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Şeyda Kurt – Zeit der Monster

Gibt es eine Verbindung zwischen Köln und Assyrien? Şeyda Kurt geht dem in ihrem Debütroman Zeit der Monster nach und erzählt von einer Endzeit-Prophezeiung, einem Silberbecher mit rätselhafter Gravur und einem der Sumpf geheißene Viertel im Schatten eins Chemiebergs, das an Erinnerungen an Köln-Kalk weckt. Daraus wird eine Lektüre, die nicht nur dezent überfordert.


Es sind viele kulturelle Felder, auf denen sich Şeyda Kurt umtut. Sie veröffentlichte einen Podcast, der sich mit den Nachwirkungen des Attentats von Hanau beschäftigte, legte Essays zu den Themen Hass und der politischen Dimension von Zärtlichkeit vor, arbeitete für das Goethe-Institut und das Literarische Colloquium in Berlin und schrieb Theatertexte.

Nun gesellt sich das Tätigkeitsfeld des Romanverfassens zum vielfältigen Portfolio der 1992 geborenen Kurt. Denn Zeit der Monster ist das erzählerische Erstlingswerk, mit dem sie im Münchner Hanser-Verlag debütiert.
Das Buch besticht durch seine Unkonventionalität, denn eine klare Einordnung des Gelesenen fällt nicht leicht.

Hinein ins Veedel

Schauplatz des Romans ist ein Viertel einer nicht näher benannten Stadt, bei der sich doch die Anzeichen mehren, dass es sich um Kurts Geburtsort Köln handeln könnte, vielleicht sogar ihr Heimatviertel (beziehungsweise, so wie es auch im Buch heißt: Veedel) Köln-Kalk.
Sowohl in Kurts literarischer Fiktion als auch in der Realität gibt es dort eine Sieverstraße. Immer wieder blitzt der Kölsche Dialekt nicht nur in Sachen Viertelbezeichnung, sondern auch etwa in zitierten Kölsch-Songs oder Ausrufen auf. Auch wird im Viertel traditionell ein Nubbel verbrannt, wie es bis heute dort am Aschermittwoch Tradition ist.

Wie unser Viertel heißt? Das spielt keine Rolle. Wir nennen es: Sumpf. Unser Glück ist, dass Sümpfe mit hohem Torfgehalt konservierende Eigenschaften haben. Ein sauerstoffarmes und nasses Milieu verhindert die Zersetzung durch Bakterien und verlangsamt den Abbau organischer Materialien. So kann es geschehen, dass man in unserem Viertel noch nach Jahrzehnten, Jahrhunderten und Jahrtausenden Dinge findet: Geschenke, Erinnerungen und Abfall, Träume und Namen.

Şeyda Kurt – Zeit der Monster, S. 40

Dort im Sumpf treffen bei Kurt höchst unterschiedliche Figuren aufeinander, die allesamt mehr oder minder im Bann einer apokalyptischen Endzeit-Prophezeiung stehen, die es sogar in die Tagesschau geschafft hat.

Leben im Angesicht des Endes

Seyda Kurt - Zeit der Monster (Cover)

Ihren Ausgang auf der Social Media-Plattform TikTok nehmend hat die Prophezeiung über das bevorstehende Ende der Welt und eine anstehende Katastrophe für viel Aufmerksamkeit und Beunruhigung gesorgt, mit der Kurts Figuren ganz unterschiedlich umgehen.

Sanya durchstreift das Viertel und arbeitet in der Kneipe Roter Löwe, ihr Gast ist Köbes, der sich zwar regelmäßig dem Alkohol hingibt, den aber als „Bürgermeister“ des Veedels auch die Sorge um seine Mitmenschen umtreibt. Khady schuftet im Fitnessstudio Muskelpalast McBurn, die „Brigade Karl Küpper“ marschiert in ihren roten Kampfanzügen durch das Viertel und Pfarrer Angelo, der Priester der Kirche St. Joseph, hat es täglich mit vielen Geflüchteten in seinem Haus zu tun und hadert regelmäßig mit Gott.

Sie alle beobachtet Şeyda Kurt und beschreibt, wie die Endzeitstimmung, die nebelgleich über dem Viertel liegt, sich ganz unterschiedlich auf die Figuren auswirkt. Es kommt zu Mord, zu Bränden, zum Auftauchen neuer Figuren dort im Sumpf – der auch selbst immer wieder Dinge preisgibt.

Unvorhersehbar und undurchdringlich wie der Sumpf

Dabei ist Zeit der Monster selbst so unergründlich und unvorhersehbar, wie der Sumpf selbst. Schon der Stil des Texts ist von einer großen Heterogenität geprägt. Immer wieder wechselt Kurt die Perspektive, streut geschichtliche Exkurse, Songzitate, Betrachtungen über die seltsamen Blüten der Gegenwart, politische Diskussionsthemen wie das Verhältnis des Westens zu Ländern des Nahen Ostens ein, schiebt scheinbar Willkürliches wie eine plötzlich auftauchende Fernsehdokumentation über Ziegen ins Bild oder flicht Verse in freier Form in den Text, die diesen dann weiterführen.

Dazu gibt es Figuren, die allesamt rätselhaft bleiben und deren Funktionsweise sich nicht immer schlüssig erklärt. Manchmal kippt das Ganze gar ins Parodistische, etwa wenn die Kanzlerin auftritt, die mit Perlenkette und strengem blonden Pferdeschwanz absurde Reden schwingt. Auch taucht plötzlich ein Journalisten im Text auf, der auf den Namen „Maurice von Schusslar“ hört, in dem man ohne viel Mühe den früheren Reporter und heutigen Förster Moritz von Uslar erkennen soll.

Dazu gibt es Figuren wie drei „Boys“ mit Undercut, die durch die Handlung geistern wie weiland Shakespeares drei Hexen, nur dass die Jungen Lachgas aus Ballons atmen und über Eissorten diskutieren. Was das soll? Es bleibt zu oft bei Andeutungen oder Ideen, die nicht schlüssig zu Ende geführt werden.

Auch entwickelt das Buch keinen durch- oder wenigstens eingängigen Rhythmus. Vielmehr setzt Zeit der Monster auf permanente erzählerische Standbeinverlagerung und springt am Ende sogar ganz weit ab, nämlich in die Wüste Assyriens, deren mögliche Verbindung zum Veedel nicht nur ein Silberbecher mit eigenartiger Gravur herstellt, sondern auch die Namen mancher von Kurts Figuren und die schon erwähnten Ziegen, die dort dann wieder ihren Auftritt haben.

Sich gegenseitig blockierende Ideen

Es ist eine wahrlich wilde Welt, in die uns Şeyda Kurt stürzt und die es einem alles andere als leichtmacht – ebenso wenig wie der Autorin selbst, die laut Selbstauskunft im Nachwort ihrem Text auch die Stirn bieten musste.

In Zeiten, in denen Teile des Buchmarkts immer passgenauer auf die Erwartungen der Leserschaft zugeschnitten werden, in dem Bücher von Teilen der Leserschaft gezielt nach Tropes, als Handlungsmuster und Motiven gekauft werden und damit jeglicher Überraschung und Unkonventionalität zuwiderlaufen, ist Zeit der Monster das glatte Gegenteil dieser Erwartbarkeit.

Leider blockiert sich das Buch dann aber auch streckenweise selbst mit zu vielen Einfällen und Ideen, die den Eindruck von inszenatorischem Chaos und Überfrachtung hinterlassen. Wo will das Buch hin, was will es außer Überwältigung wirklich erzählen? Diese Fragen tauchten zumindest bei mir nach der Lektüre wieder auf, ganz wie die Dinge aus dem Sumpf, die von diesem immer wieder ausgespuckt werden.


  • Şeyda Kurt – Zeit der Monster
  • ISBN 978-3-446-28460-9 (Hanser)
  • 281 Seiten. Preis: 23,00 €