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Sierra Greer – Annie Robot

Wie fühlt sich eigentlich eine Maschine? Sierra Greer zeigt es uns in ihrem Roman Annie Robot und beschert damit nicht nur dem Liebeskind-Verlag ein fulminantes Comeback, sondern legt auch eine der bislang klügsten Auseinandersetzung in Sachen Künstlicher Intelligenz und menschlichem Verhalten vor.


Zwei Jahre dauerte die Pause, die uns der unabhängige Münchner Liebeskind-Verlag zugemutet hat. Verabschiedete man sich vor im Frühjahr 2024 mit Elmore Leonards Western Letztes Gefecht am Saber River in ein Sabbatical, so ist diese Pause nun vorbei.
Wie gut das Comeback des Verlags dem deutschen Buchmarkt nach dieser Zeit tut, das stellt das Buch eindrücklich unter Beweis, mit dem sich Liebeskind nun zurückmeldet.

Annie Robot ist das literarische Debüt der US-Amerikanerin Sierra Greer, die zuvor unter ihrem eigentlichen Namen Caragh M. O’Brien dystopische Bücher für Jugendliche veröffentlicht hatte. Der erste Ausflug ins Genre der „erwachsenen“ Literatur bescherte ihr gleich die Auszeichnung mit dem Arthur C. Clarke-Award, einem prestigeträchtige britischen Literaturpreis, der jährlich für das beste in Großbritannien erschienene Science-Fiction-Werk ausgelobt wird.

Erste Preisträgerin dieses Awards im Jahr 1987 war keine Geringere als Margaret Atwood, die für ihren visionären Weitwurf Der Report der Magd den Preis erhielt. Sierra Greer hat mit der kanadischen Autorin nun nicht nur den Gewinn des Preises, sondern auch das Thema weiblicher Unterdrückung in einer patriarchalen Welt der Zukunft gemein.

Ein Roboter nach den Wünschen des Besitzers

Sierra Greer - Annie Robot (Cover)

Bei Greer ist es allerdings keine wirklich lebendige Frau, aus deren Sicht die Erzählung erzählt wird. Denn Annie ist ein Roboter, und zwar einer der neuesten Generation. Rein äußerlich ist sie nicht von Menschen zu unterscheiden und kann bei der Wartung immer wieder neu nach den Wünschen des Besitzers optimiert werden.

Größere Brüste oder weniger Kilos auf den Rippen? Etwas schlauere Ansprache oder ein naiver Charakter? Für den Anbieter der modernen Roboter ist das alles kein Problem.

Ausgestattet ist Annie mit Künstlicher Intelligenz, die ihr das Lernen und frühzeitige Erkennen der Bedürfnisse ihres Besitzers ermöglicht. Wahlweise im Kuschelhasen-Modus ansteuerbar widersetzt sich der Roboter keinen Wünschen und ist außerhalb seiner Ladezeit immer für den Menschen da.

Doch wie sieht es im Inneren eines solchen Roboters aus, der nur auf die Erfüllung von menschlichen Bedürfnissen wie Sex und Haushalt in Form von Putzen und Kochen ausgelegt ist, der aber dank seiner autodidaktischen Funktion dazulernt? Wie denkt solch ein selbst lernender Roboter, der sich seine Umwelt immer weiter erschließt und durchdringt, während das menschliche Verhalten seines Besitzers immer wieder Rätsel aufgibt?

„Sag mir eins“, sagt er. „Hast du dich gestern Abend wohlgefühlt? Und heute Morgen unter der Dusche?“
Das hat sie, abgesehen von ihrer Unsicherheit und Scham. Sie nickt.
„Ich auch“, sagt er. Er atmet langsam ein und dreht ihre Hand zärtlich in seiner. „Ich möchte, dass wir etwas ausprobieren. Ich sage nicht, dass wir die Vergangenheit vergessen müssen, aber ich möchte nicht mehr darüber nachdenken. Sie muss uns nicht beherrschen. Du wirst mich nicht mehr anlügen oder Geheimnisse vor mir haben. Das ist doch das Wichtigste, oder?“
Sie unterdrückt einen Anflug von Panik. Sie hat bereits Geheimnisse. Gedanken, die sie für sich behält. „Stimmt“, sagt sie.
„Dann verdienen wir es, glücklich zu sein. Guten Sex zu haben. Ein bisschen Spaß.“
„Das fände ich schön.“
„Ich auch“, sagt er mit einem schwachen Lächeln. „Wir versuchen beide, anständige Menschen zu sein. Mal sehen, wohin uns das führt. Okay?“

Sierra Greer – Annie Robot,

Annie ein Mensch? Liest man Sierra Greer stets aus der Außenperspektive geschilderten Roman, ist man doch ganz tief drin in der Gefühlswelt der Maschine, die vielleicht doch die menschlichere im Vergleich zu ihrem Besitzer ist.

Was denkt die Maschine?

Wie denkt und fühlt die Maschine? Was beschäftigt eine Künstliche Intelligenz in Menschenform? Wer Annie Robot liest, der versteht es.

Fragte sich der Visionär Philip K. Dick im Titel seines später von Ridley Scott als Blade Runner verfilmten Buchs Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, so gibt Sierra Greer zwar keine Antwort, führt aber Dicks Idee weiter.

War es bei Dick die Empathie, die Mensch und Maschine unterscheidet, so ist die Technik nun zur perfekten Simulation von Empathie in der Lage, passt sich der Stimmungslage der Besitzer an und ist auch optisch nicht mehr vom Rest der Welt zu unterscheiden. Was ist es dann, das uns zu Menschen macht und uns von den Androiden unterscheidet?

Mit diesen bedenkenswerten Fragen von philosophischer Tiefe verortet sich Sierra Greers Roman inmitten der Gegenwart, in der über die Chancen und Gefahren Künstlicher Intelligenz und deren emotionale Implikationen diskutiert wird.
Zugleich geht Annie Robot aber noch einige Schritte weiter, indem ihr Roman nicht nur Fragen der Technik verhandelt, sondern auch viele weitere gesellschaftliche Reibungspunkte besieht (übersetzt von Stefanie Schäfer).

Zwischen toxischer Männlichkeit und technischer Wunscherfüllung

Annie Robot liefert Impulse für die Themen toxischer Männlichkeit und dem Rückbau feministischer Errungenschaften in der Gesellschaft (womit man wieder bei Atwoods Der Report der Magd wäre). Wohin geraten wir, wenn sich die Tech-Bros des Silicon Valley mit ihrer Hypermännlichkeit durchsetzen und die technischen Lösungen liefern, die die Rolle der Frau in der Gesellschaft weiter zurückdrängen? Was geschieht mit einer Welt, in der sich Männer ihre „Frauen“ so bauen, wie es ihnen beliebt?

Nicht zufällig begegnet Annie und ihrem Besitzer Doug bei einem Ausflug in den Park im Roman dann auch folgendes Musikstück:

Bei ihrem nächsten Ausflug gibt Doug ihr Paunch mit, und das hilft. Es ist ein windiger Abend, und sie macht einen Rundgang um einen großen See, während Doug sie vom Pavillon aus beobachtet. Sie trägt einen kurzen Rock, ein blaues Neckholder-Top und rote Sandalen und fühlt sich immer noch etwas unsicher, aber sie merkt, dass die meisten Leute sie ignorieren und die wenigen, die sie beachten, sie gleichgültig oder bewundernd ansehen. Sie konzentriert sich hauptsächlich auf Paunch und die anderen Hundehalter. Als sie zu Doug zurückkehr, ist sie etwas außer Atem.
„Gut gemacht“, sagt er.
„Danke.“
Er nimmt Paunchs Leine. „Dein Gang war gut, aber du hast zu viel gelächelt. Du sollst nicht zu freundlich wirken.“
„Ich arbeite daran.“

Sie gehen gemeinsam weiter, während der Hund vor ihnen herschnüffelt. Sie kommen an ein paar Mädchen im Teenageralter vorbei, die für Selfies posieren, und Annie hört eine von ihnen sagen: „Ich sehe so aufgebläht aus.“ An der Ecke spielt ein Mann einen gefühlvollen Song auf dem Saxophon.
„Ich kenne dieses Lied“, sagt Doug. „Meine Großmutter hatte eine Spieluhr mit dieser Melodie.“ Er denkt einen Moment nach. „Es geht um eine Straße, aus My Fair Lady.“

Sierra Greer – Annie Robot

Jenes Musiktheater über die gesellschaftliche Formung des Blumenmädchens Eliza Doolittle als Wettstreit zweier Männer basiert ja bekanntermaßen auf dem Theaterstück von Georg Bernard Shaw, in dem dieser den alten Pygmalion-Mythos bearbeitet.

Die Herausbildung einer Frau allein nach dem männlichen Blick, ihre Formung und die dabei völlig vernachlässigte Perspektive der Frau, Sierra Greer schreibt mit Annie Robot auch diesen Mythos fort und in unsere Gegenwart hinein.

Fazit

Was macht die Maschine zur Maschine und wohin geraten wir, wenn man sich seine Frau wirklich nach den eigenen Wünschen bauen kann? Sierra Greer liefert mit Annie Robot eine ebenso unterhaltsame wie intelligente Auseinandersetzung mit den wichtigen Fragen unserer Gegenwart.
Dieser Roman weist weit hinaus über reine Science Fiction und ist reichhaltige Geistesnahrung, wie wir sie vom Liebeskind-Verlag gewohnt sind und viel zu lange darauf verzichten mussten. Gut, dass es nun weitergeht!


  • Sierra Greer – Annie Robot
  • Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
  • ISBN 978-3-95438-181-4 (Liebeskind)
  • 352 Seiten. Preis: 25,00 €

Raphaela Edelbauer – DAVE

Sehen wir der Wahrheit ins Auge: die Menschheit hat ihre Chancen gehabt. Aber Artensterben, Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und das Erstarken autoritärer Regime sind nur ein paar aussagekräftige Beweise die zeigen, dass es die Menschheit alleine nicht schafft. Anstatt die ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen gerecht und nachhaltig zu verteilen, dominiert der Raubbau an der Natur und damit die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Vernunft ist ein hehres Prinzip – nur wir folgen ihr nicht. Wäre es da nicht an der Zeit, das Management jemand anderem zu überlassen? Und da eine intelligente außerirdische Lebensform nicht in Sicht ist, würden sich Computer anbieten. Eine künstliche Intelligenz, die nicht Macht oder politische Durchsetzungskraft zum Maßstab ihres Handelns nimmt. Sondern eine Intelligenz, die auf Bedarfe und Nachhaltigkeit achtet und die passgenau die Befriedigung von Bedürfnissen zum Ziel hat? Eine Intelligenz, der der Spagat zwischen Bewahrung der Schöpfung und dem Fortbestand der Menschheit gelingt.

Doch wie erschafft man eine solche Künstliche Intelligenz? Wie sorgt man dafür, dass sie die richtigen Entscheidungen trifft und so etwas wie ein Bewusstsein entwickelt? Darüber hat Raphaela Edelbauer einen Roman geschrieben. Er trägt den Titel DAVE und ist nach Das flüssige Land das zweite Buch der österreichischen Autorin, das im Klett-Cotta-Verlag erscheint.

Ein Retter namens DAVE

Held von Edelbauers Geschichte ist der Programmierer Syz, der in einer überbevölkerten Welt Arbeit in einer termitenähnlichen Fabrik gefunden hat. Dort versieht er mit vielen anderen Programmierer*innen seinen Dienst, der aus der Erstellung von Scripts besteht. Diese Scripts sollen in DAVE eingespeist werden, einen Supercomputer, auf dem die Hoffnung der Menschheit ruhen. Diese steht nämlich kurz vor dem Aussterben. Viel zu viele Milliarden von Menschen bevölkern die Erde, das Klima hat sich dramatisch verändert, sodass das Überleben auf der Erde kaum mehr möglich ist. DAVE soll es nun richten, um mithilfe seiner künstlichen Intelligenz Lösungen für das Überleben der Menschen zu schaffen.

Raphaela Edelbauer - DAVE (Cover)

Das Problem der künstlichen Intelligenz ist allerdings ein zentrales: wie schafft man es, dass der Computer ein Bewusstsein entwickelt, das für die Problemlösung essenziell ist? Wie schafft man es, aus der künstlichen Intelligenz eine echte zu machen, die sich dem Primat der Logik verschreibt?

Für die Chefentwickler von DAVE ist die notwendige Strategie klar: um das Denken zu lernen, reicht es nicht, tausende von Scripts, also Beschreibungen verschiedener Entitäten, in die Maschine einzuspeisen. Wessen DAVE bedarf, um das Denken zu lernen, ist ein menschliches Vorbild. Und so kommt Syz ins Spiel. Das System hat ihn als perfekten Kandidaten ausgewählt, um seine Persönlichkeit auf DAVE zu übertragen. Funktionieren diese Sitzungen anfangs noch sehr gut, wächst in ihm allerdings schon bald das Misstrauen. Er erhält anonyme Nachrichten zugestellt, die ihn auf die Fährte eines Vorgängers bringen. Offenbar gab es schon einmal den Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen in DAVE einzuspeisen. Doch dieser Mensch ist seither verschwunden, seine Spuren verlieren sich im Nichts.

Science-Fiction, Programmieren, Philosophie

Es sind Motive der Science-Fiction-Kultur, mit denen Raphaela Edelbauer in ihrem Roman spielt. Ein hermetisch abgeschlossenes System, Technologie und Fortschrittshörigkeit, das Ausbrechen eines Menschen aus der Routine, der hinter die Kulissen des Ganzen scheint und das Geschehen zu hinterfragen beginnt. Irgendwo zwischen Blade Runner und Matrix und ist Edelbauers dystopisches Setting anzusiedeln, das sie mit philosophischen Fragestellungen, Exkursen zu Programmierung und Bewusstsein anreichert.

So entsteht ein Text, der aufgrund seiner Struktur und intellektuellen Fülle fordert (und mich offen gestanden auch manchmal überforderte). Die Diskussionen um philosophischen Problematiken, Pascal-Moravec-Vermutung, Neoterraner und Neoplatumanisten oder Programmiersprech sind so schnell getaktet, dass der Prozessor des Lesenden besser ohne zusätzliche Ablenkung laufen sollte.

„Halt“, unterbrach Felix. „Ich habe dir immer gesagt, dass diese Fixierung auf Sprache ist ein Fehler. Ein Artefakt, reine Struktur, bloßes Netzwerk an Netzwerken, Abstraktion – menschliche Sprache hält DAVE doch nur auf – „

„Felis, du weißt, dass das nicht stimmt. Natürliche Sprache ist viel leistungsstärker als programmierter Unsinn. Wir haben intuitiv Einsicht in Dinge, die formell zu beweisen ewig dauert. Eins plus eins ist zwei – weißt du, wie lange Whitehead und Russell für einen formalen Beweis brauchten?“

„Genau“, warf ich ein. „Dass wir über diese intuitive Form von Sprache verfügen, ist die Basis für ein Bewusstsein, Bewusstsein die Basis für Entscheidungsfindung, Entscheidungsfindung für Problemlösung. Und was heißt denn auch: nichtmenschliche Sprache? Programmiersprachen sind nichts als abgespeckte Versionen von natürlicher Sprache.“ Garaus warf mir einen anerkennenden Blick zu. „Und Sprache braucht Identität! Levertov meinte, die Mehrheit in der Theoretischen halte es für plausibel, ja, für die einzige Möglichkeit – „

Edelbauer, Raphaela: DAVE, S. 54 f.

DAVE als Gedankenpalast

Ein Thema, das auf die Autorin eine große Faszination ausübt, ist das Thema des Gedankenpalasts. Dieser spielt in DAVE eine zentrale Rolle und ist auch für die Form des Buchs entscheidend. Immer wieder begegnen wir auf der Reise durch das Buch neuen Erinnerungsbruchstücken. Mal sind es Rückblenden, dann wissenschaftliche Fallbeschreibungen oder eine satirische Kindersendung, die in die Erzählung eingewoben sind. Viele dieser Bruchstücke und erzählerischen Fraktale ergeben erst ganz am Ende des Romans Sinn. Hier gelingt Edelbauer eine erzählerische Schleife, die das Buch zu einem runden Ende fügt. Die zuvor immer wieder verstreuten und manchmal gar widersinnigen Puzzleteilchen fallen an ihren Platz. Und auch wenn ich schon einige Dutzend Seiten zuvor ahnte, wo die Reise hingeht, birgt das Ende von DAVE doch eine wirklich schlaue Schlusspointe.

Das Gedicht von T. S. Eliot, das leitmotivisch im Buch an verschiedenen Stellen auftaucht, bringt das Lesegefühl am Ende von DAVE sehr gut auf den Punkt.

We shall not cease from exploration. And the end of all our exploring will to be to arrive where we started and know the place for the first time.

T. S. Eliot

Bereits zwei Versionen dieses Buch hatte Raphaela Edelbauer geschrieben, ehe sie nun mit der dritten Variante des Buchs nach zehn Jahren des Schwanger Gehens zufrieden war. Auch erzählte die Autorin, dass das Buch gedanklich bereits abgeschlossen war, als sie mit der Arbeit des Schreibens begann. Dieses Gefühl einer wohlüberlegten Konzeption merkt man DAVE auch an. Das sprachverliebte Buch wartet mit vielen kompositorischen, philosophischen und technischen Ideen auf. Es bietet eine herausfordernde Leseerfahrung und bringt das Thema der digitalen Welten und Künstlichen Intelligenz in literarisch ansprechender Form weiter in die belletristische Gegenwart hinein.

Fazit

Der Besuch dieses Gedankenpalasts namens DAVE lohnt auf alle Fälle. Eine gelungene Symbiose aus Digitalem, Dystopie, Philosophie und Science-Fiction. Das Durchhalten bei diesem Buch ist dringend angeraten – denn wer am Ende von angelangt ist, will gleich wieder von vorne beginnen und diesen Gedankenpalast noch einmal besuchen.

Auch Carsten Otte hat der Besuch in Edelbauers eigentümlicher Welt gefallen. Er hat für Zeit Online ebenfalls eine Besprechung des Buchs verfasst.


  • Raphaela Edelbauer – DAVE
  • ISBN 978-3-608-96473-8 (Klett Cotta)
  • 432 Seiten. Preis: 25,00 €