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Mirinae Lee – Die acht Leben der Frau Mook

Wie viele Leben kann man in einer Lebensspanne leben? Mindestens acht, wie die Lebensgeschichte von Mook Miran zeigt, die diese einer Mitarbeiterin eines Altenheims erzählt. So lassen Die acht Leben der Frau Mook das faszinierende Bild einer Grenzgängerin zwischen Nord- und Südkorea, Westen und Osten, Spionage und Familie entstehen, von der Mirinae Lee in ihrem ansprechend komponierten Roman erzählt.


Eigentlich reichen drei Worte, um das Leben eines Menschen zu umreißen. So stellt es zumindest Lee Sae-ri fest, die in einem Altenheim als Biografin und Verfasserin von Nachrufen arbeitet. Von den greisen Bewohnern des Heims lässt sie sich deren Leben erzählen, um einen literarischen Abdruck der gelebten Leben zu kreieren. Dabei genügen in der Regel immer drei Worte, um das Wesentliche der Leben zu erfassen.

Nur bei der betagten Frau Mook ist das anders. Sie, die die Biografin per Zufall im Altenheim kennenlernt, hält von drei Wörtern nichts. Acht Wörter seien es, die sie benötige, um ihr Leben zu beschreiben. Diese Worte haben es dann tatsächlich in sich, sie lauten nämlich: Sklavin. Fluchtkünstlerin. Mörderin. Terroristin. Spionin. Geliebte. Und Mutter.

Wenn drei Wörter für ein Leben nicht genügen

Auch wenn noch ein Wort fehlt, so ist das Interesse der „Nachruf-Frau“ geweckt und Frau Mook beginnt zu erzählen von ihrem Leben, das doch eigentlich acht Leben in einem sind.

Sie sagte, sie habe in ihrem Leben drei Nationalitäten besessen. „Ich wurde als Japanerin geboren, habe als Nordkoreanerin gelebt, und jetzt sterbe ich als Südkoreanerin.“
Ihre Generation war unter der japanischen Kolonialherrschaft geboren, also war sie rechtlich gesehen Japanerin. Aber „als Nordkoreanerin gelebt“? Ich fragte sie, ob sie während des Koreakriegs in den Süden geflohen sei, und sie erzählte mir, sie habe die südkoreanische Staatsbürgerschaft erst erhalten, als ihre Haare schon grau waren. „Ich habe meine Jugend in Pjöngjang verbracht“, fügte sie beiläufig hinzu, als wäre Pjöngjang ein normaler Teil der Welt, den jeder besuchen konnte, wann immer er wollte.

Mirinae Lee – Die acht Leben der Frau Mook, S. 22

Dieses Leben zwischen Süd- und Nordkorea, Japan und Indonesien entfaltet sich nun im Lauf des Romans, der das Leben sinnigerweise in acht Kapitel packt. Chronologisch sind sie allerdings nicht, Mirinae Lee springt in der Erzählung durch die verschiedenen Perioden im Leben von Mook Miran und fügt den 5. Lebensabschnitt, der vom Leben Frau Mooks an der Grenze zu Nordkorea im Jahr 1961 erzählt, an die Kindheit ihrer Protagonisten, wobei das Buch dann ins Jahr 1938 zurückspringt, ehe es dann ins dritte Leben 1950 geht, und so weiter und so fort.

Eine Grenzgängerin zwischen Nord- und Südkorea

Mirinae Lee - Die acht Leben der Frau Mook (Cover)

Das Aufwachsen in einem kleinen Bauerndorf in Pjöngjang, die Eindrücke der zurückliegenden Besatzung des Landes durch Japaner und die elterliche Vorprägung sind Themen, die uns Lees Heldin in den facettenreichen Erinnerungen präsentiert, ehe sich der erzählerische Blick auch auf die wechselvolle Geschichte des geteilten Landes Korea und die stete Gewalt und Gefahr erhalten, dem sich Mook Miran immer wieder ausgesetzt sah.

Die acht Leben der Frau Mook gibt Einblick in die Geschichte des Landes, erzählt vom hierzulande kaum bekannten Koreakrieg, vom blutigen Einmarsch der US-amerikanischen Streitkräfte, von Verschleppung und dem Leid der „Trostfrauen“, entführter koreanischer Frauen und Mädchen, die von der japanischen Armee unter anderem in Indonesien sexuell missbraucht wurden.

Mirinae Lees Buch steckt voller Einsichten in die Geschichte und das Leben eines uns so fernen Landes – und präsentiert mit Mook Miran eine faszinierende Figur, die sich trickreich immer wieder selbst behauptet und im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Grenzgängerin wird – wenn wir ihr denn vertrauen können. Denn neben der reichhaltigen und voltenreichen Lebensgeschichte spielt das Buch der in Südkorea geborenen Autorin auch mit der Frage der Verlässlichkeit der Lebensgeschichten, die uns Frau Mook hier so erzählt.

Eine komplexe Erzählkomposition für komplexe Leben

Dass einzelne Kapitel — oder besser Leben — zuvor schon als Kurzgeschichten veröffentlicht wurden, das tut dem faszinierenden Bilderbogen keinen Abbruch, im Gegenteil.

Das Buch zerfällt nicht in einzelne Teile, obschon sich Ton und Erzählhaltung immer wieder ändern und die Vorgeschichte für einen ungelenk zusammengeleimten Text sprechen könnte. Im Kontext der wechselvollen Geschichte von Nord- und Südkorea und dem Einfluss durch seine Nachbarn ergibt die fragmentarische Erzählweise mitsamt der achronologischen Reihung der Lebensabschnitte und dem polyphonen Erzählklang aber durchaus Sinn.

Das Ganze geht erzählerisch nicht nur auf, sondern gewinnt durch diese clevere Konstruktion noch einmal eine neue Ebene, die der Schluss gelungen abrundet. Denn dann findet nämlich auch noch das achte Wort noch zur Lebensgeschichte dieser Frau , deren Leben nicht nur fast ein Jahrhundert umspannte, sondern auch den Titel von Maxie Wanders Erinnerungen beherzigte, die einst konstatierte Ein Leben ist nicht genug.

Nein, möchte man nach der Lektüre von Mirinae Lees Roman sagen. Ein Leben ist wahrlich nicht genug, für das Leben dieser Frau. Acht Leben müssen es wirklich sein.


  • Mirinae Lee – Die acht Leben der Frau Mook
  • Aus dem Englischen von Karen Gerwig
  • ISBN 978-3-293-00631-7 (Unionsverlag)
  • 336 Seiten. Preis: 24,00 €

Adam Johnson – Nirvana

Neue und neueste Geschichten

Nach dem großen Wurf Das geraubte Leben des Waisen Jun Do, für das Johnson nicht nur viel Lob sondern auch den Pulitzerpreis zugesprochen bekam, gibt es nun Nachschub.

Abermals übersetzt von Anke Caroline Burger bietet Nirvana sechs Kurzgeschichten auf insgesamt 265 Seiten. Der geneigte Statistiker kommt hier auf eine Länge von durchschnittlich rund 45 Seiten pro Kurzgeschichte. Tatsächlich differieren die Geschichten beträchtlich, von 60 Seiten bis hin zu 30 Seiten reichen die Stories, die Johnson in seinem Band präsentiert.

Seine Geschichten sind doppelbödig – mal verweist eine Geschichte mit ein paar Worten auf eine andere Erzählung, mal wechselt er die Perspektive und schreibt aus der Sicht seiner Frau über deren Brustkrebserkrankung.

Ob als UPS-Auslieferer in einem von Hurrikanen völlig zerstörten New Orleans oder als uneinsichtiger ehemaliger Aufseher eines Berliner Stasi-Gefängnisses – stets findet Johnson ein originelles Setting und eine nicht minder passende Sprache. Seine Geschichten vermögen durch ihre Figuren und Lokalitäten überzeugen. Sogar nach Korea, wenn auch diesmal Südkorea, kehrt Johnson für eine Erzählung zurück.

Großartig erzählte Kurzgeschichten

Oftmals drängt sich bei mir beim Lesen von Kurzgeschichten bekannter Autoren der Eindruck auf, noch ein paar Restematerialen von Recherchen oder Romanentwürfen zu lesen. Mit dem Namen des prominenten Autors sollen Leser (und damit natürlich auch Käufer) angelockt werden, doch das Endprodukt vermag nicht zu überzeugen. Ganz anders nun Nirvana. Den Ton, den Johnson in seinen Kurzgeschichten anschlägt ist präsent, das Setting seiner Erzählung sehr originell und anders als bei mittelmäßigen Kurzgeschichten bleiben diese auch nach der Lektüre im Gedächtnis des Lesers (allen voran wohl Interessant!). Keine der sechs Geschichten ist schlecht und noch dazu gibt es obendrein eines der für meinen Geschmack ästhetisch ansprechendsten Buchcover des Jahres 2015.

Fazit: Eine der besten Story-Sammlungen, die ich in meinem Bücherregal aufbewahren darf!

Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Im Reich des Geliebten Führers

Der Roman von Adam Johnson könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen: Die Welt schaut auf Nordkorea, das Land das hermetisch abgeschottet vom Geliebten Führer Kim Jong Un regiert wird und dessen außenpolitischen Drohungen die Nachbarstaaten alarmieren.

Während sich die Politik im Zaudern verliert hat Adam Johnson den Versuch unternommen, sich dem Land auf literarischer Ebene zu nähern – und wurde prompt mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Sein Werk, im Original schlicht mit dem Titel „The Orphan Master’s Son“ versehen, wurde für den deutschen Buchmarkt von Suhrkamp Nova als „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ veröffentlicht, übersetzt von Anke Caroline Burger. Ebenso sperrig wie der Titel ist auch die Gesamtstruktur und seine Länge von über 680 Seiten – ein Wagnis, das in meinen Augen geglückt ist.

Der in meinen Augen ebenso falschen wie überflüssigen Unterscheidung zwischen E und U verweigert sich Das geraubte Leben des Waisen Jun Do konsequent und erlaubt es sich, einen brutalen Konflikt literarisch aufzulösen und sogar manchmal zum Stilmittel des Humors zu greifen.

Der Roman von Adam Johnson lässt sich vortrefflich mit einem Zitat aus dem Buch beschreiben:

Es gibt kein Wort dafür […] Es gibt kein Wort, weil es noch nie jemand getan hat.

Johnson, Adam: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do, S. 384

Jun Dos Erlebnisse in Nordkorea

In „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ entwirft der amerikanische Autor zugleich die Charakterstudie eines nordkoreanischen Bürgers und die der nordkoreanischen Republik. Nicht von ungefähr erinnert der Name des Protagonisten Jun Do lautmalerisch stark an das amerikanische Wort für unbekannte Leichen – John Doe. Im Buch gerät der höchst durchschnittliche Genosse Jun Do in unterschiedlichste Verwicklungen und erfährt die Abgründe des menschenverachtenden totalitären Regimes um den Geliebten Führer.

Das Buch basiert auf eigenen Eindrücken des Autoren, der für den Roman extra nach Nordkorea reiste um seine Erzählung auf eigenen Beobachtungen aufbaute. Dies gibt dem Buch eine zusätzlich ernüchternde Note, wenn Johnson in Interviews zu seinem Roman bemerkt, dass er für das Buch die schwarzen Seiten Nordkoreas noch aufhellen musste. So rückt der Autor nämlich wieder in den Fokus, was wir bei allen medialen-politischen Berichterstattungen gerne vergessen: Es geht beim Nordkorea-Konflikt noch immer um die Menschen, deren Leid vom totalitären Regime einfach hingenommen wird.

Insgesamt ist Das geraubte Leben des Waisen Jun Do nämlich deprimierend durch und durch. Immer wieder muss Jun Do Gewalt ertragen, Verluste hinnehmen und sich an neue Situationen anpassen. Dies wäre an sich noch nicht unbedingt neu oder besonders literarisch – das Neue an dem Buch besteht in meinen Augen in seiner sperrigen Konstruktion. In zwei Teile aufgeteilt erzählt Adam Johnson manchmal etwas komplizierter als vielleicht nötig von der Entwicklung Jun Dos. Er flicht Rückblenden, parallele Stränge und kurze Propagandatext-Splitter zu einem großen Epos, der aufmerksame Leser verlangt. Ein Buch, das keine Zerstreuung, dafür aber Erkenntnis bietet.