Monthly Archives: August 2026

Maria Reva – Ein Königreich für eine Schnecke

Der Roman als Jurte. In ihrem Debütroman Ein Königreich für eine Schnecke nimmt uns die die in Kanada lebende Autorin Maria Reva mit in ihre Geburtstland, die Ukraine. Sie erzählt von linksgewundenen Schnecken, entführten Junggesellen und einem Land im Krieg. Leider meint sie es dabei mit postmodernen Spielereien etwas zu gut…


Nach hundertdreiundneunzig Seiten ist Maria Revas Buch eigentlich am Ende angelangt, das macht zumindest das schriftgewordene ENDE denken, das den Text auch optisch beschließt. Eine Danksagung für Inspirationsquellen, unter anderem Lisa Hallidays Roman Asymmetrie und Deb Olin Unferth und ihr Roman Happy Green Family schließen sich an, nach biografischen Informationen und Anmerkungen zur verwendeten Schriftart ist Schluss mit dem Buch.

Doch da gibt es nur einen kleinen Haken. Auch wenn alles nach Ende aussieht, so weist Maria Revas Roman doch eigentlich noch weitere 275 Seiten auf, die dem Ende noch folgen sollen. Und auch der Text hat bis zu seinem vorläufigen Ende einige seltsame Wandlungen durchgemacht. Denn Revas Buch hört plötzlich nicht mehr auf den Titel Ein Königreich für eine Schnecke, sondern trägt den Titel Eine glückliche Familie ist nur ein vorgezogener Himmel, wofür sich die Autorin dann auch in der vorgezogenen Danksagung bei einigen Personen erkenntlich zeigt.

Wie das kam, dass das Buch plötzlich einen anderen Titel trägt, ist genauso wie das mitten ins Buch hineingepflanze Ende eine der vielen postmodernen Spielereien, mit denen Reva ihren Text auflädt. Denn ändernde Titel, Zwiegespräche mit einem Jurtenbesitzer, ein aus der Perspektive einer Schnecke geschildertes Kapitel oder die aus dem Text heraustretende Autorin sind nur einige Elemente in diesem Roman, der obgleich inhaltlich recht exzentrisch, zumindest auf der Erzählebene recht konventionell beginnt.

Drei Frauen, ein Bus und dreizehn Junggesellen

Maria Reva - Ein Königreich für eine Schnecke (Cover)

Zunächst stehen zwei Frauen im Mittelpunkt des Romans. Jewa ist ein junge Frau, die sich dem Erhalt von Schnecken verschrieben hat. Einen Kleinbus hat sie zum mobilen Labor umgebaut, mit dem sie die ganze Ukraine bereist, um seltene Schnecken zu finden und diese mithilfe ihres rollenden Labors vor dem Aussterben zu bewahren. Das Geld für diese Missionen verdient sie bei sogenannten Liebestouren.

Diese Liebestouren werden von einer Agentur durchgeführt, bei der Junggesellen aus dem Ausland auf organisierten Touren in Kontakt mit ukrainischen Frauen gebracht werden, auf dass sie dort unter Zuhilfenahme von Dolmetscherinnen die Liebe ihres Lebens finden.
Auf die Liebe kann Jewa zwar verzichten, nicht aber auf das Geld, das ihr diese Liebestouren bescheren. Und noch eine zweite wichtige Begegnung beschert ihr die Liebestour, nämlich die Bekanntschaft mit den Schwestern Nastja und Sol.

Diese sind eigentlich auf der Suche nach ihrer Mutter, einer bekannten ukrainischen Aktivisten im Stile von Pussy Riot oder Femen. Sie ist verschwunden, weswegen die Schwestern einen waghalsigen Plan entwickelt haben.
Mithilfe von Jewa und ihrem mobilen Labor wollen sie Junggesellen entführen, um mit der spektakulären Aktion ihre Mutter auf sich aufmerksam zu machen oder wenigstens ihre Fährte aufzunehmen.
Doch aus den anvisierten hundert gekidnappten Junggesellen wird nicht nur eingedenk des mangelnden Platzes in Jewas Bus nichts, dreizehn Teilnehmer des Liebestouren können die drei Frauen dann aber doch in ihren Bus locken.

Die letzten Schnecken ihrer Art

Vollends wild wird diese Geschichte, als nun ein Bekannter Jewa auf die Existenz einer weiblichen Schnecke hinweist, die zur letzten noch lebenden Schnecke in Jewas Besitz, ein sogenannter Endling, passen könnte. Die außergewöhnliche linksgewundene Schneckenform macht die Tiere dergestalt außergewöhnlich, dass Jewa kurzentschlossen mit den Schwestern und den Entführten an jenen Ort aufbricht, an dem der Bekannte die Schnecke gesichtet hat.
Es ist ausgerechnet Cherson im Süden der Ukraine, die jede Minute im Begriff steht, in die Hände der heranrückenden russischen Truppen zu fallen. Doch davon lässt sich Jewa nicht aufhalten, schließlich geht es um das potentielle Überleben einer Schneckenart…

Ist der Plot von Ein Königreich für eine Schnecke mit seiner Engführung von Endzeit für die seltene Schneckenart und die Endzeit für die Ukraine schon extravagant genug, wird es durch den Entführungsplot noch einmal gesteigert. Doch es scheint, als hätte Maria Reva ein wenig der Mut verlassen, nur auf diese besondere Konstruktion zu vertrauen, weil sie diese Erzählung dann kurz vor Ende des ersten Buchs selbst implodieren lässt. Sie hinterfragt selbstkritisch die Tragfähigkeit ihrer Erzählanlage und biegt in einem zweiten Teil in eine völlig andere Richtung ab, als sie ihre Rolle als Schriftstellerin im Ausland reflektiert, die auf die Geschehnisse in ihrem Geburtstland schaut und hierzu einen Essay verfassen will, dessen Einreichung dem herausgebenden Magazin nicht ins Konzept passt.

Plötzlich will sie eine alternative Geschichte zu ihrer eigentlichen Erzählung um Jewa, die Schnecken, die zwei Schwestern und zehn Junggesellen schreiben, ehe dann ein Interview wieder die vierte Wand durchbricht und sich dem etwas rappeligen Ende des Buchs im zweiten Teil dann ein Dialog mit einem Jurtenmacher anschließt.
Das sind alles nette Spielereien, die den Fluss ihres Buchs unterbrechen, Ein Königreich für eine Schnecke in meinen Augen aber auch unnötig schwächen.

Zu viele Spielereien und erzählerisches Brimborium

Denn die ungewöhnliche Annäherung über die Schnecken und entführten Junggesellen ist eigentlich dazu angetan, einen interessanten Zugang zur Erzählung einer überfallenen Ukraine zu leisten, den man so noch nicht gelesen hat und der die Schrecken, das Groteske und die Falschheit dort vor Ort eindrücklich miterleben lässt (wodurch Ein Königreich für eine Schnecke auch an die jüngsten Erzählungen Serhij Zhadans und seinen großen Wurf Internat erinnert).

Alles weitere erzählerische Brimborium stört da eigentlich nur, auch wenn man argumentieren könnte, dass die konsequente Brechung des Erzählflusses auf stilistischer Ebene den Krieg nachbildet, der alle Normalität und Ordnung zerstört.
Und doch nimmt er in diesem Falle überwiegend nur den Fokus von der Wucht ihrer Geschichte weg, die gerade durch die Absurdität des Ganzen so gut geeignet ist, dem Wahnsinn der realen Welt erzählerisch zu trotzen. Hätte sich Reva mehr auf den Kern ihrer Geschichte verlassen, wäre Ein Königreich für eine Schnecke vielleicht noch ein besseres Buch geworden.

Eine weitere Perspektive auf Maria Revas Debüt gibt es in der Kulturzeit von 3sat, dort schildert die Literaturkritikerin Miriam Zeh ihre Perspektive auf den Roman.


  • Maria Reva – Ein Königreich für eine Schnecke
  • Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
  • ISBN 978-3-423-28548-3 (dtv)
  • 479 Seiten. Preis: 26,00 €


Tamara Štajner – Luft nach unten

Die Familie in Nord-Mazedonien, der Kinderwunsch in Wien. Tamara Štajner spannt in ihrem Roman Luft nach unten ein Netz um ihre Protagonistin, das diese zwischen familiären Kindheitswunden, Begehren und Unsicherheit einzuschnüren droht.


Von hoher Dringlichkeit sei der Text namens Luft nach unten gewesen, den Tamara Štajner beim Wettlesen im Rahmen des Klagenfurter Bachmannpreises 2024 vorgetragen habe. Das bescheinigte ihm die Jurorin Mara Delius, was Juryvorsitzender Klaus Kastberger gar mit dem Lob ergänzte, der Text sei einer der besten, den er je in Klagenfurt gehört habe. Brigitte Schwens-Harrant, die den Text zu den 48. Tagen der deutschsprachigen Literatur eingeladen hatte, sah besonders in der Beziehung der ambivalenten Mutter-Tochter-Beziehung imponierende Qualitäten. Denn der Text stellt eine literarische Konfrontation einer Tochter mit ihrer Mutter, den vererbten Traumata und dem Versuch einer Emanzipation von Erlebtem dar.

Dem Lob für Štajners Text unisono folgte dann folgerichtig auch die Vergabe des von der Kärntner-Elektrizitäts-Aktiengesellschaft. kurz KELAG, gestifteten Preises in Höhe von 10.000 Euro, den Štajner errang.
Dass dieser Gewinn aber keineswegs der Schlusspunkt für den Text war, das beweist der nun vorliegende Roman von Tamara Štajner. Denn jene Beschau eines komplizierten Mutter-Tochter-Verhältnisses, die die im slowenischen Novo Mesto geborene Autorin damals vortrug, ist nun zu einem Roman gereift. Dieser ist schlüssigerweise allen Töchtern und Müttern gewidmet und schließt auch einen Dank an Brigitte Schwens-Harrant ein, die das Potential von Štajners Prosa schon im Vorfeld des Bachmann-Wettbewerbs erkannt hatte und diesen folglich ins Rennen schickte.

Aus Klagenfurt nach Nord-Mazedonien

Tamara Štajner - Luft nach unten (Cover)

Die Beziehung von Müttern und Töchtern ist noch immer großes Thema, das Tamara Štajner nun aber deutlich ausgebaut hat, obgleich der Kern ihres Textes noch Bestand hat. So laboriert Iva noch immer am Verhältnis zu ihrer Mutter. Deren psychologischer Druck in Form eines ständigen Wiegens auf der schwarzen Waage zuhause hat sie zwar hinter sich gelassen, so ganz verdrängen kann sie das Erlebte aber nicht. Die tief in sie eingeschriebenen Erinnerungen sind in der Zwischenzeit aber auch zu einer künstlerischen Quelle geworden, denn Iva reüssiert als Musikerin. Sie hat erneut ein ein neues Album vorgelegt, dessen künstlerisches Potential sich auch aus dem Spannungsverhältnis mit ihrer Mutter speist.

Ihren Mann Felix und das etablierte Leben in Wien lässt sie aber gleich zu Beginn für eine kurze Zeit hinter sich, als sie sich in die alte Heimat nach Nord-Mazedonien begibt, wo ihr früheres Kindermädchen verstorben ist.
Was mit einer eindrücklichen Szene auf dem Friedhof beginnt, weckt auch bei Iva vergrabene Erinnerungen. Denn als Aufenthaltsort für den Abschied vor Ort erwählt sie sich ein Hotel aus ihrer Kindheit, in dem auch ihre Verwandtschaft lebt.

Das bringt Iva viele Erinnerungen und neue Erkenntnisse in Bezug auf ihre Familie, obschon sie eigentlich im fernen Wien gerade selbst mit ihrem Mann eine Familie gründen will. Doch Erinnerungen und Messengerdienste sorgen für eine Bindung an Themen, mit denen sich die Musikerin vor Ort eigentlich gar nicht so vertieft beschäftigen wollte.

Zwischen Zeugungskraft und Mutterproblemen

Denn nicht nur, dass sich schon die Prüfung der Zeugungsfähigkeit ihres Mannes als großes Problem herausstellt, es gibt auch noch einen Geliebten, mit dem Iva eine amour fou verbindet. Auch das Thema ihrer Mutter ist noch nicht aus der Welt und so wohnt man im Falle von Luft nach unten einem ganzen Bündel an Themen und Problemen bei, das Iva zu umfangen droht wie ein ganzer Wald aus Schlingpflanzen, der einem beim Baden unter Wasser festzuhalten droht.

Was macht eigentlich eine Familie aus, was erzählt man sich, wie löst man sich von ihr und emanzipiert sich? Und ist es wirklich eine gute Idee, die eigene Familienplanung stur voranzutreiben, wenn viele eigene Themen noch gar nicht aufgearbeitet sind?

Diese Fragen stellt Tamara Štajners Text, der obschon auf den ersten Blick vielleicht in manchen Passagen vermeintlich etwas zu seicht ist (hier sind die die seitenweise ausgewalzten Themen der Abgabe einer Spermaprobe zwecks Untersuchung oder die für mein Empfinden etwas zu klischeebeladene Affäre zu nennen).

Auch könnte man Luft nach unten vorwerfen, dass er in Teilen zu sehr an der Oberfläche bleibt (die Geschehnisse in Nord-Mazedonien und die Rolle ihres Vaters, die dann im Mittelteil gar keine Rolle mehr spielt oder die immer wiederkehrenden digitalen Wutausbrüche Ivas, die irgendwann recht repetitiv werden, zählen hierzu).

Der Bruch zwischen Nord-Mazedonien und dem neuen Leben in Wien, er gäbe auch noch deutlich mehr her, als es uns Tamara Štajner zugesteht. Dennoch hat der Text durchaus Unterströmungen und einige Schlingpflanzen, die beim literarischen Bad in Luft nach unten lauern und die man sich gerne verheddert.

Fazit

Vermeintlich leicht und in Teilen komödiantisch, auf den zweiten Blick dann doch intensiver als zunächst gedacht, so ist Luft nach unten von Tamara Štajner, das die das Thema konfliktbeladener Mutter-Tochter Beziehungen, der Frage nach der Loslösung des Alten innerhalb von Familien und die Frage der Weitergabe von Mustern und Traumata an die eigenen Kinder verhandelt.
Legt man den in Klagenfurt präsentierten Text und den nun ausgearbeiteten Roman nebeneinander, so zeigt Luft nach unten eindrücklich, wie sich ein Text weiterentwickeln und noch reifen kann, wenn man ihm genug Raum und Zeit gibt.
Schön, dass Tamara Štajner sich für diese Reifung die Zeit genommen hat!


  • Tamara Štajner – Luft nach unten
  • ISBN 978-3-552-07582-5 (Zsolnay)
  • 333 Seiten. Preis: 25,00 €

Emma Stonex – Sunshine Man

Gelb in allen Schattierungen bietet Emma Stonex in ihrem zweiten Roman Sunshine Man auf. Dabei erzählt sie vom Rachewunsch einer Frau und von der Schwierigkeit, sich dem Stigma der eigenen Familiengeschichte zu entziehen.


Mit ihrem Debüt Die Leuchtturmwärter gelang der Britin Emma Stonex ein Überraschungserfolg. Das Buch, das vom mysteriösen Verschwinden gleich mehrerer Männer von einer abgelegenen Insel vor der Küste Cornwalls erzählte, entwickelte sich nicht nur im englischen Sprachraum zu einem vielgelesenen Bestseller.

Nun, fünf Jahre später, gibt es Nachschub von Stonex. In der Übersetzung von Eva Kemper erzählt die Britin nun vom Sunshine Man – beziehungsweise zunächst erst einmal von Birdie Keller, die uns einen der eindrücklichsten Eingangssätze an den Kopf wirft, der in letzter Zeit auf dem hiesigen Buchmarkt zu lesen war:

Die Woche, in der ich einem Mann in den Kopf schoss, fing ganz normal an.

Emma Stonex – Sunshine Man, S. 11

Was und wie es dazu kam, das dröselt Stonex‘ Text erst ganz langsam auf. Denn warum Birdie Keller sich plötzlich eine lange gelagerte Waffe schnappt, ihren Mann und ihre zwei Kinder kurzerhand verlässt und sich auf eine fiebrige Jagd begibt, an deren Ende ein Schuss in den Kopf steht, das erklärt der Blick zurück auf ihre eigene Vergangenheit.

Die Wunden der Vergangenheit

Emma Stonex - Sunshine Man (Cover)

So wuchs Birdie bei einer Pflegemutter in Devon auf. Ihre Mutter übergab sie dieser nach ihrer Geburt im Jahr 1947 und machte sich daraufhin für lange Zeit aus dem Staub. Später kehrte sie kurzzeitig in Birdies Leben zurück, aber nur um ihrer Pflegemutter und ihr ein zweites Kind zu übergeben, ihre Halbschwester Providence. Gemeinsam wuchsen die beiden Frauen dort in Devon auf und knüpften freundschaftliche Banden.

Doch dann kam es zum grausamen Mord an Providence, der auch Birdies Leben auf den Kopf stellte. Die Gründung einer eigenen Familie und achtzehn Jahre, die seit diesem Ereignis vergangen sind, erweisen sich als dünne Tünche, die die darunterliegenden Verwerfungen in ihrer ganzen Drastik wieder zutage fördern, als Birdie einen entscheidenden Anruf erhält.

Der Mörder ihrer Halbschwester wird aus dem Gefängnis entlassen. Und so greift Birdie zur Waffe, um nun Selbstjustiz zu üben. Das erweist sich allerdings als deutlich komplizierter, als sie es sich zuvor in ihrer Fantasie ausgemalt hat. Der Wunsch nach Rache, er lässt sich nämlich nicht so leicht befriedigen, vor allem wenn auch der potentielle Mörder James Maguire seine eigene Geschichte zu erzählen hat.

Die Geschichte von Birdie und die Geschichte von James, Emma Stonex stellt sie in Sunshine Man gegenüber. Sie tut dies, indem sie über mehrere Großkapitel immer wieder die Perspektive wechselt. Vor allem die männliche Perspektive fällt dabei mit stilistischer Vielfalt auf. Denn nicht nur, dass Stonex aus der 3. Person auf ihn blickt, auch montiert sie noch Tagebucheinträge und Briefe, die mal gesendet und ein andermal nie abgeschickt wurden, in den Text.

Fragen von Rache und sozialer Vorbestimmung

So entstehen zwei Perspektiven, die tief in die Seelen blicken lassen. Das Aufwachsen Birdies und der nie wirklich versiegende Schmerz ob des Mordes an ihrer Halbschwester, dazu die Schmerzen von James Maguire, der aus einer aufgrund ihrer kriminellen Mitglieder gemiedenen Familie stammt. und diesen Makel nie wirklich loswird, Stonex erzählt anschaulich davon.
Manchmal wagt sie dabei sogar einen perspektivischen Gegenschuss, der die beiden zentralen Figuren noch genauer konturiert.

Dabei spart die britische Autorin auch nicht mit Drastik. Ein Mord, eine Vergewaltigung und der brodelnde Wunsch nach Rache, der James‘ Wunsch nach einem Neuanfang gegenübersteht, Stonex packt dies alles in ihren Text hinein.

So ist Sunshine Man auch ein Buch, das die Frage der Resozialisierung behandelt und der die sozialen Dynamiken der beiden Figuren beleuchtet, während die Rahmenhandlung ebenfalls einer gewissen Dynamik unterliegt. Denn von Exeter und Cornwall bis nach Devon reicht der Weg, den James und Birdie zurücklegen, während sie auch immer stärker das Lasten der Vergangenheit auf sich spüren.

Mal erinnert dieser Text an Louise Doughty, mal weckt Sunshine Man auch Assoziationen zu Megan Nolans Debüt oder dem US-Amerikaner Eli Cranor. Kann man der Vergangenheit und seiner Herkunft entkommen?

Gelb in allen Schattierungen

Diese Fragen wirken über den Text hinaus, dem im Ganzen vielleicht auch ein wenig dezenterer Einsatz der Signalfarbe Gelb gut getan hätte. Gefühlt auf jeder zweiten Seite taucht die Farbe Gelb auf, und das in allen Schattierungen. Gelbe Werbeplakate, gelbe Socken, goldene bis schmutzig-gelbem Ockertöne bevölkern den Text, bis auch der letzte Leser verstanden hat, dass diese Farbe ein Leitmotiv ist.

Hier wäre vielleicht etwas mehr Zurückhaltung angebracht gewesen, vor allem da Stonex Text ansonsten sprachlich durchaus nuanciert gearbeitet ist (Übersetzung aus dem Englischen von Eva Kemper). Von solchen Einwänden abgesehen ein starkes Buch, mit dem sich Emma Stonex nun zurückmeldet!


  • Emma Stonex – Sunshine Man
  • Aus dem Englischen von Eva Kemper
  • ISBN 978-3-7587-0040-8 (S. Fischer)
  • 395 Seiten. Preis: 24,00 €