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Tamara Štajner – Luft nach unten

Die Familie in Nord-Mazedonien, der Kinderwunsch in Wien. Tamara Štajner spannt in ihrem Roman Luft nach unten ein Netz um ihre Protagonistin, das diese zwischen familiären Kindheitswunden, Begehren und Unsicherheit einzuschnüren droht.


Von hoher Dringlichkeit sei der Text namens Luft nach unten gewesen, den Tamara Štajner beim Wettlesen im Rahmen des Klagenfurter Bachmannpreises 2024 vorgetragen habe. Das bescheinigte ihm die Jurorin Mara Delius, was Juryvorsitzender Klaus Kastberger gar mit dem Lob ergänzte, der Text sei einer der besten, den er je in Klagenfurt gehört habe. Brigitte Schwens-Harrant, die den Text zu den 48. Tagen der deutschsprachigen Literatur eingeladen hatte, sah besonders in der Beziehung der ambivalenten Mutter-Tochter-Beziehung imponierende Qualitäten. Denn der Text stellt eine literarische Konfrontation einer Tochter mit ihrer Mutter, den vererbten Traumata und dem Versuch einer Emanzipation von Erlebtem dar.

Dem Lob für Štajners Text unisono folgte dann folgerichtig auch die Vergabe des von der Kärntner-Elektrizitäts-Aktiengesellschaft. kurz KELAG, gestifteten Preises in Höhe von 10.000 Euro, den Štajner errang.
Dass dieser Gewinn aber keineswegs der Schlusspunkt für den Text war, das beweist der nun vorliegende Roman von Tamara Štajner. Denn jene Beschau eines komplizierten Mutter-Tochter-Verhältnisses, die die im slowenischen Novo Mesto geborene Autorin damals vortrug, ist nun zu einem Roman gereift. Dieser ist schlüssigerweise allen Töchtern und Müttern gewidmet und schließt auch einen Dank an Brigitte Schwens-Harrant ein, die das Potential von Štajners Prosa schon im Vorfeld des Bachmann-Wettbewerbs erkannt hatte und diesen folglich ins Rennen schickte.

Aus Klagenfurt nach Nord-Mazedonien

Tamara Štajner - Luft nach unten (Cover)

Die Beziehung von Müttern und Töchtern ist noch immer großes Thema, das Tamara Štajner nun aber deutlich ausgebaut hat, obgleich der Kern ihres Textes noch Bestand hat. So laboriert Iva noch immer am Verhältnis zu ihrer Mutter. Deren psychologischer Druck in Form eines ständigen Wiegens auf der schwarzen Waage zuhause hat sie zwar hinter sich gelassen, so ganz verdrängen kann sie das Erlebte aber nicht. Die tief in sie eingeschriebenen Erinnerungen sind in der Zwischenzeit aber auch zu einer künstlerischen Quelle geworden, denn Iva reüssiert als Musikerin. Sie hat erneut ein ein neues Album vorgelegt, dessen künstlerisches Potential sich auch aus dem Spannungsverhältnis mit ihrer Mutter speist.

Ihren Mann Felix und das etablierte Leben in Wien lässt sie aber gleich zu Beginn für eine kurze Zeit hinter sich, als sie sich in die alte Heimat nach Nord-Mazedonien begibt, wo ihr früheres Kindermädchen verstorben ist.
Was mit einer eindrücklichen Szene auf dem Friedhof beginnt, weckt auch bei Iva vergrabene Erinnerungen. Denn als Aufenthaltsort für den Abschied vor Ort erwählt sie sich ein Hotel aus ihrer Kindheit, in dem auch ihre Verwandtschaft lebt.

Das bringt Iva viele Erinnerungen und neue Erkenntnisse in Bezug auf ihre Familie, obschon sie eigentlich im fernen Wien gerade selbst mit ihrem Mann eine Familie gründen will. Doch Erinnerungen und Messengerdienste sorgen für eine Bindung an Themen, mit denen sich die Musikerin vor Ort eigentlich gar nicht so vertieft beschäftigen wollte.

Zwischen Zeugungskraft und Mutterproblemen

Denn nicht nur, dass sich schon die Prüfung der Zeugungsfähigkeit ihres Mannes als großes Problem herausstellt, es gibt auch noch einen Geliebten, mit dem Iva eine amour fou verbindet. Auch das Thema ihrer Mutter ist noch nicht aus der Welt und so wohnt man im Falle von Luft nach unten einem ganzen Bündel an Themen und Problemen bei, das Iva zu umfangen droht wie ein ganzer Wald aus Schlingpflanzen, der einem beim Baden unter Wasser festzuhalten droht.

Was macht eigentlich eine Familie aus, was erzählt man sich, wie löst man sich von ihr und emanzipiert sich? Und ist es wirklich eine gute Idee, die eigene Familienplanung stur voranzutreiben, wenn viele eigene Themen noch gar nicht aufgearbeitet sind?

Diese Fragen stellt Tamara Štajners Text, der obschon auf den ersten Blick vielleicht in manchen Passagen vermeintlich etwas zu seicht ist (hier sind die die seitenweise ausgewalzten Themen der Abgabe einer Spermaprobe zwecks Untersuchung oder die für mein Empfinden etwas zu klischeebeladene Affäre zu nennen).

Auch könnte man Luft nach unten vorwerfen, dass er in Teilen zu sehr an der Oberfläche bleibt (die Geschehnisse in Nord-Mazedonien und die Rolle ihres Vaters, die dann im Mittelteil gar keine Rolle mehr spielt oder die immer wiederkehrenden digitalen Wutausbrüche Ivas, die irgendwann recht repetitiv werden, zählen hierzu).

Der Bruch zwischen Nord-Mazedonien und dem neuen Leben in Wien, er gäbe auch noch deutlich mehr her, als es uns Tamara Štajner zugesteht. Dennoch hat der Text durchaus Unterströmungen und einige Schlingpflanzen, die beim literarischen Bad in Luft nach unten lauern und die man sich gerne verheddert.

Fazit

Vermeintlich leicht und in Teilen komödiantisch, auf den zweiten Blick dann doch intensiver als zunächst gedacht, so ist Luft nach unten von Tamara Štajner, das die das Thema konfliktbeladener Mutter-Tochter Beziehungen, der Frage nach der Loslösung des Alten innerhalb von Familien und die Frage der Weitergabe von Mustern und Traumata an die eigenen Kinder verhandelt.
Legt man den in Klagenfurt präsentierten Text und den nun ausgearbeiteten Roman nebeneinander, so zeigt Luft nach unten eindrücklich, wie sich ein Text weiterentwickeln und noch reifen kann, wenn man ihm genug Raum und Zeit gibt.
Schön, dass Tamara Štajner sich für diese Reifung die Zeit genommen hat!


  • Tamara Štajner – Luft nach unten
  • ISBN 978-3-552-07582-5 (Zsolnay)
  • 333 Seiten. Preis: 25,00 €

Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies

Ein Kinderwunsch zieht in Ron Rashs Roman Mit einem Fuß im Paradies weite Kreise. Aus verschiedenen Perspektiven blickt der US-amerikanische Autor auf das Geschehen im ländlichen South Carolina, das aus dem Sehnen nach einem Kind erwächst und erweist sich dabei einmal mehr als Spezialist für zwischenmenschliche Abgründe


Vor zwei Jahren stellte der im fränkischen Cadolzburg beheimatete Ars Vivendi-Verlag mit Ron Rash wieder einmal seinen Spürsinn für erzählerische Talente und gute Bücher unter Beweis. Der Friedhofswärter hieß das Buch, das ein schon fast shakespeare’sches Geflecht von Liebe, Lüge und Täuschung aufbot und von einem jungen Paar erzählte, das durch die Intrige seiner Eltern auseinandergebracht werden sollte.

Damit erschloss der unabhängige Verlag Ron Rash erstmals für den deutschen Buchmarkt und erhielt dafür einiges an Aufmerksamkeit. Nun setzt der Verlag diese Arbeit fort und präsentiert mit Mit einem Fuß im Paradies ein Frühwerk, genauer gesagt das Debüt des 1953 geborenen Autors und Universitätsprofessors.
One foot in eden stammt aus dem Jahr 2002 und liegt nun erstmals in der Übersetzung von Gottfried Röckelein vor (wofür sich der Verlag nun löblicherweise dafür entschieden hat, auch den Übersetzer prominent auf dem Cover auszuweisen).

Ein Vermisster in South Carolina

Ron Rash - Mit einem Fuß im Paradies (Cover)

Obgleich Rash sein Debüt diesmal in South Carolina statt in North Carolina (wie im Fall des vor zwei Jahren erschienenen Friedhofswärters) spielen lässt, sind es auch hier die 1950er Jahre, die den zeitlichen Rahmen der Geschichte bilden. Und auch der Erzählansatz den Rash später weiter verfolgen sollte, ist hier schon angelegt. Verschiedene Ich-Erzähler blicken nacheinander auf das Geschehen und ergeben so allmählich das erzählerische Ganze, das tief in zwischenmenschliche Abgründe blickt.

Alles beginnt mit einer Vermisstenanzeige, die den Bezirkssheriff Will Alexander erreicht. So ist Holland Winchester verschwunden, der sich in der Gegend schon einen Ruf als Quertreiber erarbeitet hat.
Für Sheriff Alexander ist der Fall klar: Winchester muss vom Farmer Billy Holcombe ermordet worden sein, denn dessen Frau hatte ein Affäre mit Winchester. Dass Winchester und nicht Billy Holcombe der Vater des gemeinsame Kind des Farmerpaars ist, es ist ein offenes Geheimnis und wäre ein gutes Motiv, das hinter dem Verschwinden Winchesters stecken könnte.
So macht sich der Sherriff auf die Suche nach dem Vermissten, der eigentlich nur tot sein kann.

Mord aus Eifersucht, Billy, das hätte deine Verteidigungsstrategie sein können, dachte ich und folgte ihm durchs seichte Wasser. Du hättest gestern zu mir ins Büro kommen, dich stellen und mit offen und ehrlich alles über Holland und deine Frau sagen sollen. Dann wärst du wahrscheinlich noch glimpflich mit einem „Verbrechen aus Leidenschaft“ davongekommen, Billy, auch wenn es ein Kriegsheld war, den du umgebracht hast. Aber jetzt hast du es vermasselt. Du hast dein Verbrechen vertuscht. Und nun sieht alles nach Planung aus, nach Vorsatz.

Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies, S. 47

Ein Mord ohne Leiche

Bei der Suche nach dem Vermissten gibt es allerdings nur ein Problem – Holland ist nicht aufzufinden, weder als Lebender noch als Toter. Zwar weisen alle Indizien auf die Ermordung Winchesters hin, aber weder eine Durchsuchung des Flusses noch eine Suche in den umliegenden Wäldern und Feldern führt zu einem Ergebnis. So steht der Sheriff vor einem Problem: keine Leiche, keine Mordermittlung und auch kein Prozess.

Während sich der Sheriff in die Suche nach Winchesters Leiche verbeißt, blickt Ron Rash derweil dann aus den Augen des Farmers und später auch seiner Frau auf das Geschehen, das im Verschwinden des Quertreibers mündete. Dabei fügt sich Strich für Strich zu einem Bild von Enttäuschung, von unerfüllten Kinderwünschen und einer Dorfgemeinschaft zusammen, in der viele viel zu viel voneinander wissen, und das Entscheidende dann doch unausgesprochen bleibt.

Alle Ich-Erzähler blicken aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf das gleiche Geschehen und schaffen es trotz viel Gemeinsamkeiten nicht, zu einem förderlichen Miteinander zu kommen. Weit stehen der Farmer, seine Frau und der ermittelnde Sherriff vor der eindrucksvoll geschilderten Weite der Natur auseinander. Mit ihrem Handeln setzen sie alle den letzten Satz des Romans eindrucksvoll in die Tat um: Dies war ein Ort für die Verlorenen.

Untiefen in verschiedenen Formen

Von dieser Verlorenheit, dem Unausgesprochenen und dem Willen einer physischen Lösung für psychologische Bedürfnisse erzählt Rash anschaulich. In Mit einem Fuß im Paradies wird eben nicht nur der Fluss mit seinen Untiefen durchsucht, sondern auch der Autor lotet die Untiefen in den zwischenmenschlichen Beziehungen aus.
Dabei kommt auch wieder sein Talent für die Inszenierung des Schauplatzes zum Tragen. Die von Dürre geplagten Landschaft, die Schönheit der Natur, die Gefahr, aber auch die Unbeschwertheit, die sie bieten kann, all das fängt sein Buch bravourös ein.

Einmal hatten Travis und ich als Kinder im Wolf Creek geangelt. Es war Oktober gewesen, die Zeit, wenn die Süßwasserforellen zum Laichen in die Bäche schwimmen. Wir hatten am Creek-Zufluss gleich zwei Forellen gefangen, stattliche Männchen mit hakenförmigen Kiefern, deren Flecken an beiden Seiten leuchteten und groß waren wie Stechpalmenbeeren. Travis und ich hatten uns den Bach hinaufgearbeitet und unsere schweren Fischgalgen hinter uns hergezogen. Eine Untiefe noch, dann machen wir kehrt, hatten wir uns immer wieder vorgenommen, da wir wussten, wer an der Quelle dieses Baches lebte. Aber Fische zu fangen war einfach zu schön. Also machten wir weiter.

Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies, S. 59

Fazit

Schon dieses Debüt zeigt einen genauen Beobachter, der weiß, dass im Spannungsfeld zwischen den Menschen und ihren Wünschen die interessantesten Geschichten entstehen. Mit einem Fuß im Paradies ist ein starkes Buch, das anschaulich illustriert, welche großen Folgen aus einem kleinen Kinderwunsch erwachsen können. Dieses Werk macht Lust auf weitere Übersetzungen des US-Amerikaners.

Und tatsächlich gäbe es da noch einiges zu entdecken. Mit Kurzgeschichten, Lyrik und weitere sechs unübersetzte Romanen ist das übrige Oeuvre von Ron Rash tatsächlich noch äußerst reichhaltig und bietet sicherlich noch einige Glanzlichter auf. Das lässt sich nach nun zwei Proben aus dem Werk des US-Amerikaners auf alle Fälle sagen.

Es wäre dem Ars Vivendi-Verlag zu wünschen, dass sich die beharrliche Arbeit in Sachen Autorenförderung dann auch weiter auszahlt!


  • Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Gottfried Röckelein
  • ISBN 978-3-7472-0766-6 (Ars Vivendi)
  • 252 Seiten. Preis: 24,00 €