Nachfolge eines Alexander von Humboldt und dessen Verständnis der Kreisläufe und Wechselwirkungen der Natur.

Mit dem Naturforscher teilt sie das Interesse auch für die kleinsten Dinge, die sie mit schon fast lexikalischer Ausführlichkeit und Präzision beschreibt. Nicht umsonst ist der Anmerkungsapparat, der nach Monaten und Unterkapiteln gegliedert alle Tiere und Pflanzen aufführt, die in Ein Jahr in der Natur Erwähnung finden, über sechsundzwanzig Seiten lang.
Egal ob Bisamratte, Phoebetyrann, Wisenrispengras oder Birnenblattsauger — allem, dem die aufmerksame Beobachterin in ihrem Garten begegnet, findet Aufnahme im Buch.

Ein Erzählton zwischen Lyrik, Essay und Sachbuch

Doch nicht nur der genaue Blick auf Flora und Fauna besticht. Es ist auch die ästhetische Gestaltung des Ganzen, die zwischen Lyrik, Essay und Sachbuch einen ganz eigenen Ton findet und von Bettina Abarbanell in ein ebenso vielschichtiges Deutsch übertragen wurde.

An einem Sommermorgen dort oben sind die fernen Berge blau, die Luft ist warm und diesig, voll weißer und gelber Schmetterlinge, die kurz auftauchen und dann wieder weg sind, wie Wolkenfetzen. Die leuchtend orangenen Perlmuttfalter, deren Larven nachts die Wildveilchenblätter fressen und deren Flügel mit Pailletten besetzt sind, schwärmen über die pinkfarbenen und purpurnen Seidenpflanzen, und diese unverschämten Farben sind wunderschön und harmonisch im Sonnenlicht.
Die hohen samentragenden Gräser am Rand der Lichtung biegen sich auf einmal unter dem Gewicht eines Distelfinken, der Samen sammelt, oder eines Indigofinken, dessen Blau keiner anderen Farbe auf Erden gleicht, das seltenste, juwelenähnlichste Blau, als käme ein wilder Edelstein auf Flügeln vorbei.

Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur, S. 125

Liest man Ein Jahr in der Natur, dann ist das wie eine Schule des Sehens — mit einer Lehrerin, die den Blick auf das Kleinste richtet und die von Wissen berichtet, das heute schon fast in Vergessenheit geraten ist.
Damit kann Josephine Johnson als eine frühe Autorin des Genres Nature Writing gelten, die mit ihrem Werk Autoren wie John Muir folgt, und der selbst noch viele weitere Autor*innen bis in die Gegenwart hinein folgen sollten.

Auch Zeitgeist und Prophetie sind enthalten

Und auch Zeitgeist findet sich ein wenig im Buch. Mit ihrer Sorge um die Intaktheit des Kreislaufs der Natur wirkt Josephine Johnson wie eine Prophetin der ökologischen Katastrophe unserer Tage. Sie tritt ein für Parks in den Städten und eine Rückbindung der Menschen auf die Natur, die schon in ihren Tagen Mitte der 1960er Jahre längst verloren zu sein scheint.

Auch steht ihr Schreiben noch unter dem Eindruck des Kriegs. Zwar war 19 Jahre zuvor der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, aber mit dem Vietnamkrieg tobte derweil auf der anderen Seite der Welt schon der nächste Krieg. Das merkt man Ein Jahr in der Natur auch in Teilen an.

Bisweilen schleicht sich ein fatalistischer Ton in ihre Betrachtungen ein, etwa wenn sie schon zu Beginn des Buchs feststellt, dass heute niemand mehr einen Eichelbaum für seine Söhne pflanzen würde und es bald auch keine Söhne mehr geben würde.
Auch taucht mitten im Text, fast wie ein Fremdkörper, recht unvermittelt eine kurze Reflexion über das Pentagon auf, das sie als Krebs im Körper der Welt oder als Gott Moloch beschreibt, dem Kinder als Opfer vorgeworfen werden — das „größte unnatürliche Desaster der Welt“ (S. 232), so Josephine Johnson.

Fazit

So ist das Buch als Zeitdokument, als neu entdeckter Vorfahre des heute so nachgefragten Genre des Nature Writing als auch als Werk an der Schnittstelle zwischen Naturbetrachtung und Poesie ausnehmend spannend.

Trifft auch der englische Originaltitel The inland island den Charakter dieser intensiven Naturstudie besser als der etwas ungefähre deutsche Titel, so ist Josephine Johnsons Ein Jahr in der Natur doch ein rundum faszinierendes wie auch schön gestaltetes Werk, das uns durch die Ausgabe als vierhundertachtundachtzigster Band der Anderen Bibliothek hier zugänglich gemacht wurde.


  • Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur
  • Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
  • ISBN 978-3-8477-2067-6 (Die Andere Bibliothek)
  • 276 Seiten. Preis: 28,00 €