Das Phlegma seines ermittelnden Namenskollegen legt Simon Brenner alias Luca Kieser in seinem neuen Roman Simsalabim, Simon Brenner nicht an den Tag. Dafür taucht der ermittelnde Schriftsteller oder schreibende Ermittler tief in die linke Szene Baden-Württembergs zu Beginn der 2010er Jahre ein.
Man kann nicht behaupten, dass es Luca Kieser an Themen für sein Erzählen mangele. So legte er 2023 mit Weil da war etwas im Wasser seinen tentakulären Debütroman im österreichischen Picus-Verlag vor, der ihm gleich auf Anhieb einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 einbrachte.
Seinen zweiten Roman ließ der Gewinner des FM4-Wortlautwettbewerbs mit Pink Elephant schon im Jahr darauf folgen. Darin erzählte er von der Suche nach Orientierung und Anschluss eines Mittelschicht-Kindes im Taumel des Sommermärchens 2006. Es war und ist ein Roman, der den penetranten Duft eines Axe Deosprays versprüht, so intensiv schildert Kieser darin das pubertäre Wechselbad der Gefühle, das sein Protagonist Vincent durchlebt.
Nun liegt mit Simsalabim, Simon Brenner der dritte Roman von Kieser vor, mit dem er sich altersmäßig von der Pubertät nun zum Studienalter voran gearbeitet hat. Angesiedelt im südwestdeutschen Raum zwischen Tübingen, Heidelberg und Leimen erzählt das Buch eine doppelbödige Geschichte, die uns Luca Kieser präsentiert.
Luca Kieser ermittelt als Simon Brenner
Er selbst ist Erzähler und Hauptfigur – und wird gleich zu Beginn des Romans identitär gleich noch weiter aufgespalten. Denn der junge Polizist namens Luca Kieser erhält beim LKA Stuttgart-Cannstatt eine ganz spezielle Mission. Als verdeckter Ermittler soll er unter dem Namen Simon Brenner die linke Studentenszene für seinen Führungsoffizier Wolfang infiltrieren.
Wir schreiben das Jahr 2010 und man ist nervös beim LKA, denn an den Universitäten regt sich Protest gegen die Studiengebühren, Hörsäle werden besetzt. Da kommt Simon Brenner gerade recht, der sich hineinzaubern soll in die linke Szene.
James Bonds Q lässt in dieser schwäbischen Version eines Undercover-Einsatzes grüßen. Per falschem Ausweis und Uhr mit Aufnahmefunktion, später dann per Wanze soll Luca Kieser die Szene infiltrieren und wichtige Erkenntnisse gewinnen. Denn in Tübingen und Heidelberg wird der Aufstand geprobt – oder zumindest reichlich diskutiert.
Dass die Befürchtungen von Protesten aus dem linken Milieu nicht ganz aus der Luft gegriffen warne, zeigte sich im fraglichen Jahr dann ja auch tatsächlich Ende September. Denn mit dem sogenannten Schwarzen Donnerstag im Rahmen den Protesten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 zeigte sich, dass linke Protestkultur auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen war.
Wachsamkeit gegen links
Liest man Luca Kiesers neuen Roman, so umweht einen auch immer etwas Nostalgie. Die Fiebrigkeit der Behörden ob linker Umtriebe, die Proteste im linken Milieu, die Diskussionen in Student*innenvetretungen bis hin zu Ausschreitungen in den Straßen von Brüssel, es wirkt alles so weit weg, obschon faktisch seit den beschriebenen Vorgängen lediglich fünfzehn Jahre vergangen sind (und sein Roman sich an wirkliche Ereignisse anlehnt).
Aber die Gefahr, die die Behörden in Kiesers Roman den schwäbischen Linken zu Beginn der 2010er Jahre zurechnen, sie ist längst durch das Erstarken der rechten Kräfte abgelöst worden, die ein destruktives Verhalten der bestehenden Ordnung an den Tag legen, gegen das sich das linke Milieu auch in Kiesers Buch recht lächerlich ausnimmt. Rechter Zerstörungslust in dieser Tage steht in Kiesers Roman ausführliches Theoretisieren von links gegenüber, bei dem sämtliche Ideen zur Änderung der bestehenden Ordnung eh keine Marktreife erlangen.
Während die Bilder linker Proteste in Brüssel schon längst von den infernalischen Bildern wütender Bauern im Brüsseler Europaviertel abgelöst wurden, die dort ihre Gülle verspritzen und Barrikaden entzündeten, ist mit dem Reichsbürgermilieu, mit rechtsextremen Fundamentalisten und einer erstarkenden politischen Rechten in den Parlamenten kurz vor der absoluten Mehrheit hierzulande längst eine deutlich wirkmächtigere Gegenbewegung von der Straße bis in den Plenarsaal entstanden, bei der die beschworene Gefahr einer linken Revolution aus heutiger Sicht eher possierlich wirkt.
Der Zaubertrick des Verdeckten Ermittlers
Diese gewisse Harmlosigkeit des Ganzen passt zum Erzählton des Buchs. Geschildert wird Simsalabim, Simon Brenner von Luca Kieser nämlich in einem mündlichen, sehr jugendlichen Tonfall, der den Regeln der Grammatik nicht immer vollständig folgt und der an das Erzählen seines letzten Romans Pink Elephant anschließt.
Jedenfalls glaubten natürlich alle, es wegen meinem großen Bruder, dass ich am Ende zur Polizei bin. Oder dass es mir irgendwie in die Wiege gelegt worden ist, ich meinem von unserem Vater her. Die Wahrheit ist aber, als Kind habe ich zum Zirkus gewollt, Zaubern und diese ganze Nummern. Es ist dann leider nur so gewesen, dass ich bei meinem ersten Auftritt im Zambaioni so nervös gewesen bin, ich habe glatt vergessen, die Innenseite vom Zylinder zu zeigen, bevor ich, Simsalabim, eine glitzernde Girlande herausgezaubert habe. Und danach die Hände nicht ausschütteln, von mir aus. Sich nicht verbeugen, geschenkt. Den Trick aber gar nicht erst herzeigen?
Luca Kieser – Simsalabim, Simon Brenner, S. 20
So was geht gar nicht.
Ganz so furios und radikal wie der Tonfall der Simon Brenner-Krimis von Wolf Haas, die auch Luca Kieser alias Simon Brenner während seiner Einsatzzeit als verdeckter Ermittler liest, ist die Sprache bei ihm nicht.
Das fügt sich ein in das Gesamtbild des Buchs, das auf allen Ebenen leider etwas zu harmlos bleibt. Denn obschon der Roman in einer geschilderten Vorlesungsszene die Anpassungsfähigkeit einer maritimen Hydra beschreibt, die sich, einmal nach links umgestülpt, einfach ihre Zellen von innen nach außen wandern lässt und sich so komplett wandelt, so fehlt dem Roman etwas von dieser tierischen Konsequenz.
Zwar kämpft Simon als Verdeckter Ermittler mit seinen Gefühlen während des Einsatzes, schwankt nicht nur sprachlich zwischen seinem neuen Dasein als Simon Brenner und seiner Existenz als Polizist Luca Kieser, darf auf Hausdächer und in Besprechungsräumen mit linken Studenten sitzen, sieht andere VE bei Protesten, aber weder die Milieudurchdringung noch die persönliche Dissoziation ist in einer überzeugenden Tiefe ausgeführt.
Selbst die finale Konfrontation mit den von ihm Bespitzelten, die am Anfang des Buchs steht, bleibt harmlos. Dieser Zauber ist trotz eines beständig beschworenen Simsalabim thematisch wie in der Ausführung leider ein literarischer Trick, der zumindest in meinen Augen nicht so recht zu funktionieren mag.
- Luca Kieser – Simsalabim, Simon Brenner
- ISBN 978-3-89667-782-2 (Blessing)
- 336 Seiten. Preis: 24,00 €
