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Franziska zu Reventlow – Ellen

Porträt einer Widerständigen. In ihrem Roman Ellen von 1903 erzählt Franziska zu Reventlow von einer unangepassten Frau – und zugleich auch ihre eigene Geschichte, die sie zu einer Vorreiterin der Moderne in allen Belangen machte. Wie modern das tatsächlich ist, lässt sich nun dank einer Neuauflage des Romans wieder entdecken.


Aber schreiben muss ich doch. Es gibt so vieles, was man gerne künstlerisch gestalten möchte und es wenigstens noch nicht in der Malerei ausdrücken kann. Da drängt es mich mächtig dazu, es zu schreiben. Und wenn man es schreibt, so will man es auch nicht liegen lassen, einmal aus gemeiner Vernunft und praktischer Überlegenheit und kann kommt einem, wenigstens mir, auch oft das Bedürfnis das, was man vom Leben und von den Menschen gelitten hat, hinauszuschreien, um sich Luft zu machen – damit die gleichgültigen Menschen sich einmal umdrehen, um zu sehen, wer denn da geschrien hat.

Brief von Franziska zu Reventlow

So schreibt es die Künstlerin Franziska zu Reventlow in einem Brief an den Herausgeber der Literaturzeitschrift Die Gesellschaft, Michael Georg Conrad, am 13. Dezember 1893 in München.

Nachlesen lässt sich das im Band Frei Leben! Frauen der Boheme 1890 – 1920, der im Verbrecher-Verlag erschienen ist und der in Buchform die gleichnamige Ausstellung des Münchner Literaturarchivs und Literaturmuseums Monacensia konserviert.

Jene Ausstellung beleuchtet vom Juli 2022 bis in den Juli 2023 hinein die Leben dreier Frauen, die die Münchner Bohème entscheidend prägten. Emmy Hennings, Margarete Beutler und Franziska zu Reventlow bereicherten mit ihrem kreativen Schaffen jene Szene in den 1890er Jahren bis hinein in die 1920er Jahre alle auf ihre eigene Art immens – sind heute aber weitgehend vergessen. Ein Schicksal, das sie mit vielen weiteren Künstlerinnen teilen.

Die wiederentdeckte Franziska zu Reventlow

Franziska zu Reventlow - Ellen (Cover)

Doch nicht nur, dass solche Ausstellungen wie die der Monacensia das Erinnern an ihre Schaffenskraft und ihre Pionierleistungen hochhalten, auch veröffentlicht der Reclam-Verlag mit Ellen nun wieder einen Roman von Franziska zu Reventlow und wirkt damit dem Vergessen der Künstlerin entgegen.

Nicht nur inhaltlicher, sondern auch auf biografischer Ebene ist dieser dabei Roman höchst bemerkenswert und zeigt, mit welcher Konsequenz zu Reventlow Leben und Werk anging.
Ellen macht klar, warum Reventlows Schreiben so unerhört radikal und ihrer Zeit voraus war, sodass sich dieses Buch auch über hundertzwanzig Jahre nach Erscheinen noch immer höchst aktuell liest.

Ihr Roman ist jener schriftgewordene Aufschrei gegen die Konventionen, den sie zehn Jahre zuvor in ihrem Brief an Conrad beschrieb. Immer wieder drängt sich während der Lektüre ihres Buchs der Eindruck auf, dass es weniger die Lebensgeschichte von Ellen Olestjerne als vielmehr ihr eigene Geschichte ist, die wir hier zu lesen bekommen.

Fortwährende Verluste und Unsicherheit

Das beginnt schon beim biografischen Hintergrund. Ihre Titelheldin wächst nämlich wie Franziska zu Reventlow selbst in einem Schloss an der Ostsee auf. Neverhuus, so der Name des Guts, ist aber nur ein Schloss auf Zeit und damit so endlich, wie es für Vieles in Ellens Leben gelten wird.

Ihr Bruder Kai stirbt, irgendwann muss die Familie wieder aus dem Schloss ausziehen, viel Liebe gibt es für das junge Mädchen eh nicht, das als aufsässig gilt und von ihren Eltern immer wieder gemaßregelt wird.

Zwischen zwei Brüdern ist für Ellen wenig Raum für Entfaltung vorhanden, eine Gouvernante soll sie disziplinieren, später folgt die Verschickung in einen Stift. Doch davon lässt sich Ellen nicht aufhalten, die in vielen Passagen wie das Vorbild für Elspeth Barkers Heldin Janet in deren Roman O Caledonia wirkt.

Sprichwörtlich über Nacht flieht sie aus der erdrückenden Enge der Familie, um erst in Lübeck und dann später in München das Glück zu suchen. Mitgliedschaft in Intellektuellenzirkeln, das Durchschlagen als Malerin und Künstlerin, die stete Armut, all das wird in zu Reventlows Schilderungen erlebbar, die sich den ganzen Roman hindurch an den eigenen biografischen Wegmarken orientiert.

In der Schwabinger Bohème

Was das Buch nun so unerhört modern macht, ist seine Radikalität sich selbst gegenüber. Zu Reventlow erzählt ungeschönt von der Armut in München, bei der zwar die Kunst viele Blüten treibt, aber kaum dazu reicht, einmal die Miete zu bezahlen.
Sie erzählt vom Selbstbewusstsein, als Künstlerin Erfolg zu haben und sich nicht von den Männern abhängig zu machen.
Sex spielt in Ellen ebenso wie eine ungeplante Schwangerschaft und die kaum verhüllte Schilderung eines Abgangs eine Rolle.

Somit beleuchtet ihr Roman viele Themen, die auch über hundertzwanzig Jahre später noch immer oder schon wieder Thema in der Gesellschaft sind. Wie überlebt man als Künstlerin, wie findet man zu einer eigenen Ausdrucksform und sich selbst, wie schlägt man sich als Alleinerziehende durch und in wie weit kann man über seinen eigenen Körper verfügen?

Auch in Franziska zu Reventlows Leben spielten diese Fragen eine große Rolle. So zog nach dem Bruch mit ihrer Familie und dem Wegzug nach München dort alleinerziehend einen Jungen auf, dessen Vater sie nie verriet (wenn sie ihn denn überhaupt wusste), lebte in Armut als „Königin der Bohème“ in Schwabing (ganz wie es auch der Roman beschreibt), suchte sich wechselnde Liebhaber, malte, schrieb, schauspielerte, übersetzte, prostituierte sich auch zeitweise, arbeitete als Hostess, heiratete, verlor das Vermögen, kurzum, sie lebte ein unerhört modernes unangepasstes Leben, sie führte ein „einzigartiges, fast unlebbares Leben“, wie es ihre Biografin Kerstin Decker im hervorragenden Nachwort zu Ellen schreibt.

Fazit

Der innere Schrei, den Franziska zu Reventlow in ihrem Schreiben aus dem Jahr 1893 notierte, er hallt in Ellen wieder – und man kann ihn auch heute noch in mit all seiner Radikalität, Wut und Schmerz vernehmen, ohne dass er an Kraft verloren hätte. Das belegt die Lektüre dieses Buchs eindrücklich.


  • Franziska zu Reventlow – Ellen
  • Mit einem Nachwort von Kerstin Decker
  • ISBN 978-3-15-011611-1 (Reclam)
  • 252 Seiten. Preis: 25,00 €