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Jennifer Haigh – Licht und Glut

Die Amerikaner und ihre unersättliche Gier nach günstiger Energie – dieses Thema behandelt die Autorin Jennifer Haigh in ihrem neuen auf Deutsch erschienen Roman (übersetzt von Juliane Gräbener-Müller).

Ausgangspunkt ist das kleine Städtchen Bakerton in Pennsylvania im Jahr 2010. Das Dorf hat schon bessere Zeiten gesehen, alles wirkt ein wenig heruntergekommen. Der Knast, die Bar, die Häuser – eigentlich ein typisches Beispiel, wenn heute von abgehängten Regionen und Menschen gesprochen wird. Doch da kommt Bobby Frame in das Dörfchen und wirft die althergebrachte Ordnung über den Haufen. Den Bobby Frame arbeitet für einen Energiekonzern, der entdeckt hat, dass sich unter dem Schiefer Bakertons große Gasvorkommen befinden. Und diese sollen mithilfe von Fracking gefördert werden, dem Energieriesen Gewinn und den Bewohnern Bakertons Wohlstand bringen.

Doch so wie es geplant ist, mag das alles nicht funktioniert. Als Leser wohnt man den Verwicklungen bei, die sich mit dem Auftauchen Frames entwickeln. Die Dorfbewohner entzweit die Frage, ob man sein Land verpachten soll oder nicht. Hoffnungen und Träume sind mit dieser Frage verbunden – doch auch Befürchtungen und Gefahren. Beim Energieriesen setzt man auf Expansion um so die Aktionäre bei Laune zu halten. Doch auch Widerstand formiert sich unter den Anwohnern und so speist sich das Buch aus den Reibungen, die aus dem Dorf heraus entstehen.

Jennifer Haigh bettet ihre multiperspektivisch erzählte Geschichte auch mithilfe von Zeitsprüngen in einen größeren Kontext ein, der zeigt, dass der Hunger nach Energie schon immer ein bestimmendes Motiv amerikanischer Geschichte war. Vom Ölförderboom im Prolog bis hin zur Reaktorkatastrophe von Harrisburg – stets dominiert das Energiemotiv die Geschichte.

Daneben ist Licht und Glut auch ein aktueller Einblick in die Befindlichkeiten auf dem Land – ein dringend notwendiger Blick, der nach der Wahl Donald Trumps als Manifestation genau dieser Probleme zutage trat, schon wieder aus dem Blick der Öffentlichkeit gerät.

Neben Annie Proulx aktuellem Roman das Beste aus Amerika, was sich zurzeit zum Thema Umwelt(schutz), Kapitalismus und Streben nach Energien auf dem Buchmarkt aus Übersee finden lässt!

Tom Bouman – Auf der Jagd

Country Noir ist ein boomendes Genre im Bereich der Kriminalliteratur. Autoren wie Daniel Woodrell (Winters Knochen), Donald Ray Pollock (Knockemstiff) oder jüngst Matthew F. Jones (Ein einziger Schuss) bedienen dieses Genre, das einen Blick auf das einfache und arme Amerika zwischen West- und Ostküste wirft. Der ungeschönte Blick zeigt die Lebenswelt der Außenseiter, die sich oftmals ungewollt in Verbrechen verstricken und in Drogen und Gewalt einen Ausweg suchen. Eine Facette, die bei unserem Blick auf die Vereinigten Staaten oftmals vergessen wird (zwei lesenswerte Aufsätze zu diesem Thema finden sich hier und hier).

Tom Bouman ist ein weiterer Debütant, der sich auf diesem Feld versucht. Er erzählt in Auf der Jagd vom Provinzpolizisten Henry Farrell. Dieser hat sich am Ende der Welt in Pennsylvania niedergelassen, um den Tod seiner Frau und seinen Kriegseinsatz in Somalia zu vergessen. Doch das Paradies ist auch sein selbst gewähltes Refugium nicht. Neben seiner windschiefen Hütte beuten große Fracking-Unternehmen die Bodenschätze aus; gierig schielen alte Nachbarn aufeinander, wer wohl am Fracking-Boom am meisten verdient.

Farrell versieht seinen Job ohne echte Höhepunkte, bis sich gleich zu Beginn des Buchs alles ändert. Per Zufall findet man in der bergigen Landschaft die Leiche eines Mannes, den keiner im Dorf kennt. Der unbekannte Mr. X bleibt allerdings nicht der einzige Tote, über den Farrell stolpert. Kurz nach dem Auffinden der Leiche wird sein Deputy erschossen – und auch hier ist der Täter flüchtig. In der Folge durchstreift Farrell die Wälder, stöbert Crystal-Meth-Labore auf und versucht die schweigsame und mürrische Dorfgemeinschaft zum Reden zu bringen. Doch die Suche nach dem oder den Mördern ist vertrackter, als es zunächst den Anschein hat.

Mit seinen Worten spannt Tom Boumann eine intensive und lesenswerte Geschichte auf, der man gerne folgt. Sein Debüt ist eine Bereicherung für das Genre des Country Noir. Der Ich Erzähler Farrell ist ein angenehmer Protagonist, dem man mit Wohlwollen bei seinen Ermittlungen zusieht und mit dem man gerne Zeit verbringt. Abgesehen von einigen kleineren Unstimmigkeiten (Henry Farrell kann zwar mit dem Gehör die mixolydische Stimmung eines Banjos erkennen, weiß aber nicht wann die Eisenzeit war) ist das Buch für ein Debüt sehr gut geraten (Übersetzung von Gottfried Röckelein).

 

Krimiliebhaber sollten generell ein Auge auf den kleinen fränkischen Verlag haben – hier sind in nächster Zeit noch einige spannende Veröffentlichungen von Krimiautoren zu erwarten, unter anderem George B. Pelecanos und Bernd Ohm. Bereits erschienen ist der letzte Band der Charlie-Resnick-Reihe von John Harvey. Hier tut sich also einiges!