Pauline de Bok – Beute

Wer sich mit dem Gedanken trägt, selber einmal zur Büchse zu greifen und eine Jagdausbildung zu beginnen – mit Beute – Mein Jahr auf der Jagd hält er oder sie das richtige Buch zur Vorbereitung in der Hand. Die Niederländerin Pauline de Bok hat es geschrieben – und nimmt den Leser mit in ein Jahr in der Einsamkeit Mecklenburg-Vorpommerns. Dort hat sie sich in einem umgebauten Stall niedergelassen und bejagt die Natur der Umgebung. Eigentlich ist de Bok Übersetzerin und hat beispielsweise die Werke Wolfgang Herrndorfs ins Niederländische übertragen – doch auch die Jagd übt einen großen Reiz auf sie aus. Und nach der Lektüre lässt sich konstatieren – dieser Reiz überträgt sich schnell auf den Leser.

Denn im Jahreszeiten-Turnus erzählt Pauline de Bok von ihren Streifzügen, Erlebnissen und Eindrücken aus dem Revier. Sie schafft es, ihre Eindrücke packend und nachvollziehbar zu schildern. Ist doch das Bild des Jägers ja immer noch mit vielen Klischees behaftet. Der schmerbäuchige, in Loden gewandte und von einem Rauhaardackel begleitete End-60er, der mit der geschulterten Flinte durch den Tann streift – dieses Bild mag aus manchem Heimatfilm geblieben sein, mit der tatsächlichen Jagd hat das wenig zu tun. De Bok nimmt die Leser mit auf den Hochsitz und zu Drückjagden. Wann dürfen Tiere bejagt werden? Was ist beim Wahren des Gleichgewicht im Wald zu beachten? Und wird einem nicht langweilig, wenn man stundenlang in der Kälte und Dunkelheit auf einem Hochsitz ansitzt?

Pauline de Bok versteht es anschaulich und nachvollziehbar zu erzählen. Nach dem Studium der Lektüre wird man firm im Jägerlatein sein. Kirrung, Schweiß, Blume, ansitzen, Spiegel oder Jährling – das alles kennt man am Ende des Buchs. Und wenn nicht, dann wartet an jenem Ende auch ein Glossar für Nichtjäger, das die wichtigsten Begriffe noch einmal aufführt und übersetzt.

Besonders schön ist auch, dass de Bok auf jegliche Überhöhung und Romantisierung des Jägerlebens verzichtet. Im Umgang mit eigenen Schwächen und dem Scheitern ist sie höchst souverän. Sie erzählt von Ängsten, Fehlschüssen und auch animalischen Gedanken, die sie während der Jagd befallen. Denn ihr Buch ist neben seiner deskriptiven Anlage auch dazu angetan, Anstöße über das Verhältnis von Leben, Jagen und eigenem Fleischgenuss zu geben.

Geradezu gierig macht sich die Autorin manchmal über das Aufbrechen eines frisch erlegten Tieres her. Sie beschreibt, wie sie häutet, zerlegt und das Tier anschließend zubereitet. Das mag manchem Veganer sicherlich auf den Magen schlagen, ich finde de Boks Umgang mit der Materie hingegen sehr ehrlich. Wir haben schon lange verlernt und verdrängt, was unser Fleischverzehr eigentlich bedeutet. Auf das Tier und dessen Leid deutet beim Einkauf beim Metzger oder im Supermarkt nichts mehr hin, die Herkunft des Produkts haben wir feinsäuberlich verdrängt. In Beute wird das wieder offenbar. Egal ob Innereien oder Wildbret – Pauline de Bok ist schonungslos in ihren Beschreibungen und weckt so auch neue Sensibilität für unsere Ernährungsgewohnheiten.

Fazit

Beute ist ein weiteres Buch aus dem boomenden Genre des Nature Writing (ähnliche empfehlenswerte Titel sind H wie Habicht von Helen MacDonald oder Mein Leben als Schäfer von James Rebanks). Ein Buch über die Faszination Jagd, eine Reflexion über unser Verhältnis zum Töten und ein Blick ins Tätigkeitsfeld moderner Jäger. Weidmännisch gesprochen: ein glatter Volltreffer!

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