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Jonathan Lee – Der große Fehler

„Andrew Haswell Green war eine Persönlichkeit, ohne die es keinen Central Park, kein Metropolitan Museum of Art, keine New York Public Library und keinen Zusammenschluss von Manhattan und Brooklyn zu einer einzigen Stadt geben würde. Und doch ist er völlig in Vergessenheit geraten, was erstaunlich ist! Sein einziges wirkliches Denkmal ist eine Steinbank im Central Park, die mit Taubenkot bedeckt ist. Ich bin vor zehn Jahren zufällig auf diese Bank gestoßen. Ich las die Inschrift, die ihn als „Vater des Greater New York“ bezeichnete. Und ich wurde neugierig. Wer war diese Person? Warum hatte ich noch nie von ihm gehört? Und wie kam es dazu, dass dieser Verfechter des öffentlichen Raums 1903 am helllichten Tag in der Park Avenue erschossen wurde, was etwas voreilig als „Mord des Jahrhunderts“ bezeichnet wurde?“

Jonathan Lee im Interview mit Stephanie Uhlig über seinen Roman „Der große Fehler“

So Jonathan Lee im Interview zu seinem Roman, mit dem der 1981 in England geborene Autor nun zum ersten Mal auf dem deutschsprachigen Buchmarkt in Erscheinung tritt. Ähnlich wie zuletzt Christian Schulteisz oder Matthias Lohre bringt auch Jonathan Lee in seinem Roman eine von der Weltgeschichte fast vergessene Person zurück auf die ganz große Bühne. Er erzählt in Der große Fehler von einem Mann, ohne den New York nicht das New York wäre, das man heute kennt.


Dabei beginnt alles mit einem Mord. Der betagte Andrew Haswell Green wird vor seinem Haus in New York von einem Schwarzen angesprochen, der ihn vor den Augen der Öffentlichkeit erschießt. Der Täter wird festgenommen – und somit beginnt sich die Geschichte zu entspinnen. Im Folgenden erzählt Lee von den Hintergründen des Verbrechens und den Ermittlungen des Polizisten McClusky, die dann den titelgebenden großen Fehler ans Tageslicht bringen werden, der zum Tode Greens führte.

Genauso interessiert sich Lee aber auch für das Leben seines Helden, das er in chronologischen Etappen zwischen den Ermittlungsstrang setzt. Die Qualität des Buchs – um das gleich vorwegzunehmen – besteht nun auch darin, dass diese beiden Erzählstränge keineswegs lose nebeneinander herlaufen, sondern dass Lee sie immer wieder mal auf subtilere, mal auf augenscheinlichere Art und Weise miteinander verknüpft, sodass er mit Der große Fehler seinem Porträtierten erstaunlich nahekommt.

Von Massachusetts bis nach Trinidad

Jonathan Lee - Der große Fehler (Cover)

So wird Andrew Haswell Green 1820 als siebtes von elf Kindern im ländlichen Massachusetts geboren. Nach einer amourösen Eskapade die so gar nicht den Konventionen entsprach, beschließen Andrews Eltern, ihren Sohn nach New York zu schicken, wo er ins Handelsgewerbe einsteigen soll. Dort in New York lernt er den älteren Samuel Tilden kennen, der zur Liebe und Inspiration seines Lebens werden soll. Tilden führt ihn in das Leben der New Yorker Oberschicht ein, er lernt die Bücherei kennen, die damals mit ihren Jahresgebühren und elitären Zugangsregeln allerdings allein den Privilegierten offenstand. Nachdem die Nähe der beiden Männer unerwünschte Aufmerksamkeit erhält, muss Green aus der Stadt fliehen. Er entweicht nach Trinidad, wo ihn sein Begehren und die Erinnerungen an New York und Samuel doch nicht wirklich loslassen.

Er kehrt nach einer weiteren unrühmlichen Eskapade Hals über Kopf nach New York zurück, wo er zum wichtigen Impulsgeber avanciert, der das New York zu formt, das wir heute kennen. So verschmilzt er Brooklyn mit Manhattan, hebt bisherige Stadtgrenzen auf und gestaltet getrieben von einer unbändigen Kraft das Stadtbild neu. Die Bücherei soll nicht mehr nur Reichen offenstehen, vielmehr strebt er eine Bücherei für alle an, was zur Gründung der New York Public Library führt. Ein Park in der Mitte der Stadt soll allen Leuten offenstehen und Erholung und Entspannung verheißen (so tragen sämtliche Kapitel auch Namen der Eingangstore des Central Park). Doch damit nicht genug.

Ein Mann mit vielen Facetten

In den Nachworten nach dem Mord an Green gibt es viele weitere Facetten des Mannes zu entdecken, die Lee in seinem Buch mal deutlicher anreißt und manchmal auch nur kurz touchiert:

Andrew Haswell Green
Andrew Haswell Green

Zu vielen Würdigungen, die Mrs. Bray sich vorgestellt hatte, kam es tatsächlich. Mächtige Menschen beschrieben ihren Arbeitgeber als Pionier. Alle fanden einen anderen Zugang für ihre Nachrufe, unterschiedliche Perspektiven, aus denen sie seine Errungenschaften betrachteten – seine Parks, Brücken, Museen. Seine Bemühungen, ein faireres, geordneteres öffentliches Schulsystem in New York einzurichten, als er Präsident des Bildungsrates war. Seinen unermüdlichen Kampf gegen die Korruption als oberster New Yorker Rechnungsprüfer. Seine maßgebliche Rolle bei der Gründung der ersten großen öffentlichen Bibliothek der Stadt, nach dem Tod seines von Büchern besessenen Freundes Samuel Tilden 1886. Oder dass er spät noch im Leben gleichsam im Alleingang die bestehende City of New York mit Brooklyn, dem westlichen Queens County und Staten Island zu dem Greater New York verbunden hatte, wie wir es heute kennen.

Jonathan Lee – Der große Fehler, S. 76

Dass dieser Mann heute völlig unbekannt ist und gerade einmal die im Interview zitierte mit Vogelkot übersäte Bank an einem versteckten Ort des Central Park an diesen Mann erinnert, verblüfft. Jonathan Lee gelingt es in seinem Buch auf alle Fälle sehr gut, dass Andenken an Andrew Haswell Green hochzuhalten. Er erzählt von queerem Begehren, schwindelerregenden Bauplänen und einem Mann, der von Ideen und Visionen getrieben war und sein ganzes Leben in den Dienst der Stadt New York setzte. Lee macht dabei allerdings auch nicht den Fehler, seinen Protagonisten zu verklären, sondern schafft ein Porträt mit Ecken und Kanten.

Fazit

Der große Fehler ist ein Denkmal für einen Mann, ohne den New York deutlich anders aussähe und sicherlich nicht so lebenswert wäre, wie es heute ist. Dieses Buch zu lesen ist alles andere als ein großer Fehler, sondern eine lohnenswerte Geschichtsstunde, gut geschrieben und außerordentlich informativ.


  • Jonathan Lee – Der große Fehler
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-257-07191-7
  • 380 Seiten. Preis: 24,00 €
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