Zwischen den Machtzentren in Russland, Nordkorea und den USA entspinnt sich der temporeiche Thriller Red Star Down, mit dem sich D. B. John entlang bekannter Geschichtsmarken der Gegenwart schreibt, um daraus ein hochspannendes Buch zu machen, das dem Genre des Politthrillers neues Leben einhaucht
Eigentlich müsste der Politthriller in diesen Tagen erneut seine Blütezeit feiern. Die Machtblöcke im Osten wie im Westen verstricken sich in Kriege, Länder wie Taiwan oder die Ukraine geraten in die Aufmerksamkeit autoritär auftretender Herrscher, Spionageballons am Himmel, Abhöraffären, verschwimmende Grenzen zwischen Politik und Geschäft und der damit verbundenen Einflussnahme.
Der Nährboden wäre da, doch etwas scheint kaum etwas auf ihm zu wachsen. Bis jetzt – denn mit D. B. John schickt sich ein neuer Autor an, das brachliegende Feld zu neuer Blüte zu bringen. Red Star Down heißt das Werk, mit dem ihm ein eindrucksvolles Comeback des Politthrillers gelingt und der damit in die Fußstapfen großer Namen tritt.
Es waren vor allem britischer Autoren, die sich in der Zeit des Kalten Kriegs und darüber hinaus literarisch mit der volatilen Machttektonik zwischen dem Westen und Russland auseinandersetzten und als Brennglas auf dieses recht fragile Miteinander das Genre des Spionageromans bemühten. John Le Carré legte etwa den später auch verfilmten Roman Das Russlandhaus vor. Sein Landsmann Frederick Forsyth widmete sich in Das schwarze Manifest wenige Jahre später dem Russland an der Schwelle ins neue Jahrtausend.
In diesem Jahrtausend war es dann der US-Amerikaner Glenn Meade, der diese Art des Spionageromans mit Werken wie Operation Schneewolf oder Operation Romanow bearbeitete Bis auf Giuliano da Empolis Auseinandersetzung mit dem System Putin kam in letzter Zeit aber nicht mehr viel literarisch Überzeugendes, das das Spannungsverhältnis zwischen dem Westen und Russland mit den Mitteln der Fiktion ins Werk setzte.
Spannung zwischen den USA, Nordkorea und Russland
Doch nun folgt D. B. John, der sich in seinem Thriller nicht nur auf die geheimdienstliche Front zwischen den USA und Russland konzentriert, sondern mit Nordkorea noch einen dritten Machtblock in sein machtdynamisches Spiel bringt.
Jeder der drei Einflussszonen wird durch eine Figur im Roman verkörpert. In Russland ist dies der Student Ljoscha, der sich traut, in der durchgeskripteten Machtdemonstration Wladimir Putins dem Präsidenten vor laufender Kamera eine unabgesprochene Frage zu stellen, was ihm nicht nur viel Aufmerksamkeit, sondern auch den Zorns Putins einbringt.
Auf US-amerikanischer Seite ist es die Geheimdienstmitarbeiterin Jenna, die mit ihrer Arbeit die Machtzirkel in Nordkorea infiltrieren will, aber auf privater Ebene eine großes Achillesferse hat. Jene Jenna Williams hatte schon einmal einen Auftritt in einem anderen, vor einigen Jahren und in anderem Hause erschienen Thriller, nämlich Stern des Nordens von D. B. John. Zwar rekurriert der Thriller zunächst auf die Geschehnisse in diesem Buch, bleibt aber auch ohne Kenntnis des Vorgängers problemlos verständlich.
Dritte zentrale Figur in Gefüge des Romans ist Eric, der als außenpolitischer Berater Trumps Zugang zu den höchsten Zirkeln der Macht genießt.. In Wahrheit gelten seine Loyalitäten allerdings Nordkoreas, das diesen im Rahmen eines ganz speziellen Programms ausgebildet hat und nun endlich die Früchte seiner Arbeit ernten will.
Sie alle werden sich im Laufe des mit über 700 Seiten reichlich lange, aber stets spannende Thrillers begegnen. Denn die Figuren machen Jagd aufeinander, wollen sich gegenseitig Geheimnisse abluchsen und geraten dabei in die Mühlen der großen Weltpolitik.
Entlang realer Ereignisse
D. B. John erzählt seinen Roman nämlich entlang bekannter Ereignisse, die er gekonnt in die Romanhandlung einbettet. Realia wie die im TV übertragene Fragerunde an Putin, die schwankenden Loyalitäten und zahmen Einhegungsversuche Donald Trumps Putin gegenüber, die Ermordung von unliebsamen Oppositionellen in Russland wie auch in Nordkorea, beispielsweise die Ermordung Kim Jong Nams, des Halbbruders des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un, der im Jahr 2017 am internationalen Flughafen von Kuala Lumpur in Malaysia per Giftanschlag umgebracht wurde, all diese Ereignisse fügen sich glatt in die Spekulationen D. B. Johns ein.
Aber in der Psyche seines Chefs, das wusste Eric, gab es noch eine zweite Ebene. Der Raketentest war eine grobe Demonstration von Gewalt, wie der Chef sie bewunderte. Das war genau die Art von Machismo, Regelbruch und Zertrümmerung der Normen, die er selbst schätzte. Jeden, der dazu fähig war, wollte er in seinem Club haben – dieser Kim war offenbar jemand, mit dem er viel lieber anhängen würde als mit dem japanischen Premierminister und seiner stillen Frau.
D. B. John – Red Star Down, S. 159 f.
Ihm gelingt mit Red Star Down das Kunststück, neben einer Gegenwart, die sich manchmal wie ein schlechter Film liest, mit seiner Fiktion der Gegenwart trotzdem zu bestehen. In Tiergärten ermordete Spione oder Wirtschaftsbosse, die in Russland aus Hotelfenstern fallen, der Präsident der USA mit jedem Tag toller gebärdet ist und wie eine Satire wirkt, in der der Krieg Russlands gegen die Ukraine nur „Spezialoperation“ heißen darf, da ist es nicht leicht, etwas aufzubieten, das erfunden, aber dennoch glaubwürdig wirkt. D. B. John gelingt es.
Da verzeiht man ihm auch die Klischees über einen Schwarzwald „wie ein Bild auf einer Schokoladenschachtel“, hinter dem gleich mal die Alpen anfangen.
Fazit
Mit Red Star Down vitalisiert D. B. John das Genre des Politthrillers und holt diesen in die Gegenwart. Sein Thriller ist ein hochtouriger Agentenroman zwischen Nordkorea, den USA und Russland, der sich trotz aller Spekulationen beunruhigend plausibel und vor allem enorm unterhaltsam liest. Thrillerspannung auf Höhe der Zeit!
- D. B. John – Red Star Down
- Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff
- ISBN 978-3-518-47564-5 (Suhrkamp)
- 717 Seiten. Preis: 20,00 €
